Als der deutsche Physiker und Philosoph Moritz Schlick, Professor an der Universität Kiel, 1921 auf den Lehrstuhl für Naturphilosophie nach Wien berufen wurde, schrieb er seinem Freund und Förderer Albert Einstein: "Es fällt mir doch recht schwer, nach Wien zu gehen, nicht nur, weil die Zukunft in Österreich so dunkel aussieht. – Aber das Wiener Klima ist besser und die Aufgaben für einen philosophischen Lehrer sind größer."

Von den Widerständen, die ihn erwarteten, hatte er zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung. Der von der rationalen Gedankenwelt des Ludwig Wittgenstein inspirierte Philosophenzirkel – der Wiener Kreis –, den der gebürtige Berliner um sich scharte, stieß in dem antisemitischen Klima des katholischen Kleinstaates auf breite Ablehnung. Eine Ausstellung an der Universität Wien – die erste überhaupt über die international einflussreiche Philosophieschule – dokumentiert die oft gehässige Zurückweisung, auf welche die Erkenntnisse der Denker stießen, die es in die ganze Welt zerstreute. Es sollte auch nach Kriegsende noch sehr viel Zeit vergehen, bis der Wiener Kreis auch an seiner Geburtsstätte wieder zu Recht und Ehre fand.

Der Neuankömmling Moritz Schlick hatte sich als der "Evangelist der Relativitätstheorie" profiliert und konnte sich im Nimbus Einsteins sonnen. Seine Aufgabe in Wien war klar: Er sollte die Tradition von Ernst Mach weiterführen, einem Physiker, für den man 1895 in der Hauptstadt der Doppelmonarchie eigens eine philosophische Lehrkanzel geschaffen hatte. Schlick hatte in Berlin bei Max Planck promoviert und als einer der Ersten verstanden, dass Einsteins Ideen die Vorstellungen von Kant infrage stellten.

Ein amerikanischer Gasthörer schrieb: "Professor Schlicks Vorlesungen finden in einem riesigen Hörsaal statt, dicht gefüllt mit Studentinnen und Studenten. Ein zufälliger Besucher seines Seminars kann sich glücklich schätzen, wenn er nicht mit dem Fensterbrett genüge finden muss."

Auch bei seinen mathematischen und naturwissenschaftlichen Kollegen kam Schlick gut an. Viele gehörten zu der durch Mach und den Physiker Ludwig Boltzmann geprägten Generation und interessierten sich brennend für die philosophischen Wurzeln ihrer Fächer. Der Mathematikprofessor Hans Hahn stellte den Raum zur Verfügung, in dem sich der Schlick-Zirkel an jedem zweiten Donnerstagabend traf. Gleich von Anfang an war auch Hahns Schwager Otto Neurath dabei, ein austromarxistischer Ökonom und Bannerträger des Roten Wien.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der sozialreformerische Duktus und die positivistische Grundhaltung der kleinen Gruppe, beides Erbe von Mach, rief alsbald Gegnerschaft hervor, in der klerikal-konservativen Obrigkeit wie auch unter den völkisch-nationalistischen Studenten. Gemeinsames Feindbild waren alle, die links standen oder jüdischer Herkunft waren. Zwar traf beides nicht auf Schlick zu, auf Hahn und Neurath aber schon. Das reichte, um auch Schlicks Namen auf die schwarze Liste zu setzen.

Die Deutsch-Österreichische Tageszeitung schrieb: "Es ist nicht nur unser Recht, sondern unsere Pflicht, den deutschen Lehrer zu hören, dem Heimat, Volk, Rasse, Vaterland und Deutschtum heilige Begriffe sind!" Alle anderen Lehrer seien zu boykottieren. "Und so tragen wir einem allseitigen Wunsche Rechnung und geben euch die Professoren jüdischer Abstammung bekannt!"

Die Liste war lang. Um zu vermeiden, dass sie noch länger würde, bildeten sich geheime Netzwerke von Hochschullehrern, wie etwa die sogenannte Bärenhöhle, benannt nach dem Ort ihrer konspirativen Treffen, einer Sammlung von Knochenpräparaten unter einer Treppe der Universität. Für Juden wurde es immer schwieriger, berufen zu werden oder die Lehrbefugnis zu erlangen. So musste Edgar Zilsel, ein Mitglied des Wiener Kreises, sein Ansuchen um Habilitation zurückziehen. Otto Neurath versuchte es nicht einmal.

