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Die Botschaft könnte vom "Islamischen Staat" stammen: "Man möge ihm die Hände mehrfach brechen oder gleich abhacken." Doch sie stammt nicht vom IS, sondern von einem deutschen Bürger, einem Leser. Er erging sich in Verstümmelungsfantasien, weil er sich über einen Text von Steffen Dobbert geärgert hatte. Dobbert, Redakteur bei ZEIT ONLINE, hatte über Russlands Präsidenten Wladimir Putin geschrieben.

"Hetzfresse" nannte ein Zuschauer die Journalistin Katrin Eigendorf vom ZDF.

Besonders schlimm traf es die ARD-Korrespondentin Golineh Atai, die regelmäßig über den Ukraine-Konflikt berichtet: "Diese Frau ist ekelhaft", eine "widerliche Propagandapuppe", "politische Kotze".

Alle diese Angriffe stammen aus der jüngsten Zeit, und alle fanden öffentlich statt, im Internet. Man muss kein Jurist sein, um zu wissen: Würden sich die, die so etwas schreiben, nicht hinter Tarnnamen verschanzen, sie stünden längst vor Gericht. Was sie tun, ist maßlos, beleidigend und niederträchtig.

Auch die Leser gedruckter Medien stoßen wüste Schmähungen aus, es geht also nicht um ein "Internetphänomen". Im Netz aber wird mehr kommentiert denn je. Twitter und Facebook sind Orte, an denen das Meinen, Empfehlen, Bewerten nie aufhört. Onlinemedien laden ihre Leser und Zuschauer dazu ein, am Ende der Artikel zu hinterlassen, was sie denken, und miteinander über die Texte zu diskutieren.

Steffen Dobbert berichtete für ZEIT ONLINE häufig über den Ukraine-Konflikt. Dafür wollte ihm ein Leser am liebsten die Hände brechen. Warum er den Austausch trotzdem schätzt, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Steffen Burkhardt, Medienwissenschaftler in Hamburg, erinnert daran, dass durch das Internet zum ersten Mal "Menschen ohne spezifische Qualifikation direkt zu Menschenmassen sprechen und brandmarken können, was sie als skandalös empfinden". Das ist eine der großen Errungenschaften der digitalen Welt, und sie bewirkt, dass die alte Ordnung – hier die Sender, dort die Empfänger – nicht mehr gilt. Journalisten sind keine unumstrittenen Autoritäten mehr. Aber zugleich bewahrheitet sich wieder: Nicht Kommunikationsmedien sind gut oder böse, sondern die Menschen. Und so hat sich nicht nur die Zahl der klugen, sondern mehr noch die der wirren und der beleidigenden Kommentare ins Unermessliche gesteigert. "Im Internet ruft dauernd 'jemand Skandal, Skandal' und findet schneller Zuspruch denn je. So entsteht ein regelrechter Empörungsrausch", sagt Burkhardt.

Dieser Empörungsrausch richtet sich zunehmend gegen Journalisten: Die eingangs zitierten Attacken galten Kollegen, die über Russland schreiben. Aber solche Grenzüberschreitungen gibt es fast überall, sie treffen Kritiker der Piratenpartei und der AfD ebenso wie Befürworter einer großzügigeren Flüchtlingspolitik. Ein Journalist der FAZ, der eine gemäßigte Variante der Vorratsdatenspeicherung für sinnvoll hält, wird in den Sozialen Netzwerken als "Sprachrohr der Polizeilobby" tituliert.

Dieser Text stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25. Juni. Weitere Folgen der Serie "Wahrheit und Propaganda" finden Sie in den kommenden Ausgaben: Propaganda im 21. Jahrhundert | Die Macht der Verschwörungstheorien | Die Manipulierbarkeit von Fotos und Videos

Es kommt sogar vor, dass einer Journalistin mit dem Tod gedroht wird. Nachdem Ronja von Rönne in der Welt einen Essay über den organisierten Feminismus geschrieben hatte, richtete der Frankfurter Pfarrer Hans-Christoph Stoodt die Worte an sie: "Adel ist was für die Laterne. Ça ira, von Rönne." Der Theologe spielte damit auf ein französisches Revolutionslied an, das von dem Wunsch handelt, der Adel möge verrecken, sei es am Baum, sei es auf dem Schafott. Beim Cybermobbing, so der Medienwissenschaftler Burkhardt, gehe es dem Angreifer stets darum, den Betroffenen "durch öffentliche Isolation symbolisch zu töten".

Etwas Grundlegendes scheint hier ins Rutschen gekommen zu sein. Es ist, als gelte nicht mehr, was lange als ausgemacht galt, dass die Medien so etwas wie eine Schutzmacht für die Bürger sind und für die Demokratie als Ganzes. Eine vierte Gewalt, die die drei Staatsgewalten Regierung, Parlament und Justiz halbwegs zuverlässig kontrolliert und trotz aller Fehler das Vertrauen der Bevölkerung genießt.

Woher kommt die Wut?

Eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts infratest dimap für die ZEIT macht aus dieser Vermutung eine Gewissheit: Großes Vertrauen in die Medien und tiefe Enttäuschung über sie halten sich selbst unter politisch Interessierten nur noch knapp die Waage. In anderen Bevölkerungsgruppen sind die Unzufriedenen schon klar in der Überzahl, und wollte man alle Kritik, alle Wut in eine einzige Frage bündeln, sie würde lauten: Können wir euch noch trauen?

Auch Leser der ZEIT erkundigen sich regelmäßig: Seid ihr eigentlich unabhängig? Recherchiert ihr wirklich? Aus welchen Quellen stammen eure Informationen? Wir sind also selbst angesprochen, und deshalb ist dieser Text eine Art teilnehmende Beobachtung: Woher kommt die Wut? Wohin führt der Vertrauensverlust? Und: Was kann man dagegen tun?

Viele wichtige Zeitungen und Sender haben in den letzten Jahren in Qualität investiert, trotz der Anzeigen- und Auflagenkrise. Es werden heute mehr investigative Reporter beschäftigt denn je, und viele Reportagen verbinden mittlerweile faktenreichen Journalismus mit einer wunderbaren Sprache. Zudem haben sich Redaktionen neue Codes of Ethics gegeben, auch ZEIT und ZEIT ONLINE, um nach innen und außen zu dokumentieren, wie sie ihre Unabhängigkeit wahren. Wer also den Journalismus pauschal schlechtredet oder nur noch Untergang sieht, der liegt falsch.

Wahr ist aber auch, dass Journalisten in den vergangenen Jahren in entscheidenden Momenten versagt haben. Vor und während des US-Einmarschs im Irak etwa. Damals, 2003, gaben viele, vor allem amerikanische Medien im Grunde nur US-Regierungspropaganda wieder – und zogen mental mit in den Krieg. Sie brachten geschönte Frontberichte und PR-Videos über angeblich "chirurgische" Bombenangriffe, während zugleich Gefangene in geheimen Foltergefängnissen misshandelt wurden.

Nicht vergessen ist auch, dass einige Journalisten die Exzesse, die der Finanzkrise im Jahr 2008 vorangingen, zwar untersucht und kritisiert haben. Aber den großen Crash sahen auch sie nicht kommen. Und weil das in eine Zeit fiel, in der in deutschen Medien die neoliberalen Stimmen dominierten, blieb der Eindruck, Wirtschaftsjournalisten hätten nicht nur nicht genau hingesehen. Sie seien vielmehr Propagandisten dieses ungezügelten Kapitalismus.

Nun haben Redaktionen aus ihren Fehlern gelernt, sie begannen, mit Enthüllungsplattformen wie WikiLeaks und Whistleblowern wie Edward Snowden zusammenzuarbeiten, sie schärften ihren Blick für das Treiben von Banken, überdachten ihre politische Berichterstattung. Aber die Fehler von damals wirken nach. Viel von der Kritik, ja dem Hass, den die Ukraine-Berichterstattung hervorgerufen hat, erklärt sich vermutlich auch daraus. Bei einem Teil des Publikums hat sich offenbar der Verdacht eingegraben, in den Berichten über die russische Annexion der Krim beteten die Medien wieder bloß kritiklos nach, was im Interesse der USA oder der Nato liege.

