Da beginnt die Vorlesung sogar richtig altmodisch cum tempore, und trotzdem kommt man zu spät. Martin Luther hätte das missbilligt, schreibt er doch: "Denn Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten." Also hastig hinein in diesen schönen, steilen, alten Raum der Uni Hamburg, den Emil-Artin-Hörsaal. Professor Michael Moxter, evangelischer Systematiker, liest über den Freiheitsbegriff in Martin Luthers reformatorischen Schriften.

Im Saal sitzen noch mehr Seniorenstudenten als in Kunstgeschichte. Die wenigen Menschen unter 30 haben ihre schweren Köpfe auf den Handflächen abgelegt. Professor Moxter hätte eine volle Kirche verdient, denn er spricht leidenschaftlich über den Kern des Protestantismus: das Verhältnis von Vernunft und Glaube, das Verhältnis von Glaube und Freiheit. Er ruft uns den Hass des Mönchs auf das Kirchenestablishment in Erinnerung: "Tyranni sunt!" Er rattert Luthers Vorwürfe gegen alles, was der Kirche lieb und teuer war und ist, herunter: Zölibat? Quatsch. Beichte? Weg. Papst? Ketzer!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

 "Die Katholiken glauben gegen die Wirklichkeit an!" Es geht um das Abendmahl. Was für Rom nicht diskutierbar ist, die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, das war für Martin Luther nur eine Meinung unter anderen. Das mündige Individuum sollte allein entscheiden, ob es dieses intellektuelle Opfer der Wandlung mitvollziehen möchte. Keine Vorschriften!

Moxter wird gefragt, wie die Lage der Kirche 500 Jahre nach der Reformation sei. Er prangert die Debattenfaulheit vieler Christen an, die einknicken, statt stehen zu bleiben. Es wird klar: Martin Luthers geliebte Freiheit, die erstrittene, sie nutzt nichts, wenn sie niemand nutzt.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.