Die Invasion der Orks beginnt schon am Donnerstagabend, mit einem entfernten Röhren. Noch sind es wenige, die Vorhut, noch kann man einzelne Maschinen unterscheiden: die lauten von den irrsinnig lauten. Sie vermehren sich schnell, aus dem entfernten Röhren wird ein Chor aus tausend Rohren, die ihren Zweck erfüllen: Sie geben den Fahrern das Gefühl, lebendig zu sein. Sie markieren Stärke. Sie schüchtern ein. Wo sie auftauchen, riecht es nach Tankstelle.

Die Harley Days sind wieder da. Um die 50.000 Männer und ihre Motorräder rücken laut Veranstalter in die Stadt ein, dominieren die Straßen zwischen Großmarkt und Reeperbahn, vor allem akustisch. Manche tragen dazu Stahlhelm. Bei den Menschen, die dort wohnen, sind sie – das muss man so deutlich sagen – verhasst.

"Die Pest", so nennt Jutta Kodrzynski die Harley Days. Sie wohnt seit einem Vierteljahrhundert in der Neustadt, unweit eines Hotels, in dem die Rocker absteigen und morgens um vier noch mal kurz Gas geben. "Dann steht die ganze Straße senkrecht im Bett", sagt Kodrzynski. Vor einigen Jahren wagte es die damalige Grünen-Bezirksabgeordnete, in der Zeitung über den Lärm zu klagen. Zurück kam der Brief eines Zahnarztes aus Verden an der Aller: Er ließ wissen, die Ökotrulla solle doch weiter in Latschen und Strickpulli herumlaufen und ihm seinen Spaß gönnen.

Nur haben die Menschen in der Neustadt und in St. Pauli gar nichts gegen Zahnärzte aus Verden an der Aller, die Spaß haben wollen. Sie fragen sich nur: Warum immer bei uns?

Manche, die besonders nah am Geschehen wohnen, flüchten übers Wochenende aus der Stadt. Andere malen Plakate und hängen sie an die Straße. Einige St. Paulianer haben überlegt, ob sie sich dieses Jahr aus Protest auf die Reeperbahn setzen. Sie lassen das lieber.

"Insgesamt werden es mehr Beschwerden und im Ton schärfer, auch zu anderen Veranstaltungen", berichtete das zuständige Fachamt nach den Harley Days 2014. Es geht um manipulierte Auspuffe, um Biker, die nachts Rennen quer durch die Stadt fahren oder ihre Hinterreifen beim Burn-out durchdrehen lassen, bis sie sich in grauem Qualm auflösen.

An den Harley Days entzündet sich jedes Jahr der Grundkonflikt der Touristenmetropole Hamburg: Wie viel Großevents verträgt die City? Gibt es auch Veranstaltungen, für die sich Hamburg zu schade sein sollte? Oder ist hier jeder willkommen, dem gerade ein paar Euro locker sitzen, wofür auch immer? Ist denn wirklich nichts zu peinlich?

Uwe Bergmann organisiert die Harley Days von Anfang an. Er ist ein entspannter Mann in Jeans, der erfrischend offen spricht. "Mir sind die Maschinen teilweise auch zu laut", sagt Bergmann, "diesen Leuten könnte ich jedes Mal richtig in den Hintern treten." Warum der Lärm? "Ich weiß nicht, wo das in uns verankert ist, aber irgendwie finden das manche schon geil", sagt er und lacht. "Ich habe da kein Verständnis für."

Dann erzählt er, was er schon verändert hat: Das Harley Village steht nicht mehr auf dem Heiligengeistfeld, sondern auf dem Großmarkt. Die Parade am Sonntag führt nicht mehr stundenlang durch die Innenstadt, sondern nur noch zu Beginn, dann geht es durch unbewohntes Gebiet im Hafen. Dieses Jahr startet Bergmann die Kampagne mit dem Titel "Respekt für Hamburg". Er trägt fünf große schwarze Schilder in sein Büro, sie sollen an den Straßen hängen: "Bitte achtet auf die Lautstärke". "Bitte meidet Wohngebiete". Oder: "Bitte keine Burn-outs".

"Biker wollen Respekt bekommen", sagt Bergmann, "dann muss man auch Respekt haben für die Menschen, die hier leben."

Andererseits, findet der Eventmanager, wohnten die Leute in der Neustadt und St.Pauli ja auch privilegiert, nah am Zentrum, mitten im Leben. "Wir müssen Rücksicht nehmen auf die Menschen. Aber wer dort wohnt, muss sich auch eingestehen, dass dieser Ort eine höhere Belastung hat als andere. Wenn man das nicht möchte, sollte man besser an einen anderen Ort ziehen, wo das nicht so ist."

Ab nach Wandsbek? Nach Verden an der Aller? Bergmann sagt: "Es wird eher mehr Events geben. Die Leute werden die Entwicklung nicht aufhalten können. Hamburg muss seine Ressourcen auch nutzen."