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Mein Freund Zied ist tot, mit nur 33 Jahren gefallen im Kampf gegen die syrische Armee. Zied Kanoun war ein tunesischer Revolutionär. Und Dschihadist. Vor über zwei Jahren verließ er seine Frau Betty und ihr gemeinsames Baby, um gegen Syriens Diktator Assad zu kämpfen.

Aber an wessen Seite? Zied irrte umher, versuchte es mit dem IS, mit Al-Nusra (einem Ableger Al-Kaidas) und anderen. "Mehr als zwei Jahre hat er in Syrien Menschen gesucht, die seine Überzeugungen teilten (falsche oder wahre, Gott allein weiß, was er im Herzen trug)", schrieb Betty mir. "Aber nie traf er auf das, was er suchte. Er fuhr einen kleinen Lastwagen und transportierte darin Verwundete an die Grenze, damit sie in der Türkei versorgt werden konnten. Dafür hatte er auch einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert. Ganze Nächte fuhr er durch, irgendwann hätte er auch mit geschlossenen Augen fahren können, er kannte jede Straße." Einmal sagte Zied zu Betty am Telefon, er habe es nie verwunden, was der IS vor seinen Augen verübt habe. "Bis zum letzten Tag vermied er jede Konfrontation mit unschuldigen Muslimen, ob Sunniten oder Schiiten; er kämpfte gegen Vergewaltiger, Kindermörder, Kriminelle."

Um den jungen Mann zu verstehen, muss man seinen Werdegang kennen, der viel über die Lebenswelt jener Generation sagt, die Tunesien von Diktator Ben Ali befreit hat.

Zied war Informatiker. Seine Frau hatte er über zwei gemeinsame Leidenschaften kennengelernt: Computerspiele und Heavy Metal. Außerdem gab es Facebook, eine Welt der Kommunikation, des Meinungsaustausches. Unter der Diktatur bedeutete das fast automatisch Subkultur, Gegenkultur, Opposition.

Im Herbst 2010 gehörte Zied zu jenen mutigen jungen Leuten, die im Netz den Bann der Gleichschaltung brachen, die Wahrheit über das Regime aussprachen, Videos drehten, Protestaktionen organisierten, Flashmobs beispielsweise. In den Januartagen 2011 nahm Zied an der Revolution teil. Er wollte in der Wahrheit leben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Dann jedoch begann die Politik.

Wie nach jeder Revolution musste die Macht neu definiert werden. Es kam die Zeit der Koalitionen und Kompromisse. Zied und Zehntausende andere Revolutionäre blieben zunächst in der Offensive, konnten sich auf die Stadt- und Dorfarmut stützen, belagerten den Regierungssitz in der Kasbah von Tunis und trieben bis zur Wahl der verfassunggebenden Versammlung am 23. Oktober 2011 nacheinander mehrere Übergangsregierungen aus dem Amt.

Die gemäßigten Islamisten der Partei Ennahda gewannen schließlich die erste freie Wahl Tunesiens. Zied freute sich darüber, denn er sah im politischen Islam die Alternative zum moralisch verkommenen alten Regime. Doch schon damals registrierte er – wie viele andere seiner Generation –, dass auch Ennahda am politischen Spiel teilnahm und einstigen Gegnern die Hand reichte. Wir diskutierten mehrmals darüber; ich begrüßte diese Entwicklung, er empörte sich darüber. Und radikalisierte sich.

Als wir einander im November 2012 zum letzten Mal trafen, war ich erschrocken über seine Entwicklung. Zied war Dschihadist geworden und bereitete sich auf den bewaffneten Kampf gegen Assad vor, zur "Verteidigung der Muslime", wie er sagte. Er war immer noch der gleiche elegante, gut aussehende Schlaks, westlich gekleidet und bartlos, interessiert an allen Argumenten; sogar mit mir, dem erklärten Atheisten, diskutierte er respektvoll, auch über seine salafistische Auslegung des Korans. Und das, obwohl er es sehr korrekt fand, dass ich dereinst in der Hölle braten müsste, für ewig.

Auf Facebook diskutierten wir noch monatelang weiter, selbst als er schon in Syrien war. Einig konnten wir über das meiste nicht mehr werden. Nicht über Israel, nicht über die Scharia, nicht über Kunst- und Meinungsfreiheit. Uns einte aber die Verachtung für Kleptokratie und Polizeistaat – und die Suche nach Wahrheit und dem richtigen Leben.

Jetzt fehlt er seinen Freunden.

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