Der universitäre Antisemitismus war keineswegs auf Geheimbünde beschränkt. An der Spitze der Universität standen Rektoren wie Hans Übersberger und Wenzel Gleispach, die ihre Sympathien für den Nationalsozialismus nicht verbargen und bei keinem NS-Fackelzug fehlten. Eine Quotenregelung für Juden, meinte auch der österreichische Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel, ein ehemaliger Kirchenlehrer, sei eine dringend erforderliche Maßnahme dieses "Notwehrantisemitismus".

Die radikal moderne Philosophie der Gruppe

Die erzkatholische Reichspost monierte, dass der Dozent Rudolf Carnap (der irgendwie an der Bärenhöhle vorbeigerutscht war) an der Universität "Über Gott und die Seele" sprechen und seinem Vortrag den Untertitel "Scheinprobleme der Philosophie" geben konnte. Schlimmer noch: Der bekennende Atheist Hans Hahn erläuterte "Überflüssige Wesenheiten" und verkündete, mit allem Aberglauben gründlich aufräumen zu wollen, Theologie und Metaphysik mit eingeschlossen.

Das war just die Zeit, als in Deutschland die Metaphysik zu einem Höhenflug ansetzte, elektrisiert durch Martin Heideggers Sein und Zeit. Auch auf österreichischen Hochschulen wurde "Positivist" zum Schmähwort. Die Wiener Philosophische Gesellschaft wurde zu einem Zweig der deutschen Kant-Gesellschaft – ein philosophischer Anschluss zehn Jahre vor dem politischen.

Otto Neurath sah darin eine Selbstaufgabe der österreichischen Philosophie (die sich, wie er meinte, "den Umweg über Kant erspart" hatte). Prompt gründeten er und andere Mitglieder des Wiener Kreises einen Verein Ernst Mach, quasi als Gegengewicht.

Schlick erhielt 1928 einen Ruf nach Bonn. Üblicherweise bemüht sich in solchen Fällen das österreichische Bildungsministerium, einen Professor durch ein günstiges Gegenangebot zu halten. In Schlicks Fall war von derlei Entgegenkommen keine Rede. Alles, was man ihm anbot, war ein geringfügiges Salär für seinen Adlatus Friedrich Waismann. Das kam schon fast einem Affront gleich. Dennoch ließ sich Schlick "in letzter Stunde", wie er schrieb, durch Kollegen und Schüler überzeugen, in Wien zu bleiben. Da gäbe es "gerade im gegenwärtigen Moment" noch dringende Aufgaben zu erfüllen. Immerhin hatte sich der Wiener Kreis zur Aufgabe gestellt, eine "wissenschaftliche Weltauffassung" zu entwickeln und zu verbreiten, keine Kleinigkeit.

Der Kontrast zwischen der radikal modernen Philosophie der Gruppe und den tristen Zukunftsperspektiven im Land konnte größer nicht sein. Die ersten Mitglieder des Kreises begannen, sich aus Österreich abzusetzen. Die wirtschaftliche und politische Lage wurde immer prekärer. Nach kurzem, blutigem Bürgerkrieg im Februar 1934 wurde die Sozialdemokratische Partei verboten. Otto Neurath konnte nicht mehr nach Österreich zurück. Der Verein Ernst Mach wurde polizeilich aufgelöst, da er, "wie hieramts bekannt", eine Vorfeldorganisation der Sozialdemokraten sei.

Vergeblich versuchte Moritz Schlick, als Präsident des Vereins, die Entscheidung rückgängig zu machen. Er sei parteipolitisch ungebunden und habe im Vorjahr, als die Nazis mit Bombenterror die Regierung zu stürzen versuchten, dem Bundeskanzler Dollfuß spontan ein Unterstützungsschreiben geschickt. Es half nichts. Der Verein blieb verboten.

Auch sonst zeigte sich die austrofaschistische Regierung von der ungnädigsten Seite. In einem Staat, der seinen politischen Rückhalt in katholischen Wallfahrten und dem Nachahmen mittelalterlicher Festzüge sah, hatte die wissenschaftliche Weltauffassung einen schweren Stand.

