Arianna Huffington zu übersehen ist in jeder Hinsicht unmöglich. Ihre Frisur: ein hochtoupierter Hügel am Hinterkopf. Ihre Stimme: ein grell-herzliches amerikanisches Englisch mit den Resten eines griechischen Akzents. Ihr Geschäftsmodell: eine Internetzeitung, die den meisten ihrer Autoren nichts bezahlt und für ihre Leser kostenlos ist. Heute trägt sie ein Kleid aus royalblauem Satin, ein bunter Farbfleck in all dem Anzuggrau und Anzugschwarz, das sich zu einer Konferenz im Berliner Tempodrom versammelt hat, um die Digitalisierung zu feiern. Arianna Huffington hat dazu allen Grund: Vor zehn Jahren hat die Frau in Blau die "Huffington Post" gegründet, inzwischen zählt das "Forbes"-Magazin sie zu den 100 einflussreichsten Frauen der Erde. Auf der Bühne referiert sie über die Onlinezeitung, die mit 13 Ausgaben weltweit Monat für Monat Millionen von Lesern erreicht. Sie berichtet, dass inzwischen 100.000 Blogger für die "HuffPost" schreiben, und verkündet, dass diese Zahl auf eine Million steigen soll. Weil sich möglichst viele melden sollen, diktiert sie ihre E-Mail-Adresse, dann geht sie von der Bühne und umarmt Mathias Döpfner, den Chef des Axel-Springer-Konzerns. Früher bezeichnete der die "Huffington Post" als das "Anti-Geschäftsmodell des Journalismus", jetzt klatscht er Beifall.

DIE ZEIT: Frau Huffington, nach der Rede heute, was hat Ihnen Mathias Döpfner ins Ohr geflüstert?

Arianna Huffington: Er sagte mir, wie sehr er mit mir übereinstimme. Ich bin überzeugt: Wenn du dich als etablierter Champion fühlst, dann hat dein Abstieg schon begonnen. Das ist unsere Philosophie bei der Huffington Post, und es ist meine Lebensphilosophie. Betrachte dich nie als ein vollständiges Projekt, sondern immer als work in progress, fordere und störe dich immer wieder selbst.

ZEIT: Döpfner hat die Huffington Post einmal als Anti-Geschäftsmodell für den Journalismus bezeichnet. Können Sie seine Sicht verstehen?

Huffington: Auch wenn wir unterschiedliche Ansichten darüber haben, was im Internet Geld kosten und was umsonst sein sollte, beeindruckt mich, wie überzeugt Mathias davon ist, dass die Medien digital werden müssen. Gestern haben wir während eines Abendessens gesprochen, da war er so weit, dass er sagte: Print wird nicht überleben – während ich gesagt habe: Natürlich wird Print überleben.

ZEIT: Bei dem Dinner sollen Sie gescherzt haben, dass Döpfner nicht Ihr Boss geworden sei. Es gab ja das Gerücht, dass Springer die Huffington Post übernehmen könnte. Kommt das noch?

Huffington: Bei dem Abendessen gestern habe ich die Gerüchte mit einem kleinen Scherz aufgegriffen, weil natürlich jeder erwartet hat, dass ich etwas dazu sage. Aber ernsthaft kann ich sie nicht kommentieren, die Verhandlungen waren vertraulich.

ZEIT: Aber würden Sie denn mit Mathias Döpfner eine gemeinsame Linie finden?

Huffington: Ich glaube nicht, dass wir verschiedener Meinung sind. Alles bei Axel Springer bewegt sich zum Digitalen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

ZEIT: Anders als Springers Bild-Zeitung wollen Sie mit dem Projekt "What’s Working" ganz gezielt gute Nachrichten in den Mittelpunkt stellen. Was funktioniert besser?

Huffington: Bisher sind viele Medien getrieben von dem Motto "If it bleeds, it leads" – "Je blutiger, umso interessanter". Wir wollen die Realität nicht beschönigen: Jeden Tag gibt es eine Vielzahl negativer Geschichten, über die wir berichten müssen. Aber wir wollen unseren Lesern ein umfassendes und genaues Bild der Realität vermitteln. Dazu gehören Geschichten über Einfallsreichtum, Leidenschaft, Innovation. Daran arbeiten wir weltweit, koordiniert von unserem deutschen Chefredakteur Sebastian Matthes als Global Editor.