Integration, Islam und Rechtsradikalismus sind die Themen, über die Özlem Topçu regelmäßig für DIE ZEIT schreibt. Dafür wird sie zum Ziel deutscher und türkischstämmiger Wut-Leser. Wie sie damit umgeht, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Aber es sind nicht nur alte Fehler, die das Vertrauen schwinden lassen, es kommt noch etwas anderes, Gegenwärtiges hinzu: die tägliche Skandalisierung. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt Medien inzwischen "Erregungsmaschinen". Im harten Kampf um Aufmerksamkeit laden sie nahezu stündlich dazu ein, sich zu empören. Und selbst wenn die Leser und Zuschauer darauf zunächst anspringen, kennen sie doch längst die ermüdenden Rituale des Skandals und sehen die immergleiche Kurve voraus: Zuerst wird eine Verfehlung enthüllt und häufig genug massiv überzeichnet, dann folgt die kollektive Erregung der Journalisten und des Publikums, schließlich kommen die unvermeidlichen Phasen der Aufarbeitung – erst das Schweigen der Betroffenen, dann Erklärungen, zuletzt eine Entschuldigung. Und aus. Zurück blieben "immer wieder auch Unschuldige und Kaum-Schuldige", denen "die Würde genommen" wurde, sagt Pörksen.

Statt Orientierung und Aufklärung zu liefern, wie es eigentlich ihre Aufgabe ist, statt einzuordnen und abzuwägen, ziehen die Journalisten nach dem Gemetzel mit der Medienkarawane einfach weiter, und auf der Strecke bleibt ihre eigene Glaubwürdigkeit.

Wohl kaum ein Ereignis aus der jüngsten Vergangenheit belegt den Überdruss daran so drastisch wie der Absturz der Germanwings-Maschine über Südfrankreich Ende März. Vom ersten Augenblick an hat ein erheblicher Teil des Publikums die atemlose Berichterstattung massiv kritisiert. In den Kommentarspalten der Onlinemedien warfen Leser den Redaktionen sofort vor, die sogenannten Liveticker mit bloßen Spekulationen zu füllen. Wer Halbinformationen als gesicherte Wahrheiten verbreite, verletze alle professionellen Regeln und trete die Würde der Opfer mit Füßen.

Das Publikum ist tief gespalten

Beim Deutschen Presserat gingen nach dem Absturz mehr Beschwerden ein als bei jedem anderen Ereignis seit Gründung des Rats vor 60 Jahren. Leser kritisierten vor allem, wie dreist Journalisten den Hinterbliebenen und den Bürgern der Gemeinde Montabaur zu Leibe rückten, wo der Co-Pilot Andreas Lubitz aufgewachsen war, der die Maschine zum Absturz gebracht hatte.

Auch die ZEIT erntete harte Kritik. Mehr als tausend Leser beschwerten sich, weil die Redaktion den Absturz zur Titelgeschichte gemacht hatte, obwohl die Ausgabe am Abend der Katastrophe in Druck musste. In einem Moment, in dem die Sachlage noch unklar war, entschied sich die ZEIT für die Zeile: Absturz eines Mythos.

Die Titelgeschichte stellte die Frage, ob die neue Strategie der Lufthansa, die Tochtergesellschaft Germanwings zu einer Billig-Airline umzubauen, zu Sicherheitsmängeln geführt haben könnte. Dem Impuls folgend, bei einem Großereignis zu tun, was man als Journalist gelernt hat, nämlich schnell zu berichten, schlug die Redaktion die falsche Richtung ein. Das stellte sich kurz darauf heraus, als bekannt wurde, dass kein Sicherheitsmangel den Absturz herbeigeführt hatte, sondern der Co-Pilot. Ungeschehen machen konnte die ZEIT ihre Titelgeschichte nicht.

Vielleicht wird man einmal sagen, dass der Absturz der Germanwings-Maschine ein Wendepunkt war. Dass das Publikum von nun an genug hatte vom Skandal. Und, dass Journalisten wieder Erfolg damit hatten, sich zurückzuhalten.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Debatte nur das bisher klarste Zeichen dafür war, wie tief gespalten das Publikum ist: auf der einen Seite diejenigen, die Stabilität und Orientierung wollen. Auf der anderen Seite jene, deren Lust am Skandal unstillbar ist. Und in der Mitte alle anderen, die schwanken zwischen Lust und Ekel, vor den Medien und gelegentlich auch vor sich selbst.

Denn natürlich weiß das Publikum genau, dass Journalisten in aller Regel Dinge schreiben und senden, von denen sie glauben, dass sie gefallen, aufrütteln, den Lesern wichtig sind. Tatsächlich fanden ja auch die heftig kritisierten Liveticker nach dem Germanwings-Absturz sehr viel Aufmerksamkeit. Die Klickzahlen der Nachrichtenseiten schossen in die Höhe, und in den Tagen danach verkauften sich die Boulevardzeitungen besonders gut, die Einzelheiten über den Co-Piloten und dessen Krankengeschichte liefern konnten.

Es gibt also, paradoxerweise, eine maßlose Lust am Skandal – und zugleich eine weit verbreitete Enttäuschung über die Medien, die diese Lust bedienen. Und es gibt, noch paradoxer, ausgerechnet im Fernsehen mehr und mehr Satire-Formate, die beides, Skandallust und Medienfrust, mit enormem Erfolg bedienen. Auf diese Weise steigern sie Abscheu und Misstrauen noch einmal. Am besten gelingt das Oliver Welke.

Immer freitags ätzt er in seiner heute-show gegen Politiker, Bosse und Journalisten-Kollegen, immerfort ruft er "Skandal". Und die Zuschauer laufen ihm zu, inzwischen erreicht er freitags mehr Menschen als große Nachrichtensendungen heute und Tagesthemen, im Schnitt 3,4 Millionen. Anders gesagt: Bevor die Deutschen ins Wochenende gehen, lassen sie sich Politik, Wirtschaft und Medien am liebsten von Welke servieren. Satire schlägt Recherche, Spott den Kommentar, Welke den Kleber. (Für alle, die nicht mehr wissen, wer das ist: Claus Kleber ist Moderator des heute-journals.)

Satire darf alles, klar, sie darf böse sein, einseitig, zynisch. Aber wenn sie vom Rand der Debatte in deren Mitte rückt, sagt das viel über die Gesellschaft. Und wenn Satire zu einer wesentlichen Informationsquelle wird, dann dokumentiert das nicht nur die Entfremdung zwischen dem Publikum und jenen Journalisten, die traditionell über Politik, Wirtschaft und Kultur berichten: Dann vertieft sich die Entfremdung noch.

Der ZEIT-Autor Yassin Musharbash schreibt über Terrorismus und Islam. Dafür muss er sich als "geschmierter Journalist", als "Islam U-Boot“ und "Ausländer" beschimpfen lassen. Das macht ihn wütend. Wie er damit umgeht, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Als Welke, nur zum Beispiel, im April die neuerlich angehobene Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum mit den Worten kommentierte: "Aktuell haben wir mehr Kinder, die von Hartz IV leben müssen, als vor fünf Jahren – trotz Aufschwung. Wie peinlich ist das denn? Juckt aber keinen", da johlten die Menschen im Saal. Welke benennt oft reale Probleme, seine Pointen aber sind stets destruktiv, ganz im Habitus der Satire, die sich nur vornimmt, was sie verdammenswert findet.

Bei der heute-show geht niemand auf Recherche, wie es einige der Vorbilder in den USA tun. Dort treiben Star-Moderatoren wie John Oliver immensen Aufwand, arbeiten sich tief in Themen ein und schicken Reporter los, um ihre Erkenntnisse hinterher mit den Mitteln der Satire zu erzählen. Welke hingegen bedient nur die Lust am Skandal und befriedigt den simplen Wunsch seines Publikums nach einer moralisch klar geordneten Welt.

Medien sind bei den satirischen Welterklärern längst fester Bestandteil jener Elite, die unter Generalverdacht steht. Erste bis vierte Gewalt haben sich bei Welke verklebt und versippt, er behandelt sie als Teil des "Systems". Es ist ein Denken, das sich genauso in vielen Leserbriefen und Onlinekommentaren findet, auf Twitter und Facebook: "System-Medien" gleich "Lügenpresse" gleich "gekaufte Journalisten". Meist formulieren die Redner und Schreiber unbeholfener als Welke, der Sound aber ist derselbe: Ihr Journalisten habt uns verraten! So ist Oliver Welke zum Durchschnittsbürger mit Sendeerlaubnis geworden.