Die Professur des 1934 verstorbenen Hans Hahn wurde eingezogen. Wenn ein Mathematiker Zeit zum Philosophieren finde, hieß es, so beweise das doch, dass ihn seine Stelle nicht auslaste und also überflüssig sei. Auch die Bibliothekarsstelle Waismanns wurde eingezogen. Mochte Schlick doch ruhig ein Angebot aus dem Ausland annehmen.

In der Öffentlichkeit wurden Stimmen laut, die fragten, wieso eine Lehrmeinung, die von der Polizei als volks- und kulturfeindlich verboten sei, weiterhin von der Lehrkanzel der angesehensten Universität Österreichs verkündet werden konnte. Geriet es nicht dem Ruf Österreichs als eines christlichen Landes zum Schaden, so fragte eine Zeitschrift, wenn das Ausland den Wiener Kreis als die österreichische Philosophie ansah?

Seit fünf Jahren wurde Schlick durch einen ehemaligen Studenten, Hans Nelböck, verfolgt und bedroht. Schlick erreichte, dass Nelböck psychiatriert wurde. "Psychopath mit bizarren und überwertigen Ideen und homiziden und suizidalen Impulsen. Untersuchter gibt an, dass er Professor Schlick ermorden wollte." Nelböck bildete sich ein, Schlick habe eine Kommilitonin verführt; später, er habe seinen Berufsweg sabotiert. Im Juni 1936 erschoss ihn Nelböck auf der Philosophenstiege der Universität.

In der Zeitung stand zu lesen, es sei die traurige Sensation des Falles, dass ein Philosoph einen Philosophen ermordet habe. Tatsächlich stellte Nelböck seine Tat als ein Aufbegehren gegen den "zersetzenden Positivismus" dar. Im Verhalten Schlicks habe er die ganze Gewissenlosigkeit seiner Weltanschauung erblickt. Und wieder sekundierten Presseartikel. Nelböck sei nicht etwa als Psychopath zur Welt gekommen, sondern es erst "unter dem Einfluss der radikal niederreißenden Philosophie, wie sie Dr. Schlick vortrug", geisteskrank geworden.

In der Schöneren Zukunft, dem Paradeblatt des Regimes, stand zu lesen: "Hoffentlich beschleunigt der schreckliche Mordfall an der Wiener Universität eine wirklich befriedigende Lösung der Judenfrage!"

Eine sonderbare Folgerung, fanden manche, denn weder Nelböck noch Schlick seien Juden. Doch in der nächsten Ausgabe der Schöneren Zukunft stand: "Wir haben nur behauptet, dass Schlick ein Judenfreund ist, ja der Abgott der jüdischen Kreise Wiens."

"Vierzehn Jahre lang", klagte das Linzer Volksblatt, "tranken junge Menschenblüten das Giftfusel des Positivismus in sich hinein. Die Wirkung muss eine entsetzliche gewesen sein." Die Zeit der wissenschaftlichen Weltauffassung war vorbei, das verstand auch der österreichische Unterrichtsminister Hans Pernter. Die Freiheit der Wissenschaft, so meinte er, dürfe keineswegs dazu führen, dass man die Wahrheit verleugne und den Irrtum lehre.

Die Haltung des Ständestaats trug dazu bei, dass schon vor dem Anschluss die meisten Mitglieder des Wiener Kreises emigriert waren. Zu den wenigen, die im "Dritten Reich" überwintern konnten, zählte Viktor Kraft. Er hatte 1938 seine Lehrbefugnis und seine Stelle als Bibliothekar verloren, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau trennen wollte. 1945 wurde er Generalstaatsbibliothekar und konnte wieder an der Universität Vorlesungen halten. Doch obwohl sich bald glänzende Studierende um ihn sammelten – so der Ex-Leutnant Paul Feyerabend und eine junge Kärntnerin namens Ingeborg Bachmann –, gab es weder vonseiten der Universität noch vonseiten der Regierung ernsthafte Bestrebungen, die vertriebene Intelligenz zurückzuholen oder gar den Wiener Kreis wiederzubeleben.

