Der niederländische Einzelhandelskonzern Ahold expandiert mit seinem "Albert Heijn to go" Läden auf dem deutschen Markt. © Caroline Seidel/dpa

An diesem Morgen ist die Ausbeute wieder besonders groß. Selma Seddik beugt sich über die Plastikkisten, die gerade eingetroffen sind. Blumenkohlköpfe, Lauchstangen, Paprikaschoten und Tomaten stapeln sich darin, dazu Äpfel und jede Menge Brokkoli. Die Ware ist originalverpackt und noch mindestens eine Woche haltbar. Gutes Essen also, das trotzdem niemand mehr wollte: Hätte Seddik die Lebensmittel nicht entgegengenommen, wären sie allesamt auf dem Müll gelandet – vom Supermarkt direkt in die Tonne.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit über 800 Millionen Menschen an Unterernährung leiden. Gleichzeitig wird global etwa ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel weggeworfen, davon ein Großteil in den Industrieländern. "Ich konnte das irgendwann nicht mehr mit ansehen", sagt Seddik. Sie ist deshalb zum "Food-Rescuer" geworden. So nennen sich alle, die im Instock arbeiten, dem Restaurant in Amsterdam, in dem komplett mit Resten gekocht wird. Was im Supermarkt übrig bleibt, kommt im Instock auf den Tisch.

Seddik, 26 Jahre alt, hat früher im Management des niederländischen Ahold-Konzerns gearbeitet, eines der größten Betreiber von Supermarktketten weltweit. "Der Job hat Spaß gemacht", sagt die junge Frau, "aber je mehr mir die Verschwendung bewusst geworden ist, desto größer war das Verlangen, etwas zu verändern." Zusammen mit drei Kollegen kam ihr die Idee eines Reste-Restaurants. "Uns war es von Anfang an ernst", sagt Seddik. "Wir haben uns hingesetzt und einen Businessplan geschrieben. Mit dem sind wir dann zu unserem Chef gegangen."

Die Reaktion übertraf alle Erwartungen der Essensretter. Ihr Arbeitgeber ermunterte sie dazu, an einem firmeninternen Innovationswettbewerb teilzunehmen und sponserte so unter anderem die neue Einrichtung und die Küche. Drei der vier Gründungsmitglieder erhalten von dem Lebensmittelkonzern heute ein Gehalt, während die anderen Mitarbeiter aus den Einnahmen des Instocks finanziert werden. Der Ahold-Konzern behält gleichzeitig die Kontrolle über das innovative Projekt - ein lukratives Aushängeschild in einer Branche, die schon lange mit ihrem schlechten Image zu kämpfen hat.

Gleich drei Ansprechpartner für "Responsible Retailing", übersetzt "verantwortungsvoller Einzelhandel", listet der Konzern auf seiner Homepage auf, unmittelbar unter den Kontaktdaten für potenzielle Investoren. Und dennoch scheint Ahold nicht über das Instock und das Thema Lebensmittelverschwendung reden zu wollen. Auf die Frage, ob der Konzern sich nun insgesamt um einen verantwortungsbewussteren Umgang mit Lebensmitteln bemühe, antworteten weder Mitarbeiter der Pressestelle noch die Verantwortlichen beim Responsible Retailing.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Das Restaurant wurde vergangenen Sommer in einem renovierten Backsteingebäude eröffnet, bereits ein Dreivierteljahr nachdem Selma Seddik und ihre Kollegen ihren Vorschlag präsentiert hatten. Es liegt an einer Gracht, in der Nachbarschaft mehrerer Kneipen und Restaurants. Über dem Eingang thront ein weiß gestrichener Einkaufswagen, im Nebenraum hängt ein Plakat, das den Nahrungsmittelkreislauf erklärt. "In stock" heißt auf Deutsch "auf Lager", und so verstehen die Mitarbeiter auch ihre Arbeitsweise. Gekocht wird nur mit Zutaten, die ohnehin vorhanden sind. Zumindest fast. "Nur fünf Prozent unseres Umsatzes geben wir für Einkäufe aus", sagt Seddik. Olivenöl, Salz und Pfeffer gehörten eben nicht zu den Dingen, die ein Supermarkt nach Ladenschluss aussortiere.