Ein Hauch von Plaste und Elaste

© Rowohlt Berlin

Das Wasser ist eisig. "Es war tief aus der Erde gekommen, und die Kälte der Nacht hatte darin gebadet." Kirsten Fuchs ist eine Autorin, die mit kleinen poetischen Tricks große Wirkung erzielen kann – in diesem Fall einen eigentlich trivialen Umstand mit unheimlicher Vorbedeutung aufladen. Der Waldabenteuer-Urlaub von ein paar vierzehn- bis sechzehnjährigen Mädchen entgleist nämlich, kaum dass er begonnen hat, und verwandelt sich in eine streckenweise ziemlich gruselige Coming-of-Age-Geschichte. Solche Pubertätserzählungen werden im Allgemeinen am besten von den Betroffenen selbst gelesen; Erwachsene haben das Erwachsenwerden ja (meist) schon hinter sich und erinnern sich ungern daran. Aber für Mädchenmeute hat Kirsten Fuchs ein Amalgam von Naivität, Jugendslang und tieferer Bedeutung gefunden, das fast an die angelsächsische Tradition des hochliterarischen Abenteuerromans heranreicht.

Es ist natürlich alles nur ein Kartenhaus, aber jede einzelne Karte enthält ein so überzeugendes Schreckens- oder Sehnsuchtsbild, dass auch der erwachsene Leser schließlich sehr froh ist, wenn es zum Happy End in sich zusammenfällt. Neben den Gefahren des Waldes und der Einsamkeit entsteht nämlich für die Mädchen zu guter Letzt noch ein Problem mit den Jungs, die plötzlich auftauchen. "Das Problem von den Jungs ist, dass sie unbedingt jemand beeindrucken wollen, aber nicht die geistigen Möglichkeiten dazu haben." Auch das zu begreifen kann ein Reifeprozess sein. Die große Frage: Wem soll man vertrauen – und warum? Kurzum: Das Buch ist spannend und enthält darüber hinaus noch ein altmodisches, speziell ostdeutsches Aroma von Plaste und Elaste, das vor allem für den Wessi schaurig-lehrreich sein dürfte. Fazit des Romans: Unsere Welt ist ganz toll kaputt, aber man kann in ihr dann doch verblüffenderweise überleben. Jens Jessen

Kirsten Fuchs: Mädchenmeute
Rowohlt Berlin, Berlin 2015; 464 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €