Der Medienskandal ist längst "allgegenwärtig, er ist die neue Normalität", sagt der Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt. Die Skandalisierung kann Politiker aus dem Amt fegen, wie den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Sie kann aber auch Journalisten erwischen, wie der Fall unserer ZEIT-Kollegen Jochen Bittner und Josef Joffe zeigt. Den beiden wurde, ebenso wie Redakteuren anderer Blätter, in der ZDF-Sendung Die Anstalt vorgeworfen, sie seien derart eng mit transatlantischen Organisationen verbandelt, dass sie journalistisch nicht mehr unabhängig arbeiten könnten. Seither tobt im Netz ein Shitstorm gegen die beiden, obwohl Bittner weder Mitglied noch Vorstand oder Beirat einer der gezeigten Institutionen ist und Joffe auch nur bei zweien, nicht, wie behauptet, bei acht Organisationen.

Bittner wurde zudem unterstellt, er habe an einer Rede des Bundespräsidenten mitgeschrieben und "sein Schreiben für Gauck" nicht sauber von "seinem Schreiben für die ZEIT" getrennt. Tatsächlich hat Bittner nie für den Bundespräsidenten geschrieben, er nahm lediglich an einer Diskussionsrunde über neue außenpolitische Grundsätze teil. Der Hinweis darauf unterblieb allerdings in einem späteren Artikel von Bittner und Kollegen aufgrund einer Entscheidung der Ressortleitung. Ein ärgerlicher Fehler, gewiss, aber keiner von Jochen Bittner, und einer, der anschließend im Netz mit enormer hysterischer Energie aufgeblasen wurde, obwohl er in der nächsten Ausgabe sofort korrigiert wurde. Über die Klage von Bittner und ZEIT-Herausgeber Joffe gegen das ZDF wird demnächst in zweiter Instanz verhandelt.

Mit dem Ideal einer zivilisierten öffentlichen Debatte hat all das nicht mehr viel zu tun. Die permanente Skandalisierung bedeutet die Abkehr von Aufklärung und echter Auseinandersetzung.

Aber war das nicht einmal die Hoffnung? Das Wissen und die Klugheit der vielen, die sich auf den digitalen Plattformen versammeln, sollten eine neue Kontrollinstanz bilden, eine fünfte Gewalt.

Diese fünfte Gewalt existiert heute, und sie wird auch nicht mehr verschwinden. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit, den wir erleben, ist von Dauer. Es wäre auch falsch, zu sagen, die fünfte Gewalt wirke grundsätzlich zerstörerisch. Sie ist oft rau, aber sie inspiriert auch viele Debatten. Als Reaktion auf kluge Kommentare von Lesern sind viele Artikel entstanden, auch in der ZEIT. Hinweise, die Nichtjournalisten über Soziale Netzwerke verbreiten, sind wichtige Informationsquellen für Journalisten.

Die fünfte Gewalt befruchtet also die vierte Gewalt durchaus und macht ihr in mancher Hinsicht sogar Konkurrenz. In den Sozialen Netzwerken hat sich ein alternativer Nachrichtenkosmos entwickelt, in dem eine andere Vertrauenswährung gilt. Dort ist erst mal unwichtig, ob jemand ein professioneller Journalist ist, das Vertrauen wächst dort anders, es zählt der Glaube an Menschen, denen man auf Facebook oder Twitter folgt und von denen man erwartet, dass sie auf wichtige Ereignisse und interessante Texte hinweisen. In diesen Netzwerken werden Artikel von Journalisten empfohlen und geteilt, sie sind weiterhin die zentrale Informationsquelle, aber ihre Glaubwürdigkeit beziehen sie vor allem von denen, die auf sie verweisen.

Nur ist diese fünfte Gewalt bisher ziemlich unzuverlässig, und sie liefert auch keine verlässliche Einordnung des Weltgeschehens. Auf Twitter beispielsweise geht eine Nachricht unter, die nicht sofort tausendfach geteilt und bewertet wird. Das Urteil über ihren Wert fällt binnen Sekunden. Was die Runde macht, unterliegt den Gesetzen von Rausch und Vergessen noch viel stärker als in traditionellen Medien. Weil eine Prüfung der Fakten im Netz nicht stattfindet, in der kurzen Zeit der Vervielfältigung auch gar nicht stattfinden kann, verbreiten sich seriöse Recherchen und Verschwörungstheorien im selben Tempo, mit demselben Anspruch auf Wahrheit.

