"Stoppt die Kriegspropaganda": Plakat in der Berliner Torstraße © Oliver Mark für DIE ZEIT

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Die Botschaft könnte vom "Islamischen Staat" stammen: "Man möge ihm die Hände mehrfach brechen oder gleich abhacken." Doch sie stammt nicht vom IS, sondern von einem deutschen Bürger, einem Leser. Er erging sich in Verstümmelungsfantasien, weil er sich über einen Text von Steffen Dobbert geärgert hatte. Dobbert, Redakteur bei ZEIT ONLINE, hatte über Russlands Präsidenten Wladimir Putin geschrieben.

"Hetzfresse" nannte ein Zuschauer die Journalistin Katrin Eigendorf vom ZDF.

Besonders schlimm traf es die ARD-Korrespondentin Golineh Atai, die regelmäßig über den Ukraine-Konflikt berichtet: "Diese Frau ist ekelhaft", eine "widerliche Propagandapuppe", "politische Kotze".

Alle diese Angriffe stammen aus der jüngsten Zeit, und alle fanden öffentlich statt, im Internet. Man muss kein Jurist sein, um zu wissen: Würden sich die, die so etwas schreiben, nicht hinter Tarnnamen verschanzen, sie stünden längst vor Gericht. Was sie tun, ist maßlos, beleidigend und niederträchtig.

Auch die Leser gedruckter Medien stoßen wüste Schmähungen aus, es geht also nicht um ein "Internetphänomen". Im Netz aber wird mehr kommentiert denn je. Twitter und Facebook sind Orte, an denen das Meinen, Empfehlen, Bewerten nie aufhört. Onlinemedien laden ihre Leser und Zuschauer dazu ein, am Ende der Artikel zu hinterlassen, was sie denken, und miteinander über die Texte zu diskutieren.

Steffen Dobbert berichtete für ZEIT ONLINE häufig über den Ukraine-Konflikt. Dafür wollte ihm ein Leser am liebsten die Hände brechen. Warum er den Austausch trotzdem schätzt, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Steffen Burkhardt, Medienwissenschaftler in Hamburg, erinnert daran, dass durch das Internet zum ersten Mal "Menschen ohne spezifische Qualifikation direkt zu Menschenmassen sprechen und brandmarken können, was sie als skandalös empfinden". Das ist eine der großen Errungenschaften der digitalen Welt, und sie bewirkt, dass die alte Ordnung – hier die Sender, dort die Empfänger – nicht mehr gilt. Journalisten sind keine unumstrittenen Autoritäten mehr. Aber zugleich bewahrheitet sich wieder: Nicht Kommunikationsmedien sind gut oder böse, sondern die Menschen. Und so hat sich nicht nur die Zahl der klugen, sondern mehr noch die der wirren und der beleidigenden Kommentare ins Unermessliche gesteigert. "Im Internet ruft dauernd 'jemand Skandal, Skandal' und findet schneller Zuspruch denn je. So entsteht ein regelrechter Empörungsrausch", sagt Burkhardt.

Dieser Empörungsrausch richtet sich zunehmend gegen Journalisten: Die eingangs zitierten Attacken galten Kollegen, die über Russland schreiben. Aber solche Grenzüberschreitungen gibt es fast überall, sie treffen Kritiker der Piratenpartei und der AfD ebenso wie Befürworter einer großzügigeren Flüchtlingspolitik. Ein Journalist der FAZ, der eine gemäßigte Variante der Vorratsdatenspeicherung für sinnvoll hält, wird in den Sozialen Netzwerken als "Sprachrohr der Polizeilobby" tituliert.

Dieser Text stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25. Juni. Weitere Folgen der Serie "Wahrheit und Propaganda" finden Sie in den kommenden Ausgaben: Propaganda im 21. Jahrhundert | Die Macht der Verschwörungstheorien | Die Manipulierbarkeit von Fotos und Videos

Es kommt sogar vor, dass einer Journalistin mit dem Tod gedroht wird. Nachdem Ronja von Rönne in der Welt einen Essay über den organisierten Feminismus geschrieben hatte, richtete der Frankfurter Pfarrer Hans-Christoph Stoodt die Worte an sie: "Adel ist was für die Laterne. Ça ira, von Rönne." Der Theologe spielte damit auf ein französisches Revolutionslied an, das von dem Wunsch handelt, der Adel möge verrecken, sei es am Baum, sei es auf dem Schafott. Beim Cybermobbing, so der Medienwissenschaftler Burkhardt, gehe es dem Angreifer stets darum, den Betroffenen "durch öffentliche Isolation symbolisch zu töten".

Etwas Grundlegendes scheint hier ins Rutschen gekommen zu sein. Es ist, als gelte nicht mehr, was lange als ausgemacht galt, dass die Medien so etwas wie eine Schutzmacht für die Bürger sind und für die Demokratie als Ganzes. Eine vierte Gewalt, die die drei Staatsgewalten Regierung, Parlament und Justiz halbwegs zuverlässig kontrolliert und trotz aller Fehler das Vertrauen der Bevölkerung genießt.