Er komme "aus sehr einfachen Verhältnissen", hat Gerhard A. Ritter in einem Interview einmal stolz bekannt. Seine Großmütter waren als Dienstmädchen vom Land nach Berlin gezogen; ein Großvater war Bierfahrer, der andere Schuster. Die Eltern wuchsen im Arbeiterviertel Moabit auf; die Mutter arbeitete als Schneiderin, der Vater führte einen kleinen Verlag im Umkreis der sozialdemokratischen Volksbühnenbewegung.

Diese Herkunft sollte für Ritter, 1929 geboren, das ganze Forscherleben bestimmen. Schon früh war sein Interesse an der Sozialgeschichte geweckt. Nach dem Studium in Tübingen und West-Berlin promovierte er 1952, als gerade 23-Jähriger, mit einer Studie über Die Arbeiterbewegung im wilhelminischen Deutschland. Eine Pioniertat, denn die Geschichte der Arbeiterbewegung war bis dahin in der Bundesrepublik, anders als in der DDR, sträflich vernachlässigt worden.

Auch als Professor – in Berlin, Münster und von 1974 bis zur Emeritierung 1994 in München – kehrte Ritter immer wieder zu seinem Thema zurück. 1992 veröffentlichte er (gemeinsam mit seinem Schüler Klaus Tenfelde) die grandiose Gesamtgeschichte Arbeiter im Deutschen Kaiserreich, in der er eine Bilanz seiner Forschungen zog. Was es hieß, eine Arbeiterexistenz in der wilhelminischen Klassengesellschaft zu führen, das bekam man hier ebenso differenziert wie anschaulich vor Augen geführt. Das unbekannte Fabelwesen, in dem manche einst das revolutionäre Subjekt vermutet hatten, wurde so auf ganz unaufgeregte Weise entmythologisiert.

In späteren Jahren hat sich Ritter der jüngsten Zeitgeschichte zugewandt – ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, denn je geringer der zeitliche Abstand ist, desto größer wird das Risiko des Irrtums. In dem Buch Der Preis der deutschen Einheit (2006) hat Ritter diese Klippe souverän gemeistert. Auf unnachahmliche Weise verband er die kühle Analyse der sozialpolitischen Verwerfungen im Gefolge des Einigungsprozesses nach 1989/90 mit einem emphatischen Plädoyer für die Reformfähigkeit des Sozialstaats. Für das herausragende Werk erhielt er 2007 den begehrten Preis des Historischen Kollegs in München.

Gerhard A. Ritter zählt, wie Habermas, Wehler, Dahrendorf oder die Brüder Mommsen, zur sogenannten Generation 45 – zu jenen um 1930 Geborenen, die noch der Indoktrination durch den Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen waren, nach Kriegsende aber entschlossen zu neuen Ufern aufbrachen und das intellektuelle Leben der Bundesrepublik maßgeblich geprägt haben. Am 20. Juni ist der ebenso produktive wie sympathische Gelehrte, dem jedes professorale Gehabe fremd war, im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben.