Dies ist die Geschichte von Walter Urban, der 17 Jahre alt ist, als geschniegelte Herren der Waffen-SS ihn im Dorfkrug zwangsrekrutieren. Aus dem Ruhrgebiet ist Walter auf ein Gut im Holsteinischen geschickt worden, vom Arbeitsamt, und fühlt sich als Melker in seinem Element. Auch hat er Glück mit dem Gutsverwalter Thamling, der seinen Jungen versichert, ihre Arbeit sei "kriegswichtig", weshalb sie sich sicher fühlen dürften. Eine hinreißend urtümliche Figur ist dieser Mann von Schrot und Korn und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. "Kein Krieg ohne Milch", pflegt Thamling zu sagen. Doch er verschätzt sich.

Im Ort weiß man, dass die Engländer vor Kleve stehen und die Russen vor Berlin; "Endsieg" bedeutet für die meisten längst das erhoffte Ende, die Kapitulation, doch für die Front ordert die Hitlermaschinerie weiterhin Nachschub. So spendiert der "Reichsnährstand" Freibier im Dorfkrug, eine Kapelle bringen die Männer auch gleich mit; die perfekte Falle. Walter, der gerade behaglich in ein mit Aal belegtes Brötchen beißt, wird vom Truppenführer in den Blick genommen. Auf dessen Ärmelstreifen liest er den Namen der Division "Frundsberg", als er ihn sagen hört: "Na, wenn das kein Prachtexemplar für die Leibstandarte ist. Kenne ich dich, Kamerad? Sind wir uns schon mal begegnet?"

Damit ist die Tonlage der Menschenfänger vorgegeben: zynisch, sadistisch, lüstern. Man wird diesen Ton noch oft und in vielen Varianten zu lesen bekommen in Ralf Rothmanns neuem, atemberaubendem Roman Im Frühling sterben. Ganz im Sinne der Häscher ist der "freiwillige Eintritt in die siegreiche Waffen-SS" noch am selben Abend vollzogen. Was nicht nur für das "Prachtexemplar" Walter gilt, sondern für alle Jungen, die so unvorsichtig gewesen sind, den Dorfkrug zu besuchen. Also auch für Fiete.

Friedrich "Fiete" Caroli ist ein ganz anderer Typ als Walter und doch dessen bester Freund; nervös, blond, flottes Mundwerk ("Sieg heil, Kamerad. Alles im Schlüpfer?"), ein Ironiker von Graden, vom Gymnasium geflogen, ein leidenschaftlicher Leser und ein guter Melker. Die Kälber lecken ihm die Hände ab, "und das will doch was heißen", wird der gleichaltrige Walter später, als es zu spät ist, in einer verzweifelten Situation gegenüber dem nicht zu erweichenden Sturmbannführer flehen. Da ist Fiete schon wegen Fahnenflucht standrechtlich zum Tod durch Erschießen verurteilt worden.

Doch zunächst ziehen der kräftige Walter und der schmale Fiete gemeinsam in den Krieg. Was Walter Urban in den folgenden Wochen und Monaten erlebt, dafür wird er niemals Worte finden. Aber immerhin, er kommt lebend wieder. Nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft fährt er zu seinem Mädchen in Holstein. Er wird es heiraten, mit ihm ins Ruhrgebiet ziehen und Bergmann werden. Er wird beliebt sein bei seinen Kumpels von der Zeche und viel Alkohol trinken, er wird gelegentlich das Mobiliar zerschlagen, er wird taub werden und früh an Krebs sterben. Als er auf dem Sterbebett liegt, an der Wand über ihm eine Reproduktion von Monet, da sprudelt es unkontrolliert aus seinem Mund: "Die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort für uns wüsste ...", und seine Frau sagt: "Ah, jetzt ist er wieder im Krieg."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Am Krankenhausbett sitzt ebenfalls der erwachsene Sohn des Sterbenden. Was der beruflich werden würde, war Walter Urban zeitlebens egal gewesen, "nur kein Soldat". Der Sohn hat sich daran gehalten – und ist Schriftsteller geworden, wie Ralf Rothmann, der uns diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die das Schweigen ersetzt: Ist es die Geschichte seines Vaters? Einiges spricht dafür, wenngleich wir uns im Bereich der Fiktion befinden. Schon im ersten Satz des Romans heißt es: "Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt."

Ob Rothmann die Geschichte seines Vaters nun also gefunden oder erfunden hat, ob sie historisch wahr ist oder sein könnte, muss hier offen bleiben. Historiker werden Im Frühling sterben gewiss anders lesen als Literaturkritiker. Entscheidend dürfte die subjektive, vielleicht sogar die poetische Wahrheit sein; denn machen wir uns nichts vor: keine Kriegsliteratur ohne ästhetische Haltung. Rothmann vertraut auf eine Mischung aus Realismus und Naturalismus, auf ein Nebeneinander von technischer Präzision (Dienstgrade, Jagdbomber- und Fahrzeugtypen) und Landschafts- und Tierschilderungen; die Tiere – grandios – als Kriegsopfer verstanden, als übermoralische Chiffre.