Als Dietrich von Stemme in die alte Gehörlosenschule tritt, wird es laut. "Kein Abriss, kein Neubau, koZe verteidigen!", skandieren verkleidete Gestalten mit Sonnenbrillen, Perücken und Tiermasken. Dramatische Orchestermusik hallt durch die Flure. Ein bulliger Mann in Warnweste zündet ein Tischfeuerwerk. Eine Frau schreit dem Unternehmer ins Ohr: "Arschloch-Investor!"

Von Stemme ist Unternehmer, ein älterer Herr mit HSH-Nordbank-Schirmmütze und roten Wangen. Eigentlich sollte das hier ein Routinetermin werden. Von Stemme und seine Firma wollen auf dem Gelände der alten Schule neue Wohnungen bauen, auch Sozialwohnungen und ein Studentenwohnheim. Sie wollten sich das Gebäude nur mal anschauen am vergangenen Montag. Doch seit September haben sich linke Aktivisten darin recht gemütlich eingerichtet und ein autonomes Stadtteilzentrum gegründet, das "kollektive Zentrum", das "koZe".

Nicht nur von Stemme ist seither in Sorge, die Aufregung ist groß in Teilen der Stadt. Es drohe "mit dem koZe neben der Roten Flora ein zweites autonomes Zentrum" zu entstehen, hatte das Abendblatt einige Tage zuvor geschrieben. Noch am selben Tag gab die CDU eine Pressemitteilung heraus: "Wenn sich in Hamburg kleine radikale Gruppen Grundstücke ungestört unter den Nagel reißen können, dann läuft etwas gewaltig schief in unserer Stadt."

Jetzt ist die Stimmung angespannt im Münzviertel. Für die einen ist von Stemme der fiese Investor. Für andere sind die Menschen, die sein Haus besetzt haben, gewaltbereite Linksradikale. Falsch ist womöglich beides. Und das koZe ist ein Beispiel dafür, wie schnell die Lage sich zuspitzen kann, wenn Linke und Konservative in der Stadt eine neue Bühne finden für ihre rituellen Scharmützel.

Wie konnte es so weit kommen?

Die ehemalige Gehörlosenschule im Münzviertel ist nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. "KoZe bleibt", steht auf Transparenten im Innenhof. Die neuen Nutzer haben bunte Fabelwesen auf die Fensterscheiben gezeichnet. Kinder rennen zu einer Schaukel, ein Mädchen rattert auf einem selbst gebauten Lastenrad herum. Alles wirkt recht friedlich, am Tag vor dem Besuch des Unternehmers und seiner Delegation. Kinder spielen Kicker, Studenten reparieren Fahrräder, andere lassen sich draußen die Sonne ins Gesicht scheinen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Da vorn im Schatten unterhalten? Magste ’ne Limo?", fragt eine junge Frau mit großen Augen und kurzen Haaren. "Nenn mich Charlie", sagt sie. Eigentlich heiße sie anders, ihren echten Namen zu nennen hält sie jedoch inzwischen für zu gefährlich. Nicht einmal ihr Alter will sie verraten, nur: Lehrerin sei sie, zurzeit aber krankgeschrieben. Neben Charlie setzt sich Stefan, wohl auch ein Pseudonym, ein Mann mit grauen Strähnen und runder Brille, Typ: Verkäufer im Bio-Supermarkt.

Charlie und Stefan sind das Presseteam des koZe, mittlerweile mit beachtlicher Interviewerfahrung. Der NDR war gerade da, das Abendblatt, die taz, Deutschlandradio Kultur.

Man braucht die beiden nicht groß zu fragen, sie fangen einfach an zu reden. "Die Stadt müsste uns eigentlich auf die Schulter klopfen für das, was wir hier gerissen haben", sagt Stefan. Seit Jahren versuche die Stadt vergeblich, im Münzviertel Sportangebote zu schaffen. Im koZe könne man jeden Abend einen anderen Sport treiben, kostenlos, sagt Stefan. "Und was passiert? Wir werden in die kriminelle Ecke gestellt." Charlie sagt: "Im Grunde ist das Rufmord."

Tatsächlich lässt sich die Geschichte vom koZe auch sehr freundlich erzählen, wenn man will. Wie ein schönes Märchen: Es war einmal ein Schulgebäude, in das seit vielen Monaten keine Kinder mehr kamen. Einige Nachbarn wünschten sich, das leere Backsteingebäude sinnvoll zu nutzen, also fragten sie die Stadt um Erlaubnis. Es tat sich nichts. Dann beschlossen sie, sich die Räume einfach zu nehmen. Sie besetzten die Schule, bis die Polizei kam und die Menschen wegtrug.

Das war im vergangenen Juni. Kurze Zeit später machte die Stadt den Leuten ein Angebot. Sie erlaubte den Aktivisten, von September an das Erdgeschoss der Schule zu nutzen, bis die Bagger anrücken, um die Schule abzureißen und Wohnungen zu bauen. Die Anwohner freuten sich, 70 Euro für 70 Quadratmeter war eine sehr günstige Miete. Sie hatten immer mehr Ideen für das alte Haus. Bald reichte das Erdgeschoss nicht mehr aus. Die Türen zu den oberen Stockwerken standen offen, also übernahmen sie einfach auch diesen Teil. In einem Raum ließen sie die Kleinen spielen, einen anderen verwandelten sie in eine Fahrradwerkstatt, einen weiteren in eine Turnhalle.

Charlie und Stefan wissen inzwischen, wie sie ihre Argumente aufs Wesentliche reduzieren können. "Man muss sich klarmachen, worum es hier geht", sagt Stefan. "Das ist ein leer stehendes Gebäude, dessen Abriss für Mitte 2016 beschlossen ist. Wir würden gern das ganze Haus mieten, bis die Bagger kommen. Dann sind alle zufrieden."

Alle? Nicht ganz. Im Rathaus kommt Dennis Gladiator die Treppe zur Bürgerschaft heruntergeeilt. "Freut mich." Er lässt sich in einen Sessel fallen im sachlich eingerichteten Fraktionsbüro der CDU. In der Ecke überträgt ein Fernseher die Sitzung der Bürgerschaft. Gladiator ist ein wuchtiger Mann mit weichen Gesichtszügen. Er ist innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, die Berichte über die drohende Eskalation in der Schule sind für ihn ein Steilpass, politisches Kapital. Gladiator kann über das koZe aus dem Stegreif Sätze sagen, die sich für Schlagzeilen eignen. "Die Koalition redet das Problem klein" ist so einer.