Die meisten Personalien aus der Ökonomie sind für das politische und wirtschaftliche Leben in Deutschland weitgehend irrelevant – diese ist es nicht: Im März kommenden Jahres wird Clemens Fuest den aus Altersgründen ausscheidenden Hans-Werner Sinn als Präsident des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung ablösen.

Der Wechsel markiert eine Zäsur. Und das hat mit dem Institut zu tun, vor allem aber mit der Rolle seines Präsidenten. Hans-Werner Sinn ist nicht irgendein deutscher Ökonom, er ist der deutsche Ökonom. Kein anderer Wirtschaftsforscher hat in den Medien, aber auch in der politischen Debatte so viel Gewicht wie Sinn. Er hat den Reformen der Agenda 2010 den Weg bereitet, er hat die Exzesse der Banken angeprangert. Und er war mit seiner Kritik an der Euro-Rettungspolitik auch so etwas wie der geistige Vater der AfD – zumindest bis diese sich in rechtsnationalen Untiefen verirrte. Wenn ein hochrangiger deutscher Parlamentarier sagt, ohne Sinn "hätten wir wahrscheinlich längst die Schulden in der Währungsunion vergemeinschaftet", dann ist das allenfalls ein wenig übertrieben.

Nun also geht Sinn, und es kommt Fuest – und das hat Folgen für die ökonomische Debatte in diesem Land. Dabei sind sich Sinn und Fuest nicht unähnlich. Beide stammen aus Westfalen, sind als Ökonomen hoch angesehen und international gut vernetzt. Beide vertreten inhaltlich überwiegend konservativ-liberale Ansichten. Fuest ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums und im Kronberger Kreis: einem Zusammenschluss wirtschaftsliberaler Hochschulprofessoren. Wie Sinn sieht er die Maßnahmen zur Rettung des Euro skeptisch und sagt das auch so.

Und doch sind die beiden völlig unterschiedliche Typen. Sinn ist Generalist. Er hat eine seiner ersten wissenschaftlichen Arbeiten über Karl Marx und das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate verfasst. Er hat sich zu fast allen wirtschaftspolitischen Themen geäußert – vom Klimawandel bis zur Migration. Viele seiner Bücher wurden zu Bestsellern, wie zum Beispiel seine Abhandlung über die ökonomischen Fehler bei der deutschen Wiedervereinigung, die er zusammen mit seiner Frau verfasste.

Sinns Selbstbild ist das des Universalgelehrten, der mit aller Kraft für seine Überzeugungen kämpft – und sich dabei manchmal auch verkämpft. Der Mann mit dem markanten Bart ist ein Meister darin, komplizierte ökonomische Sachverhalte so zu vereinfachen und zuzuspitzen, dass sie auch für Laien verständlich sind. Dafür lieben ihn seine Fans, dafür hassen ihn seine Gegner.

Die Politik der EZB läuft darauf hinaus, dem Sparkapital Geleitschutz auf dem Weg nach Südeuropa zu geben
Hans-Werner Sinn, noch ifo-Chef

Einer seiner größten Coups: die These von der sogenannten Target-Falle. Weil die Europäische Zentralbank die Banken in den Krisenstaaten über das Zahlungsverkehrssystem Target mit Geld versorgt, haften die deutschen Steuerzahler, wenn diese Kredite etwa beim Austritt eines Landes aus der Währungsunion nicht zurückgezahlt werden. Für Sinn ist klar: Hier wird, an den Parlamenten vorbei, Geld umverteilt. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er nicht etwa in einem wissenschaftlichen Fachaufsatz, sondern in einem Zeitungsbeitrag – und löste damit eine heftige Kontroverse aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

An den Formulierungen feilt er in solchen Fällen mit derselben Energie, mit der seine Kollegen ihre mathematischen Gleichungen lösen. Da läuft dann "die Notenpresse heiß" und das "deutsche Sparkapital" erhält "Geleitschutz" durch die Zentralbank. Sinn hat mit dieser Methode eine maximale Öffentlichkeitswirksamkeit erreicht und genießt vor allem im konservativen Bürgertum Kultstatus. Seine Kritiker allerdings werfen ihm vor, er sei wiederholt gezwungen gewesen, im Verlauf der von ihm losgetretenen Debatten zurückrudern, weil seine Thesen doch etwas zu spitz formuliert gewesen seien.

Fuest würde so etwas wahrscheinlich nicht widerfahren. Sinns missionarischer Wesenszug geht ihm ab, ebenso wie dessen Leidenschaft für Vortragssäle und Fernsehkameras. Vielleicht hat es auch mit seinem akademischen Werdegang zu tun. Nach Stationen in Köln und Mailand wechselte der 46-jährige Steuer- und Finanzexperte an die Universität Oxford, wo er das Zentrum für Unternehmensbesteuerung leitete. Erst vor wenigen Monaten wurde er Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Fuest weiß, dass die Währung im modernen Wissenschaftsbetrieb die Publikation in Fachzeitschriften ist und gehört auch deshalb zu den publikationsstärksten deutschen Ökonomen.

Als Politikberater wirkt Fuest am liebsten im Hintergrund – etwa über die vielen Zirkel und Gremien, in denen er Mitglied ist. Wenn er an die Öffentlichkeit geht, dann bevorzugt er leise Töne.

Mir bereitet großes Unbehagen, was von der EZB alles erwartet wird. Wir überfordern die Geldpolitik
Clemens Fuest, bald ifo-Chef

Exemplarisch lassen sich die Differenzen zwischen den beiden Ökonomen am Fall Griechenland festmachen. Sinn plädiert für einen Ausstieg des Landes aus der Währungsunion, weil er glaubt, dass die Griechen mit dem Euro nicht wettbewerbsfähig seien und noch auf Jahre hinaus von den Steuerzahlern im Rest Europas finanziert werden müssten. Am Montag dieser Woche reiste Sinn nach Berlin, um auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz für das Ende des "griechischen Experiments" zu werben.

Fuest teilt Sinns Bedenken, er hält die Risiken eines Grexits aber für nicht kalkulierbar. Vor zwei Jahren veröffentlichte er deshalb mit anderen führenden Ökonomen einen Aufruf gegen die Forderung der AfD nach Auflösung der Währungsunion. Mit dieser Herangehensweise hat er es im Berliner Politikbetrieb einfacher als Sinn, der bei Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt einen schweren Stand hatte. Die Europäer sollten "Griechenland im Euro halten, aber nicht um jeden Preis", sagt Fuest. Ganz ähnlich würde das wahrscheinlich die Kanzlerin formulieren.

Der Wechsel nach München ist für ihn auch eine Rückkehr. Fuest hat sich nach dem Studium in Bochum und Mannheim sowie der Promotion in Köln in der bayerischen Landeshauptstadt habilitiert und in jenen Jahren auch Hans-Werner Sinn kennengelernt. Der hinterlässt seinem Nachfolger ein Haus, das zu den führenden Wirtschaftsinstituten des Landes gehört. Die Münchner arbeiten an der Konjunkturprognose für die Bundesregierung mit und veröffentlichen einmal monatlich den viel beachteten Geschäftsklimaindex.

Das ist vor allem Sinns Verdienst. Er hatte einst das ifo Institut in einem verheerenden Zustand übernommen und hat es wieder an die Spitze geführt. Nun wird Fuest wohl die Steuerabteilung stärken. Große Änderungen in der Ausrichtung des Institut sind aber unwahrscheinlich. Der Laden läuft schließlich, und der neue Chef will sich erst einmal mit den Mitarbeitern beraten.

Sinn hat im kleinen Kreis signalisiert, dass er nach seinem Ausscheiden beim ifo weniger in der Öffentlichkeit präsent sein wolle als bisher. Die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland dürfte dann berechenbarer werden – aber auch ein wenig langweiliger.