In den Augen Heinrich Drimmels, eines einstigen Heimwehrführers, Sachwalters der Hochschülerschaft im Austrofaschismus und späteren Unterrichtsministers, stand der Positivismus "auf einer Linie mit dem Bolschewismus". Die analytische Philosophie war ihm Anathema. Der Philosoph seiner Wahl war hingegen der erzkatholische Leo Gabriel, einst Vertrauensmann des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes.

Pikanterweise war dieser Gabriel mit dem gleichaltrigen Nelböck befreundet gewesen und hatte sich als dessen Mentor bemüht, ihm einen Lehrauftrag, und zwar über Positivismus, an einer Volkshochschule zu verschaffen. Das Scheitern dieses Plans war der unmittelbare Auslöser für Nelböcks Bluttat gewesen, denn er führte es fälschlicherweise auf Intrigen von Schlick zurück. Der Vorsitzende des Schwurgerichts hatte sich wiederholt vergeblich bemüht, Leo Gabriel in den Zeugenstand zu laden. Der behauptete, verhindert zu sein, da er gerade im fernen Innsbruck sei.

In den Jahren 1950/51 wurden sowohl Gabriel als auch Kraft Ordinarien für Philosophie in Wien. Gabriel war 48 Jahre alt, Kraft bereits 70. Im letzten Jahr vor seinem Ruhestand konnte er wohl nicht mehr viel anrichten. Immerhin publizierte er ein Buch über den Wiener Kreis und den Ursprung des Neopositivismus. Darin erwähnte er auch, dass Schlick durch einen "verfolgungswahnhaften Schüler" erschossen worden war. Nelböck, der 1938 frei gekommen war und seit 1947 wieder als unbescholten galt, klagte auf Rufmord. Bedrohte denn nun schon wieder ein "Positivist" seine Existenz?

Nelböck machte klar, er würde sich zur Wehr setzen. Die Zeitungen berichteten groß über den Prozess. Die Wiener Wochenausgabe wusste zu berichten, schon einmal habe der Vorwurf, dass Nelböck geistesgestört sei, zu einer "unglücklichen Kettenreaktion" geführt. Man dürfe einem Mitbürger, der "aus psychologisch durchaus erklärbaren Motiven" gestrauchelt war, nicht die Rückkehr in die menschliche Gesellschaft noch dadurch erschweren, das man ihn post festum zum Narren stemple. "Es wäre menschlich an der Zeit, allmählich von Frieden, Versöhnung und Ruhe zu reden. Auch hier."

Im Jahr 1952 emeritierte Kraft. Im selben Jahr verstarb Nelböck plötzlich während eines Vortrags, den er in der Wohnung eines zwangspensionierten NS-Philosophen gehalten hatte.

Friedrich Waismann, inzwischen Professor in Oxford, kam 1951 auf Platz eins der Berufungsliste für eine Philosophie-Professur in Wien. Das hätte die Rückkehr des Wiener Kreises bedeutet. Das Unterrichtsministerium fand einen Ausweg. Es stufte die vakante Stelle herab, beschloss ohne weitere Nachfrage, dass sich kein ausländischer Philosoph für den mickrigen Posten interessieren würde, und besetzte ihn mit Erich Heintel, einem ehemaligen NS-Parteigenossen, der nach dem Krieg zunächst als schwer, später als minder belastet eingestuft worden war. Heintel bezeichnete sich selbst als "Substanzmetaphysiker", der den Menschen in seiner Einheit als "daseiende Transzendentalität" begriff.

Wenig später wertete das Drimmel-Ministerium die Stelle wieder zu einem Ordinariat auf. In den folgenden Jahrzehnten regierten an der Philosophischen Lehrkanzel in Wien der ehemalige Austrofaschist Leo Gabriel und der ehemalige Nationalsozialist Erich Heintel. Für analytische Philosophie, logischen Empirismus oder gar den Neopositivismus des Wiener Kreises blieb da wirklich kein Platz mehr.

Erst 1991 wurde das Institut "Wiener Kreis zur Förderung wissenschaftlicher Weltauffassung" gegründet, das gar erst 2011 Platz an der Universität fand – gerade rechtzeitig zum 650-Jahr-Jubiläum.