Wie viel Cannabis macht fahruntauglich? Eindeutige Maßstäbe gibt es nicht. © Robyn Beck/AFP/Getty Images

Plötzlich war Schluss mit lustig. Nicola Schertzing* hatte auf einer Party mit Freunden gefeiert und dabei auch am herumgereichten Joint partizipiert. Zwei Stunden später war sie in ihr Auto gestiegen. Kurz darauf winkte sie eine Polizeikelle von der Straße. Erweiterte Pupillen, positiver Speicheltest, auf der Wache Blutabnahme: 2,7 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Die Konsequenzen ihrer "Drogenfahrt", wie der Tatbestand in den offiziellen Polizeiberichten heißt, trafen die 24-Jährige schnell und hart: Lappen weg für einen Monat. 726,85 Euro Bußgeld.

Cannabis ist zur Volksdroge geworden. Wer das nicht in der urbanen Jugendkultur feststellt, in einschlägigen Vierteln mit der Nase riecht oder die Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kennt, denen zufolge 3,9 Prozent aller jungen Erwachsenen (18 bis 25) regelmäßig konsumieren, der merkt es an der Popularität viraler Netzvideos. Wie beim Clip von Edeka, der drei Kiffer beim Einkaufen zeigt ("Brauchen Sie eine Tüte? Und den Bon?").

Spätestens seit auch in der ZEIT zur Einrichtung von Coffeeshops aufgerufen wurde (ZEIT Nr. 4/15), muss dem Letzten klar sein: Der Stoff gehört zu Deutschland. Und das merkt man auch im Verkehr. Soeben teilt die Bundesanstalt für Straßenwesen mit, dass immer mehr Autofahrer wegen Drogen am Steuer zur gefürchteten Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) müssen, um ihre Fahrtauglichkeit zu begutachten. Insgesamt betrachtet, fallen zwar immer noch die meisten wegen Alkohol am Steuer auf; doch die "Drogenfahrer" holen auf. Hier stieg die Quote der MPU-Kandidaten alleine im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent.

Das kann auch damit zu tun haben, dass cannabisberauschte Autofahrer deutlich drakonischer bestraft werden als alkoholisierte Fahrer. Dass bei Kiffern schon ein minimaler Anteil an berauschendem Wirkstoff im Blut reicht, um die Gesetzesmühle in Gang zu setzen, scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben.

Nicola Schertzing war völlig arglos, als es sie damals, im Juli 2013, erwischte. "Ich spürte eine leichte Benommenheit. 50 km/h kamen mir wie 100 vor. Darum fuhr ich ja auch entsprechend vorsichtig." Sie versuchte noch, mit den Polizeibeamten und später dem Arzt, der ihr das Blut abnahm, zu scherzen, doch das kam nicht gut an. Wie eine Straftäterin fühlte sie sich behandelt, sagt sie heute. Und noch während sie das erzählt, fällt ihr, immer noch ein bisschen überrascht, ein: "Ich war ja auch eine!" Das toxikologische Gutachten attestierte ihr 2,7 ng THC/ml. Der Grenzwert für Tetrahydrocannabinol, jenseits dessen man als fahruntauglich gilt, liegt bei 1,0 ng. Nur zähneknirschend akzeptierte die junge Frau die Strafe des Rechtsstaates. Doch der war noch lange nicht fertig mit ihr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Viele Betroffene selbst haben das Gefühl, auch ein bisschen bekifft ihr Auto noch bestens lenken zu können. Und tatsächlich ist die Frage nach den Auswirkungen des Cannabiskonsums fürs Fahren gar nicht so leicht zu beantworten. Sicher ist bis heute nur eins: Bekiffte Autofahrer sind manchmal enthemmt, reagieren verzögert und werden öfter müde und träge.

Auch bestreitet niemand, dass Drogen im Straßenverkehr ein ernstes Thema sind. Im Jahr 2013 ereigneten sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 1.388 Unfälle mit Personenschaden, bei denen illegale Rauschmittel, meist Cannabis, eine Rolle spielten. Zum Vergleich: In mehr als zehnmal so vielen Fällen, insgesamt 13.980-mal, war Alkohol im Spiel. Bei den rund 100.000 Menschen, die bundesweit pro Jahr ihren Führerschein verlieren, sieht die Verteilung dagegen anders aus: Etwa 20 Prozent werden wegen Drogen oder Medikamenten im Blut zur Verantwortung gezogen, rund zwei Drittel wegen Alkohol.