Es kann jetzt vorkommen, dass man in ein Lokal geht, und der Kellner begrüßt einen mit: "Wie geht es Ihnen? Darf ich Ihnen ein passendes Bier empfehlen?" Offenbar handelt es sich um ein Getränk von Bedeutung, Bier hat hier eine Seele. Über Brauweisen, Hopfensorten, Ober- und Untergärigkeit spricht der Serviermensch mit Hingabe. Über die Lebenseinstellung der jungen Braumeister, aus deren Mikrobrauereien das Bier stammt, erzählt er wie von Freunden. Auf jeden Fall kommt es in gut aussehenden Flaschen. Die Etiketten wirken wie Liebhaberprojekte interessanter Grafikdesigner. Man trinkt es aus Stielgläsern, in die man die Nase tauchen soll, um den Reichtum der Hopfenblüten wahrzunehmen. Aromen von Mango, ein Hauch Heckenrose, vielleicht etwas Karamell. Dann wölbt sich aus dem Bouquet der malzige Körper des Bieres, bevor Zunge und Rachen allmählich die Erfrischung der Hefe spüren.

Craft-Beer zu trinken gehört zu einer Konsumhaltung, die aus etwas Schlichtem wie einem Glas Bier, einer Tasse Kaffee oder einem Stück Schokolade einen kostbaren Augenblick konzentrierter Wahrnehmung macht. Man feiert dabei besonders die alltäglichen Produkte als Ergebnis kreativen Bewusstseins und aufrichtigen Handwerks. Denn ein Handwerker ist jemand, der weiß, wie man etwas macht. Das kommt uns wie etwas sehr Besonderes vor, weil wir von den meisten Objekten, die uns umgeben, ja nicht mehr so genau wissen, wie sie gemacht werden, nur wie man sie benutzt. Wir müssen nach ihrer Logik mit ihnen umgehen, unsere Handlungen passen sich ihnen an. Insofern steuern eigentlich eher die Dinge uns als wir sie: leicht zu durchschauende wie, sagen wir, Dosenöffner und schwierige wie Smartphones. Einen Handwerker stellen wir uns aber als jemanden vor, der sich zumindest ein wenig Handlungsmacht zurückerobert hat. Man hat fast das Gefühl, dass sich etwas davon auf die eigenen Kräfte überträgt, wenn man Lebensmittel zu sich nimmt, die spüren lassen, dass sie aus echtem Handwerk stammen.

Gerade das Essen und Trinken engagiert uns ja sonst in unübersichtliche Verhältnisse, weshalb man auch der "gleichbleibenden Qualität" großer Marken nicht mehr wie früher vertraut: Es hat Informationen gegeben über die Geschäftspraktiken global agierender Firmen, die Rohstoffe ausbeuten, lokale Märkte zerstören und jahrhundertealte Traditionen in ihren optimierten Produktionszyklen zermahlen. Informationen, die man nicht im Einzelnen behalten kann, von denen nur ein diffus schlechtes Gewissen zurückbleibt, weil man als Konsument doch diese Vorgänge geradezu inkorporiert. Man trinkt das gute, alte Bier von deutscher Bitterkeit, und es schmeckt genau wie das vorige Pils und das nächste, weil es aus einer Brauerei kommt, deren Namen jeder kennt und die einem multinationalen Konzern gehört. Ein Unbehagen beschleicht einen. Craft-Beer dagegen, "handwerklich hergestelltes Bier", schmeckt originell und verspricht damit eine Aufmerksamkeit für Rohstoffe, Herstellungsmethoden und Handelsumgebungen, die im Maßstab echter Profite niemals aufzubringen wäre.

Die Craft-Brauer und ihre Kunden empfinden sich als kosmopolitisch

Man kann auch leicht sehen, wo es herkommt, indem man dem Braumeister seines "Quartierbieres" einen nachbarschaftlichen Besuch abstattet. In Hamburg-Stellingen, hinter einem Farbenhandel und einer Autosattlerei, macht zum Beispiel Braumeister Simon Siemsglüss in seiner winzigen Brauerei alles selber. Seine Anlage fasst zehn Hektoliter, ein Braudurchgang dauert sechs Wochen. Dann klemmt er immer vier Flaschen auf einmal in eine kleine Abfüllmaschine. Ein Etikettiergerät versieht sie mit Aufklebern, die eine Freundin von ihm entworfen hat: Buddelship heißt das Bier.

Gelernt hat Siemsglüss in bayerischen und britischen Großbrauereien, aber er arbeitet lieber unabhängig. Er verdingt sich nicht als Spezialist in Produktionsabläufen, deren Ergebnisse ihm fremd wären. Er muss aber auch nicht, wie andere urbane Selbstständige, sein Leben vor dem Bildschirm verbringen. Er ist Herr über seine Verfahren und schafft dabei etwas Persönliches. Jede Abfüllung seiner Biere schmeckt ein bisschen anders, weil sein Handwerk eben nicht standardisiert ist. Man kann gar nicht anders, als einen zufriedenen Mann in Simon Siemsglüss zu sehen, unkompliziert gekleidet, blonder Kinnbart und angenehm wortkarg. Am schönsten sei es, sagt er, wenn er mit den Menschen zusammen sein könne, die sein Bier trinken, auf Festivals oder in der Nachbarschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Die Craft-Brauer und ihre Kunden empfinden sich als kosmopolitisch, lokal verwurzelt, aber ausgesprochen offen für Aromen und Brauweisen aus aller Welt. In Stellingen schmeckt das Bier nach Hopfenblüten aus Australien und Amerika. Siemsglüss braut Porter, Pilsener, Rotbier und India Pale Ale. Dieser leichte, blumige Bierstil ist ein Relikt aus der britischen Kolonialzeit und in der Craft-Beer-Bewegung populär geworden. Man versetzt das Bier während der Reifung mit verschiedenen Hopfensorten. Ein Vorgang, den man Hopfenstopfen nennt und an den die jungen Handwerksmeister innovativ herangehen. Durchaus auch innerhalb der Regeln des deutschen Reinheitsgebots komponieren sie so wilde Geschmäcker.

In Deutschland hat man die Idee der kreativen Brauerei aus den angloamerikanischen Ländern lange nicht verstanden. Der Qualitätsstandard des deutschen Bieres und die Sorge um seine Marktgängigkeit hätten zu einem kaum gebrochenen Mittelmaß des Geschmacks geführt, sagen die Anhänger der Craft-Beer-Bewegung. Sie nehmen sich jetzt die Freiheit zu experimentieren, wobei sie für die mit Limonaden versetzten Party-Biere großer Brauereien zu ernsthaft sind. Sie mögen ihr Bier durchseelt von der Kunstfertigkeit und dem Einfühlungsvermögen der Braumeister, als originelles Erlebnis, als Selbstzweck. Bier ist hier im vollen Sinn des Wortes etwas Ästhetisches. Dass es sich damit spürbar der Rationalität von Massenwaren entzieht, ist auch ein moralischer Genussvorteil. Dem Connaisseur schmeckt sein Bier nach einem minoritären Konsum, der Warenkreisläufe wieder auf ein menschliches Maß herunterbricht.