Orientexpress, so wird die Badner Bahn auf der Strecke zwischen Wien und Traiskirchen oft etwas verächtlich genannt. In den blauen Waggons pendeln viele Asylwerber zwischen dem niederösterreichischen Flüchtlingslager und der Hauptstadt hin und her. Rund um den kleinen Bahnhof in Traiskirchen sitzen Gruppen von ihnen auf einer Bank und blinzeln in die Sonne. Hier ist das Asylchaos dauerpräsent.

Wer der Straße in Richtung des Erstaufnahmezentrums folgt, fühlt sich nicht mehr wie in der österreichischen Provinz. Man bekommt vielmehr eine Vorstellung vom politischen Versagen im Umgang mit dem Strom an Asylwerbern. Überall drängen sich Menschen auf den Gehsteigen, viele tragen in Plastiktüten alles mit sich herum, was ihnen noch geblieben ist. Man möchte sich nicht vorstellen, was die meisten von ihnen in den vergangenen Wochen und Monaten durchgemacht haben. Wie viele Asylwerber derzeit in dem überfüllten Lager untergebracht sind, weiß keiner, auch nicht Andreas Babler, der SPÖ-Bürgermeister der Gemeinde. "Das Massenlager ist eine Schande für die Politik und für Österreich", brummt er. "So geht man nicht mit Menschen um."

Langsam kapituliert das österreichische Flüchtlingswesen vor der scheinbar unaufhaltsamen Flut. Obwohl absehbar war, dass die Welle an Asylsuchenden, die über Europa hereingebrochen ist, weiter anschwellen wird, trafen die zuständigen Behörden im Innenministerium nur unzureichende Vorsorge. Die Quartiere sind überfüllt, die meisten Bundesländer und Gemeinden sträuben sich mit Händen und Füßen, Unterkünfte in ausreichendem Ausmaß zur Verfügung zu stellen. In ihrer Verzweiflung entschloss sich Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, eine große Zahl an Flüchtlingen in Zeltsiedlungen einzuquartieren. Rund tausend Asylsuchende sind es derzeit, die auch bei brütender Hitze und bei Starkregen mit diesen Notunterkünften ihr Auslangen finden müssen.

Vergangene Woche kündigte die Innenministerin eine weitere Verzweiflungsmaßnahme an: Künftig würden keine neuen Asylansuchen mehr bearbeitet, stattdessen sollte sich die Fremdenbehörde auf die sogenannten Dublin-Fälle konzentrieren, das sind jene Asylsuchenden, die über einen anderen EU-Staat nach Österreich gelangt sind und für die das Land nicht zuständig ist. Diese Flüchtlinge sollen dorthin zurückgeschickt werden, woher sie gekommen sind, um dann dort auch ihre Anträge zu stellen. Ein Viertel aller Asylsuchenden in Österreich soll zu dieser Kategorie gehören. Die Idee dahinter: Die Ministerin hofft, Österreich werde als Fluchtziel an Attraktivität verlieren, wenn sich herumspräche, dass Antragsteller hier lange schmoren müssen, bevor über ihr Schicksal entschieden wird. So, sagt die Ressortchefin, lasse sich der "Asyl-Express stoppen".

Das ist vermutlich eine Illusion, die prompt auf regierungsinterne Kritik stieß. Einen "Irrweg" nannte Verteidigungsminister Gerald Klug, in der Koalition das Gegenüber der Innenministerin, diese Vorgehensweise. "Das Problem wird dadurch verschärft", kritisierte er. "Es wird nur ein Rückstau geschaffen, der später wieder abgearbeitet werden muss." Im Gegenzug bot er erneut einige Hundert Plätze in leer stehenden Kasernen an, die allerdings angesichts der 70.000 Flüchtlinge, die in diesem Jahr in Österreich erwartet werden, wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Über ein diskutables Konzept scheint niemand zu verfügen, weder die Regierungsparteien noch die Opposition. Einzelne Landeshauptleute, Josef Pühringer in Oberösterreich, zuvor Hans Niessl im Burgenland, fordern temporäre Grenzkontrollen, die Freiheitlichen verlangen überhaupt, gleich das ganze Land dicht zu machen. Gelöst wird durch solche Brachialmaßnahmen natürlich nichts – weil Österreich sich ja nicht vom restlichen Europa abschotten kann und auch weil Flüchtlinge, die es auf abenteuerlichen Wegen bis hierher geschafft haben, gewiss nicht vor österreichischen Grenzern kapitulieren werden.

In seiner Ratlosigkeit steht Österreich nicht alleine da. In ganz Europa fehlt ein Plan. So wie man hier von Verlegenheitslösung zu Verlegenheitslösung stolpert und die Verantwortung hin und her schiebt, so agiert die gesamte Union. Als Ausrede für die eigene Konzeptlosigkeit taugt dies allerdings wenig.