Nach demselben Rezept arbeitet inzwischen noch ein Dutzend anderer Satiresendungen: Die ARD hält mit extra 3 drauf, RTL schickt ausgerechnet Mario Barth als moralischen Einpeitscher mit einer "investigativen Comedy" auf Sendung, und Olli Dittsche verarscht als Doppelgänger von Franz Beckenbauer den investigativen Journalismus. So verstärken die Mediensatiriker die Abneigung gegen jene Medien, denen sie ihre Sendeplätze verdanken.

Die fünfte Gewalt

Der Medienskandal ist längst "allgegenwärtig, er ist die neue Normalität", sagt der Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt. Die Skandalisierung kann Politiker aus dem Amt fegen, wie den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Sie kann aber auch Journalisten erwischen, wie der Fall unserer ZEIT-Kollegen Jochen Bittner und Josef Joffe zeigt. Den beiden wurde, ebenso wie Redakteuren anderer Blätter, in der ZDF-Sendung Die Anstalt vorgeworfen, sie seien derart eng mit transatlantischen Organisationen verbandelt, dass sie journalistisch nicht mehr unabhängig arbeiten könnten. Seither tobt im Netz ein Shitstorm gegen die beiden, obwohl Bittner weder Mitglied noch Vorstand oder Beirat einer der gezeigten Institutionen ist und Joffe auch nur bei zweien, nicht, wie behauptet, bei acht Organisationen.

Bittner wurde zudem unterstellt, er habe an einer Rede des Bundespräsidenten mitgeschrieben und "sein Schreiben für Gauck" nicht sauber von "seinem Schreiben für die ZEIT" getrennt. Tatsächlich hat Bittner nie für den Bundespräsidenten geschrieben, er nahm lediglich an einer Diskussionsrunde über neue außenpolitische Grundsätze teil. Der Hinweis darauf unterblieb allerdings in einem späteren Artikel von Bittner und Kollegen aufgrund einer Entscheidung der Ressortleitung. Ein ärgerlicher Fehler, gewiss, aber keiner von Jochen Bittner, und einer, der anschließend im Netz mit enormer hysterischer Energie aufgeblasen wurde, obwohl er in der nächsten Ausgabe sofort korrigiert wurde. Über die Klage von Bittner und ZEIT-Herausgeber Joffe gegen das ZDF wird demnächst in zweiter Instanz verhandelt.

Mit dem Ideal einer zivilisierten öffentlichen Debatte hat all das nicht mehr viel zu tun. Die permanente Skandalisierung bedeutet die Abkehr von Aufklärung und echter Auseinandersetzung.

Aber war das nicht einmal die Hoffnung? Das Wissen und die Klugheit der vielen, die sich auf den digitalen Plattformen versammeln, sollten eine neue Kontrollinstanz bilden, eine fünfte Gewalt.

Diese fünfte Gewalt existiert heute, und sie wird auch nicht mehr verschwinden. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit, den wir erleben, ist von Dauer. Es wäre auch falsch, zu sagen, die fünfte Gewalt wirke grundsätzlich zerstörerisch. Sie ist oft rau, aber sie inspiriert auch viele Debatten. Als Reaktion auf kluge Kommentare von Lesern sind viele Artikel entstanden, auch in der ZEIT. Hinweise, die Nichtjournalisten über Soziale Netzwerke verbreiten, sind wichtige Informationsquellen für Journalisten.

Die fünfte Gewalt befruchtet also die vierte Gewalt durchaus und macht ihr in mancher Hinsicht sogar Konkurrenz. In den Sozialen Netzwerken hat sich ein alternativer Nachrichtenkosmos entwickelt, in dem eine andere Vertrauenswährung gilt. Dort ist erst mal unwichtig, ob jemand ein professioneller Journalist ist, das Vertrauen wächst dort anders, es zählt der Glaube an Menschen, denen man auf Facebook oder Twitter folgt und von denen man erwartet, dass sie auf wichtige Ereignisse und interessante Texte hinweisen. In diesen Netzwerken werden Artikel von Journalisten empfohlen und geteilt, sie sind weiterhin die zentrale Informationsquelle, aber ihre Glaubwürdigkeit beziehen sie vor allem von denen, die auf sie verweisen.

