Der Papst hat nun seine lange erwartete "grüne" Enzyklika veröffentlicht. Aber eine "Umwelt-Enzyklika" ist es nicht geworden. Es handelt sich vielmehr um eine Enzyklika über die Gerechtigkeit. Denn neben dem menschengemachten Klimawandel beschreibt sie auch Armut und Ungleichheit als zentrale ethische Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Schließlich trifft der Klimawandel vor allem die Armen und verschärft das soziale Gefälle innerhalb der Weltgemeinschaft.

Zu Recht beklagt der Papst, dass die Grenzen der planetarischen Belastbarkeit durch den Überkonsum der reichen Länder bereits jetzt überschritten seien und der Klimawandel sich längst auf die Armen auswirke. Doch die schwersten Folgen könnten vermieden werden. Dazu bedürfte es der völkerrechtlichen Anerkennung eines revolutionären Satzes aus der Enzyklika: "Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle."

Mit diesem Satz wird zum ersten Mal die Soziallehre der katholischen Kirche auf die Nutzung von Atmosphäre, Ozeanen und Wäldern angewendet. Der Papst sagt: Die Nutzung dieser Gemeinschaftsgüter steht allen Menschen zu. Ihre Verteilung muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit genügen. Zugleich soll die Nutzung von Kohle, Öl und Gas einem Gebot der Fairness unterliegen, das wir auch "Sozialpflichtigkeit des Privateigentums" nennen. Im Klartext: Effektive Klimapolitik muss verhindern, dass die Atmosphäre weiterhin nach dem Recht des Stärkeren genutzt wird.

Wollen wir aber Emissionen senken, führt das zu neuen Verteilungskonflikten: Wenn ein Großteil der Kohlenstoffressourcen im Boden bleiben muss, kommt Klimapolitik für die Besitzer von Kohle, Öl und Gas einer Entwertung ihres Vermögens gleich. Die überzeugende Position der Enzyklika hierzu lautet: Privateigentum ist nur dann ethisch gerechtfertigt, wenn es dem Gemeinwohl dient. Denn die Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre und der Ozeane für Kohlenstoff ist begrenzt. Wenn gefährlicher Klimawandel vermieden und eine Temperaturerhöhung von maximal zwei Grad Celsius gegenüber vorindustriellem Niveau nicht überschritten werden soll, müssten rund 70% der wirtschaftlich nutzbaren Kohle, 30% des Gases und 30% des Öls im Boden bleiben. Die Nutzung in diesem Umfang wird jedoch nur möglich sein, wenn auch unterirdische Lagerstätten als Deponieraum für CO₂ genutzt werden.

Wer das weiß, kann nachvollziehen, warum sich die Staatengemeinschaft noch immer nicht durchgerungen hat, die Atmosphäre als globales Gemeinschaftseigentum anzuerkennen. Denn daraus würden sofort völkerrechtliche Verpflichtungen erwachsen. Die gesamte Menschheit hätte dann die Verantwortung, ihre Umwelt in der Rolle eines Treuhänders klug zu nutzen.

Der Papst jedenfalls hält das für machbar. Seine Enzyklika betont, dass unser Wirtschaften nur dann ethisch verantwortbar sei, wenn die Preise auch relevante Knappheiten zum Ausdruck brächten. Dass die Atmosphäre ein knapper Deponieraum ist, muss den Konsumenten ebenso signalisiert werden wie den Produzenten und Banken. Erst dann haben alle einen Anreiz, ihre Investitionen umzuschichten. Verschiedene Studien am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) haben gezeigt, dass die Einnahmen aus der Bepreisung von CO₂ dazu verwendet werden könnten, gerade den Ärmsten einen Zugang zu sauberem Wasser, zu Sanitäranlagen und sauberer Elektrizität zu ermöglichen. Beispiel Indien: Würde die Regierung dort die Tonne CO₂ mit zehn Dollar belasten, könnte sie aus den Einnahmen jedes Jahr mehr als 60 Millionen Menschen zusätzlich mit Strom, Wasser, Sanitäreinrichtungen und Telekommunikation versorgen. Ähnliches gilt für China oder Mexiko. CO₂-Bepreisung wäre Armutsbekämpfung. In einem ersten Schritt wäre es schon hilfreich, zumindest die Subventionen für fossile Energieträger abzuschaffen, dann stünden allein schon 548 Milliarden US-Dollar für die Armen bereit.

Ist die Enzyklika fortschrittsfeindlich? Nein. Sie bewertet Technologie positiv, warnt aber vor technologischem Determinismus und Fatalismus. Moderne Technologie erweitert die Herrschaftsmöglichkeiten des Menschen – und damit seine Verantwortung. Ein blinder Einsatz von Technologien für vermeintliche Notwendigkeiten des Wirtschaftswachstums und der Rentabilität wären verantwortungslos. Gesteigerte Herrschaftsmöglichkeiten als größere Entscheidungsspielräume zu nutzen wäre hingegen verantwortungsvoll.

Nun könnte man einwenden, das Wort des Papstes habe bei politischen Entscheidern kaum Gewicht. Doch die Geschichte zeigt, dass moralische Argumente politische Kraft entfalten. Johannes Paul II. unterstützte die polnische Solidarność und trug so zum Fall der Berliner Mauer bei. Franziskus will als erster Papst der Neuzeit einen Dialog mit der globalen Zivilgesellschaft. Denn er glaubt nicht daran, dass die Staatsfrauen und Staatsmänner das Problem allein lösen können. Dabei geht es ihm nicht einfach um zivilgesellschaftlichen Protest, sondern um den Einfluss mündiger Konsumenten und Investoren auf die Märkte.

Der Papst empfiehlt kaum konkrete politische Maßnahmen. Das ist jedoch keine Schwäche, sondern eine Stärke. Er achtet die Kompetenz und Gewissensfreiheit aller Menschen guten Willens, auf deren Kreativität und Tatkraft er setzt. Er will nicht dekretieren, sondern motivieren – zu einem Dialog, der mehr ist als ein Streit um Interessen. Deshalb hat sich auch diese Enzyklika so sehr auf die Wissenschaft eingelassen wie keine andere Enzyklika zuvor. Sie wahrt die jeweiligen Kompetenzen von Religion, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wahren, benennt aber ethische Dilemmata deutlich. Dabei haben auch die biblischen Erzählungen von Schöpfung, Fall, Erlösung und Vollendung eine Funktion. Sie führen dem Leser vor Augen, dass eine entstellte Erde Ausdruck nicht nur der gestörten Beziehung zwischen Gott und Mensch ist, sondern auch der Gewalt von Menschen untereinander.

Was also tun? Der Papst sieht Geschichte nicht als Tragödie, sondern als Drama. In diesem Heilsdrama ist der Mensch nicht zum Scheitern verdammt. Franziskus erinnert seine Leser daran, dass Gott die Menschheit vollenden will und dass die neuzeitliche Vernunft sich auf ein umfassendes Verständnis der Wirklichkeit einlassen muss, wenn sie ihre Probleme lösen will. Erst wenn Wissenschaft und Weltdeutung sich verbinden, entstehen Spielräume der Freiheit. Ohne sie gibt es keinen Einsatz für Gerechtigkeit.

Ottmar Edenhofer, 53, ist Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Außerdem ist der ehemalige Jesuit Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das vom Vatikan schon mehrfach konsultiert wurde. Am letzten Montag stellte Edenhofer die Enzyklika in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom vor.