Und anders als die ersten vier Gewalten muss sich die fünfte auch nicht rechtfertigen, sie unterwirft sich keinerlei professionellen Regeln. Sie bleibt meist anonym und setzt sich spontan in Bewegung. Ihre Stärke ist unkalkulierbar, ihre Wirkung erheblich.

Angesichts der Wucht, mit der öffentliche Debatten inzwischen eskalieren, müssen sich die Kräfte der Aufklärung in der vierten und fünften Gewalt endlich verbünden – gegen die Skandalisierer in den Medien und im Netz.

Carsten Luther ist Außenpolitikredakteur bei ZEIT ONLINE, er berichtet häufig über die Ukraine und Russland. „Miese Ratte“ ist unter den Beschimpfungen, die er dafür erntet, fast noch ein Kosewort. Wie er damit umgeht, erfahren Sie mit einem Klick auf das Bild. © Wolfgang Stahr für ZEIT ONLINE

Für Journalisten heißt das: Übertreibt es nicht. Eure Rolle hat sich verändert. Früher waren die Journalisten für die Skandalisierung zuständig, sie mussten sich öffentlich empören, weil es sonst niemand tat. Heute findet die Empörung ohnehin statt, und nimmt man die Reaktionen bei vielen Lesern und Zuschauern auf die Germanwings-Berichterstattung ernst, dann will ein erheblicher Teil des Publikums, dass Journalisten mehr als bisher für Stabilität im öffentlichen Diskurs sorgen.

Für die Akteure der fünften Gewalt heißt es: Stellt euch eurer Verantwortung. Ihr habt sie gewollt. Nun geht damit um. Ein Weg könnte es sein, neu über Anonymität im öffentlichen Diskurs nachzudenken. Sie war in den frühen Zeiten des Internets vielleicht richtig, so konnte jeder Mensch ausprobieren, wie es ist, sich im öffentlichen Raum zu äußern. Aber das ist lange her, und die Anonymität entfaltet heute vor allem eine zerstörerische Wirkung. Deshalb ist es an der Zeit, dafür zu sorgen, dass alle Akteure der fünften Gewalt im öffentlichen Diskurs ihr Gesicht zeigen.

Auf Facebook ist das sowieso schon der Fall, auf Twitter nutzen viele ihren bürgerlichen Namen, aber auf Plattformen wie YouTube und in den Kommentarspalten der Onlinemedien streifen sich fast alle Akteure der fünften Gewalt eine Tarnkappe über. Warum muss das so bleiben?

Die Erfahrung zeigt: Zuschauer und Leser, die ihren Namen nennen, sind nicht zimperlich, aber sie wollen, selbst wenn sie wüten, ins Gespräch kommen. Sie wollen das, worum es den Idealisten der digitalen Welt immer ging und weiterhin geht – den Dialog.

Wem glauben Sie? Und wem glauben Sie nicht – und warum? Am Freitag, den 26. Juni 2015, von 13.30 bis 16 Uhr, stehen Ihnen die ZEIT- und ZEIT-ONLINE-Autoren Götz Hamann, Steffen Dobbert, Carsten Luther und Yassin Musharbash hier im Kommentarbereich live für Ihre Fragen und eine Diskussion zur Verfügung.

Korrekturhinweis: In der Print-Version dieses Textes war uns ein Fehler unterlaufen. Darin hieß es, die heute show von Oliver Welke erreiche unter anderem mehr Menschen als die Tagesschau. Das trifft nicht zu. Die Tagesschau hat zwar an einigen Freitagen im Ersten weniger Zuschauer gehabt als Welke, aber im Durchschnitt aller Freitage des ersten Halbjahres liegt die Tagesschau im Ersten mit 4,1 Millionen Zuschauern vor der heute show, und der Abstand wird noch einmal deutlich größer, wenn man die Zuschauer hinzu zählt, die die Tagesschau in den Dritten Programmen hat. Zusammen waren es zuletzt durchschnittlich 9,29 Millionen. Wir haben den Fehler online berichtigt. Die Redaktion