Nur ist diese fünfte Gewalt bisher ziemlich unzuverlässig, und sie liefert auch keine verlässliche Einordnung des Weltgeschehens. Auf Twitter beispielsweise geht eine Nachricht unter, die nicht sofort tausendfach geteilt und bewertet wird. Das Urteil über ihren Wert fällt binnen Sekunden. Was die Runde macht, unterliegt den Gesetzen von Rausch und Vergessen noch viel stärker als in traditionellen Medien. Weil eine Prüfung der Fakten im Netz nicht stattfindet, in der kurzen Zeit der Vervielfältigung auch gar nicht stattfinden kann, verbreiten sich seriöse Recherchen und Verschwörungstheorien im selben Tempo, mit demselben Anspruch auf Wahrheit.

Und anders als die ersten vier Gewalten muss sich die fünfte auch nicht rechtfertigen, sie unterwirft sich keinerlei professionellen Regeln. Sie bleibt meist anonym und setzt sich spontan in Bewegung. Ihre Stärke ist unkalkulierbar, ihre Wirkung erheblich.

Angesichts der Wucht, mit der öffentliche Debatten inzwischen eskalieren, müssen sich die Kräfte der Aufklärung in der vierten und fünften Gewalt endlich verbünden – gegen die Skandalisierer in den Medien und im Netz.

Carsten Luther ist Außenpolitikredakteur bei ZEIT ONLINE, er berichtet häufig über die Ukraine und Russland. „Miese Ratte“ ist unter den Beschimpfungen, die er dafür erntet, fast noch ein Kosewort. Wie er damit umgeht, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Für Journalisten heißt das: Übertreibt es nicht. Eure Rolle hat sich verändert. Früher waren die Journalisten für die Skandalisierung zuständig, sie mussten sich öffentlich empören, weil es sonst niemand tat. Heute findet die Empörung ohnehin statt, und nimmt man die Reaktionen bei vielen Lesern und Zuschauern auf die Germanwings-Berichterstattung ernst, dann will ein erheblicher Teil des Publikums, dass Journalisten mehr als bisher für Stabilität im öffentlichen Diskurs sorgen.

Für die Akteure der fünften Gewalt heißt es: Stellt euch eurer Verantwortung. Ihr habt sie gewollt. Nun geht damit um. Ein Weg könnte es sein, neu über Anonymität im öffentlichen Diskurs nachzudenken. Sie war in den frühen Zeiten des Internets vielleicht richtig, so konnte jeder Mensch ausprobieren, wie es ist, sich im öffentlichen Raum zu äußern. Aber das ist lange her, und die Anonymität entfaltet heute vor allem eine zerstörerische Wirkung. Deshalb ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass alle Akteure der fünften Gewalt im öffentlichen Diskurs ihr Gesicht zeigen.

Auf Facebook ist das sowieso schon der Fall, auf Twitter nutzen viele ihren bürgerlichen Namen, aber auf Plattformen wie YouTube und in den Kommentarspalten der Onlinemedien streifen sich fast alle Akteure der fünften Gewalt eine Tarnkappe über. Warum muss das so bleiben?

Die Erfahrung zeigt: Zuschauer und Leser, die ihren Namen nennen, sind nicht zimperlich, aber sie wollen, selbst wenn sie wüten, ins Gespräch kommen. Sie wollen das, worum es den Idealisten der digitalen Welt immer ging und weiterhin geht – den Dialog.

Wem glauben Sie? Und wem glauben Sie nicht – und warum? An diesem Freitag, von 13.30 bis 16 Uhr, stehen Ihnen die ZEIT- und ZEIT-ONLINE-Autoren Götz Hamann, Steffen Dobbert, Carsten Luther und Yassin Musharbash hier im Kommentarbereich live für Ihre Fragen und eine Diskussion zur Verfügung.

Korrekturhinweis: In der Print-Version dieses Textes war uns ein Fehler unterlaufen. Darin hieß es, die heute show von Oliver Welke erreiche unter anderem mehr Menschen als die Tagesschau. Das trifft nicht zu. Die Tagesschau hat zwar an einigen Freitagen im Ersten weniger Zuschauer gehabt als Welke, aber im Durchschnitt aller Freitage des ersten Halbjahres liegt die Tagesschau im Ersten mit 4,1 Millionen Zuschauern vor der heute show, und der Abstand wird noch einmal deutlich größer, wenn man die Zuschauer hinzu zählt, die die Tagesschau in den Dritten Programmen hat. Zusammen waren es zuletzt durchschnittlich 9,29 Millionen. Wir haben den Fehler online berichtigt. Die Redaktion