Es war schon am zweiten Tag auf der Insel gegen acht Uhr abends, als uns eine unheimliche Langeweile überkam: Die goldene Abendsonne legte sich über den Hafen von Lampedusa. Wir hatten unsere Vespas geparkt, lehnten auf den Lenkern, ließen den Motor laufen, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten lang, wir rauchten, guckten und gaben acht, dass uns auch die kleinste Bewegung im Hafen nicht entging. Auf einem Fischerboot faltete ein alter Mann seine Netze. Giuseppe von der Tauchschule Marina Diving trat aus seinem Haus heraus, er guckte und trat wieder in sein Haus zurück. Angela erschien auf der Terrasse ihres Lokals, auf der die Statue der heiligen Madonna die Ankömmlinge im Hafen begrüßt. Sie führte ein Telefonat am Handy, sie winkte, dann trat sie wieder in ihr Lokal zurück. Am Pier ankerten die rot-weißen Schnellboote der Guardia Costiera, der italienischen Küstenwache. Durch das Hafenbecken pflügte nun ein Kriegsschiff der Guardia di Finanza, der Finanzpolizei. Neben uns hatten die anderen Hafenbeobachter der Insel, Jungs mit Kappen und kurzen Hosen, ihre Vespas geparkt: Sie rauchten, guckten. Sollten wir noch einen Espresso trinken gehen? Ja, noch ein Espresso könnte eine sehr gute Idee sein. Wir fühlten uns schon wie echte Lampedusaner.

Am ersten Tag auf der Insel hatten wir, der Reporter und sein italienischer Fotografenkollege, uns ein Netzwerk von Informanten aufgebaut, die uns einen Wink geben sollten, wenn im Hafen von Lampedusa nachts ein Flüchtlingsboot erwartet würde: der Tauchlehrer Giuseppe; die Windsurflehrerin Adriana; die Restaurantbesitzerin Angela, eine Art First Lady Lampedusas. Sie kannte jeden auf der Insel und hatte Freunde bei der Küstenwache und der Polizei. Mimo, der Koch, der jeden Tag zur Mittagszeit im Caffè del Porto, dem Treffpunkt der Fischer, saß und auf den Hafen guckte. Mauro, der Sekretär der Bürgermeisterin der Insel, Signora Giusi Nicolini. Giacomo Sferlazzo, ein Singer-Songwriter, der bekannteste Popstar der Insel und ein Mitglied der linken Aktivistengruppe Askavusa. Er hat am Hafen ein Flüchtlingsmuseum eingerichtet. Valeria Gerace, Anwältin der Hilfsorganisation Save the Children. Sie sollte am morgigen Tag auf der Insel landen und dann für zwei Wochen im großen, im Osten der Insel gelegenen Auffanglager der Flüchtlinge arbeiten. Sie alle hatten uns freundlich und mit einem leicht genervten Ton erklärt, dass niemand sicher sagen konnte, wann ein Boot mit Flüchtlingen auf der Insel anlegte. Es konnte fünf, sechs oder zehn Stunden vorher angekündigt werden; und es konnte ohne Ankündigung eintreffen. Natürlich, wir waren nicht die ersten Journalisten, die auf der Insel Lampedusa über das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge berichteten. Die Offiziere der Guardia Costiera hatten uns klar gesagt, dass wir von ihnen mit keinerlei Unterstützung zu rechnen hätten: "Entschuldigung, die Herren. Aber wir sprechen nicht mit Journalisten. Wir haben Menschenleben zu retten."

Lampedusa, die Stein- und Wüsteninsel im Mittelmeer, die äußerste Grenze, der südlichste Punkt der Europäischen Union: Sie liegt nur 140 Kilometer vom afrikanischen Festland, von Tunesien und Libyen entfernt, nach Sizilien sind es 250 Kilometer. Die Insel ist nicht mehr als ein Fleck im Mittelmeer: elf Kilometer lang in ihrer west-östlichen Ausdehnung, vier Kilometer von Süden nach Norden. Im Drama um die Tausende von Flüchtlingen, die sich von der Nordküste Afrikas auf Booten aufmachen, um die Grenzen Europas zu erreichen, ist das kleine Lampedusa zu einem Symbol geworden: die Grenzinsel, der Leuchtturm, das Tor nach Europa, das Tor zum Paradies. Und Lampedusa ist, vor allem in den letzten Jahren, zum Symbol für eine humanitäre Katastrophe und die gescheiterte Flüchtlingspolitik Europas geworden: Am 3. Oktober 2013, dem Schicksalstag der Insel, kenterten, nur 800 Meter vom Hafen von Lampedusa entfernt, zwei Flüchtlingsboote und rissen 368 Menschen in den Tod, unter ihnen 41 Kinder. Die Toten von Lampedusa wurden in einer Halle im Hafen aufgebahrt, Europa war geeinigt im Entsetzen über die Bilder, die um die Welt gingen, Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi stattete der Insel einen Kondolenzbesuch ab. Im Sommer 2013 hatte Papst Franziskus, gleich zu Beginn seines Pontifikats, Lampedusa besucht: Der Papst warf von einem Boot einen Blumenkranz ins Meer und prangerte in seiner Predigt die Mitleidlosigkeit der reichen Länder und die Skrupellosigkeit der Schleuser an. Im Oktober 2013 das nächste Unglück: 200 Flüchtlinge sterben beim Untergang eines Schiffes. Im April dieses Jahres die vorläufig letzte Katastrophe: Über 900 Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer.

