Eine Flüchtlingsfamilie betritt in Hamburg einen Wohncontainer: Für viele ist ein Abendessen über das "Welcome Dinner" der erste Privatkontakt mit Hamburgern. © dpa

Athanasia steht in ihrer schmalen Küche und betrachtet die Pfanne auf dem Herd. Nudeln hat sie gekocht, mit Tomaten und Sesampesto. Die Soße köchelt vor sich hin. Den Serranoschinken, in kleine Stücke gerissen, hat Athanasia noch nicht dazugegeben. Was, wenn ihre Gäste aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch essen? Wenn sie halal leben und alles unterlassen, was nach islamischem Gesetz verboten ist? Athanasia beschließt, den Schinken wegzulassen. Noch wenige Minuten, und die zwei Besucher werden da sein.

Athanasia Dragonas, Deutsche mit griechischen Wurzeln, und ihre Freundin Sarah Gansser haben an diesem Abend zum ersten Mal zu einem Welcome Dinner eingeladen, in Athanasias kleiner Erdgeschosswohnung in Barmbek-Nord. Ein roter Klinkerbau aus den fünfziger Jahren, der Stadtpark liegt gleich um die Ecke. Die Wohnung ist hell, eingerichtet mit modernen Möbeln. Im Wohnzimmer die Stadtsilhouette mit Michel und Elbphilharmonie als Wandtattoo, schwarz auf weiß. Athanasia arbeitet als Account-Managerin bei einem Social-Media-Unternehmen, Sarah ist Sportwissenschaftlerin. Beide sind 30 Jahre alt. Beide wagen sich diesen Abend an ein Experiment.

Den Besuch, der gleich kommt, kennen sie nicht. Sie wissen nur, es sind zwei Flüchtlinge aus Afghanistan. Ein junges Paar, das ein Kind hat. Bisher hatten die Gastgeberinnen nur auf der Homepage von "Welcome Dinner Hamburg" zu ihren Gästen Kontakt. Die Internetseite gibt es seit Anfang dieses Jahres, gegründet von vier jungen Menschen, die sich zuvor schon ehrenamtlich um Flüchtlinge gekümmert haben.

Die Idee der Welcome Dinner stammt aus Stockholm, schnell fand sie Nachahmer in ganz Schweden, inzwischen verbreitet sie sich auch in anderen Ländern. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT des vergangenen Jahres las die Hamburgerin Ines Burckhardt, Journalistin von Beruf, zum ersten Mal davon und beschloss: Welcome Dinner müsse es auch in Hamburg geben.

"Viele Flüchtlinge lernen kaum Hamburger kennen, geschweige deren Zuhause", sagt sie. "Viele Hamburger wiederum möchten gern Zuwanderer willkommen heißen, wissen aber nicht, wie." Ein Abendessen in der eigenen Wohnung sei dafür perfekt. "Es ist etwas Persönliches, eine Geste der Freundschaft", sagt Burckhardt. Erwartet wird allerdings, dass die Flüchtlinge schon etwas Deutsch sprechen. "Host" kann jeder sein, man darf auch allein einladen. Was jedoch nicht vermittelt wird, ist: Alleinstehende Frau besucht alleinstehenden Mann oder andersrum.

Damit der Kontakt erhalten bleiben kann, sollen Gäste und Gastgeber möglichst nicht weit voneinander entfernt wohnen – ein Vorsatz, der sich allerdings schon bald als schwer umsetzbar erwiesen hat. Flüchtlinge wohnen zumeist am Stadtrand, in nicht eben begehrten Vierteln, die Gastgeber dagegen häufig in schicken oder zumindest zentralen Stadtteilen.

Die Zahl der Asylanträge hat sich in Deutschland seit 2012 verdreifacht. Hamburg muss entsprechend seiner Einwohnerzahl 2,5 Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen. Das waren im vergangenen Jahr 6638, zwei Jahre zuvor waren es noch 2091. Tausende, die am Rand der Gesellschaft leben – das Welcome Dinner soll sie mit jenen zusammenbringen, die in der Mitte leben.

Es ist kurz nach 20.30 Uhr, in Barmbek-Nord klingelt es an der Tür. Die erste Überraschung: Nicht das angekündigte Paar tritt herein, sondern eine Mutter mit ihrem Kind. Statt ihres Mannes habe sie ihren Sohn mitgebracht, sagt die junge Frau etwas verschämt lächelnd, während sie einen Buggy zusammenklappt und im Treppenhaus abstellt. Athanasia und Sarah schauen sich irritiert an, stellen sich aber gleich auf die neue Situation ein: Dann gibt es eben ein Welcome Dinner für Mutter und Sohn! Willkommen!

Der Sohn, er heißt Soban und ist drei Jahre alt, mustert mit weit aufgerissenen Augen die Gastgeberinnen und folgt seiner Mutter wortlos in die Wohnung. Sie setzen sich nebeneinander an den gedeckten Tisch im Wohnzimmer. Die drei Frauen stellen einander vor. Sie heiße Somaya, sagt Sobans Mutter. Vor drei Jahren sei sie allein nach Deutschland gekommen, schwanger. Ihren Mann habe sie erst in Hamburg wiedergetroffen. Warum sie nicht gemeinsam geflohen sind? Somaya lächelt und bleibt stumm. Stattdessen erzählt sie, dass sie von Beruf Krankenschwester sei. Inzwischen sei es ihr auch erlaubt zu arbeiten, aber sie finde keine Stelle. Seit ihrer Ankunft wohnt die Familie in Billstedt. Um zum Dinner nach Barmbek-Nord zu gelangen, musste Somaya zweimal umsteigen, von der U2 in die U3 und dann in die S-Bahn.

Warum ihr Mann nicht mitgekommen sei, fragen die Gastgeberinnen. Er habe Probleme mit den Augen, antwortet Somaya. Es klingt, als litte er unter einer Augenentzündung, einer vorübergehenden Erkrankung. Doch dann sagt Somaya, ihr Mann sei blind, habe nur noch zwei Prozent Sehfähigkeit. Athanasia und Sarah schauen einander fragend an: Haben sie das jetzt richtig verstanden? Was ihr Mann denn beruflich mache, fragt Sarah. Er sei Pianist, antwortet Somaya. Aber leider habe er zurzeit ebenfalls keine Arbeit.

Athanasia und Sarah schweigen und schauen Somaya an; ihren Mann hätten sie gern kennengelernt. Einen afghanischen Pianisten!