DIE ZEIT: Herr Gildhorn, Sie nennen Ihre Website mundraub.org – das klingt nach Diebstahl.

Kai Gildhorn: Der Name hat etwas Verruchtes. Wir haben ihn gewählt, weil er die Leute neugierig macht.

ZEIT: Sie verzeichnen rund 17.000 Orte, an denen Obstbäume wachsen, deren Früchte niemand erntet. Können Sie garantieren, dass die Bäume wirklich auf öffentlichem Grund stehen?

Gildhorn: Wir können das nicht hundertprozentig sicherstellen, aber wir versuchen es. Wer einen Fundort einträgt, muss sich registrieren und unsere Regeln anerkennen: Er muss sich erkundigen, ob ein Baum jemandem gehört. Wir können nicht jeden Eintrag selbst überprüfen, aber die Crowd tut das. Im vergangenen Jahr gab es 200 Beanstandungen von unseren Nutzern. In etwa 60 Fällen standen die Bäume tatsächlich im Naturschutzgebiet oder waren Privateigentum. Diese Einträge haben wir gelöscht.

ZEIT: Wenn Bäume leer gepflückt werden, gibt es kein Fallobst. Nehmen Sie Igeln und Schmetterlingen nicht das Futter weg?

Gildhorn: Wir sagen: Lasst etwas für die Tiere übrig. Aber in städtischen Gebieten kann es schon mal zu Übernutzung kommen. Wenn ich in Berlin einen Aprikosenbaum eintrage, dann ist der schnell abgeerntet. Für mich heißt das: mehr Bäume pflanzen.

ZEIT: Machen Sie das?

Gildhorn: Ja, aber wir sind ein kleines Team. So, wie wir selbst nicht alle Früchte ernten, können wir auch nicht alle Bäume pflanzen. Wir wollen andere anstiften.

ZEIT: Wie entstand die Idee?

Gildhorn: Mit ein paar Freunden war ich im September 2009 in Sachsen-Anhalt paddeln. Wir hatten im Supermarkt Obst gekauft, und dann kamen wir an all den verlassenen Bäumen voller Früchte vorbei, Mirabellen, Äpfeln, Pflaumen. Da dachten wir: Eigentlich ist alles da, wir müssten nur mal einen Pflück-Atlas ins Internet stellen. Genau das haben wir dann gemacht.

ZEIT: Wie war die Resonanz?

Gildhorn: Großartig. Umweltverbände und Medien kamen auf uns zu, gleich im ersten Jahr hatte unsere Website eine halbe Million Besucher. Im Herbst haben wir oft mehr als hundert neue Einträge pro Tag. Eigentlich war das Projekt als Hobby gedacht, jetzt sind wir acht Mitarbeiter.

ZEIT: Gab es Fälle, in denen Mundräuber in großem Stil Obstwiesen geplündert haben?

Gildhorn: Ja, wir selbst haben 2014 dreißig Tonnen Äpfel von Alleen in Brandenburg geerntet und daraus Saft für die Bundesgartenschau gemacht – aber wir haben das vorher mit den Bürgermeistern abgesprochen. Wir wollten mit dem Projekt darauf hinweisen, dass Obstalleen nach und nach verschwinden. Die meisten Bäume sind 80 oder 90 Jahre alt. Die leben vielleicht noch zehn Jahre und müssen dringend nachgepflanzt werden.

ZEIT: Mittlerweile bieten Sie nicht nur eine Homepage, sondern auch Kurse an, zum Beispiel bringen Sie Schulklassen bei, wie man Bäume verschneidet. Wie finanzieren Sie sich?

Gildhorn: Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hat uns unterstützt, dieses Jahr fördert uns das Bundesforschungsministerium. Aber wir wollen weg von öffentlicher Förderung.

ZEIT: Soll Ihr Dienst kostenpflichtig werden?

Gildhorn: Nein, die Website bleibt kostenlos. Aber wir verdienen bereits Geld mit Projektentwicklung. Wenn Unternehmen bauen, müssen sie einen Ausgleich leisten, indem sie Ökosysteme aufwerten. Oft entstehen so Streuobstwiesen, die ein trauriges Dasein fristen. Wir bieten an, diese Flächen zu planen, zu pflegen und für die Gemeinschaft zu öffnen. Erst wenn gemäht und geschnitten wird, werden die richtigen Arten heimisch. Dann wird die Streuobstwiese zum Korallenriff Mitteleuropas.

Der Umweltingenieur Kai Gildhorn, 43, hat mundraub.org gegründet.