Was sind das für Menschen, die Urlaub auf einer Flüchtlingsinsel buchen?

Die Toten vom Oktober 2013 hatten zur Einrichtung des Flüchtlings-Rettungsprogramms Mare Nostrum geführt – eines Programms, das mittlerweile aus Kostengründen eingestellt ist. Die EU-Grenzorganisation Frontex hat nun, mit deutlich limitierteren Mitteln, die Mission Triton ins Leben gerufen: Anders als Mare Nostrum hat Triton keinen humanitären Auftrag und die vorrangige Aufgabe, die EU-Außengrenzen zu schützen. Und die Flüchtlingszahlen steigen: Gut eine Million Menschen sollen an der Küste Libyens auf ihre Überfahrt an die Außengrenzen Europas warten. Neueste Zahlen der Hilfsorganisation Save the Children: 42.629 Flüchtlinge kamen zwischen Januar und Mai 2015 über den Seeweg nach Italien, darunter 4653 Frauen und 3747 Kinder, davon 2727 Kinder ohne Begleitung. Die großen Auffanglager auf Sizilien, in Catania und Siracusa, in Messina, Pozzallo und Augusta, sind überfüllt. Jetzt, zur Sommerzeit, wenn das Meer ruhiger ist als im Herbst und Winter, schaffen es die Boote bis an die Küsten Kalabriens. Während auch in Griechenland, zum Beispiel auf der Ferieninsel Kos, die Flüchtlingszahlen explodieren, bleibt Lampedusa das erste Ziel der Flüchtlinge, die tief aus dem afrikanischen Kontinent, aus Somalia, dem Sudan, aus Ghana und Eritrea kommen, der Sehnsuchtsort, der Rettungsanker.

An jenem Samstag im Juni setzt eine Boeing 747, gefüllt mit Touristen, auf der kurzen Landepiste Lampedusas auf. Man fragt sich schon, was das für Menschen sind, die in diesen Monaten einen Urlaub auf der Flüchtlingsinsel buchen. Natürlich, Lampedusa, das bis vor dreißig Jahren nur vom Fischfang lebte, ist ein Urlaubsparadies: schroffe Felsen am türkisen Wasser, karge Vegetation, traumhafte Sandstrände. Im Juni legen die Schildkröten, die ersten Touristikbotschafter der Insel, am Strand ihre Eier. Ein Reisemagazin wählte den Spiaggia dei Conigli zum schönsten Strand Italiens und zum zweitschönsten Strand Europas. Renato vom Hotel El Mosaico del Sol, der uns am Flughafen abholt, hatte uns schon am Telefon erklärt, dass wir unter Lampedusas Einwohnern mit einer gewissen Gereiztheit zur Flüchtlingsthematik zu rechnen hätten. Schon in der siebten Saison erlebe der Tourismus einen dramatischen, für die Insel existenzbedrohenden Rücklauf. Als 2011 in Tunesien der Arabische Frühling ausbrach, überschwemmten rund 5000 Immigranten die nicht ganz 6000 Einwohner zählende Insel. Es kam zu endzeitlich anmutenden Szenen: Die Bilder von afrikanischen Immigranten, die die Insel in ein großes Flüchtlingscamp verwandelten, prägen bis heute das Image der Insel. "Willkommen auf der schönsten Insel der Welt", sagt Renato. Und Giuseppe von der Tauchschule Marina Diving erklärt: "Wenn ihr Immigranten sehen wollt, seid ihr hier falsch. Dann müsst ihr an den Hauptbahnhof von Mailand gehen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

2011 wurde auf Lampedusa das von EU-Geldern und vom italienischen Innenministerium finanzierte Auffanglager errichtet. Ein Netz, das aus den im Mittelmeer kreuzenden Kriegsschiffen, der italienischen Küstenwache, der Guardia di Finanza, der Polizei, den Fischern von Lampedusa und aus Hilfsorganisationen, dem UN-Flüchtlingswerk, Save the Children, Amnesty International und dem Roten Kreuz, besteht, schuf eine Erste-Hilfe-Struktur, die aus dem täglichen Eintreffen der Flüchtlingsboote eine generalstabsmäßige, routiniert durchgeführte Operation macht. Täglich um zehn Uhr morgens legt der Siremar, eine Fähre der Reederei mit Sitz in Palermo, vom Hafen in Lampedusa ab und bringt die Flüchtlinge nach Porto Empedocle, in das nächste Flüchtlingslager an der Südküste Siziliens. Offiziell ist kein Flüchtling länger als 24 Stunden auf der Insel.