Das Rollenmuster des engagierten Schriftstellers, des öffentlichen Intellektuellen als moralischer Instanz wurde in der Bundesrepublik über Jahrzehnte bis zur völligen Ressourcenerschöpfung bewirtschaftet. In den heroischen Tagen hatte Franz Josef Strauß die Intellektuellen "Ratten und Schmeißfliegen" genannt, davon zehrten sie lange, es war ein Relevanznachweis erster Klasse. Doch irgendwann war aus diesem Schwamm kein Tropfen mehr zu pressen. Die nachwachsende Schriftstellergeneration, die seit den neunziger Jahren das literarische Feld aufräumte, biss sich lieber die Zunge ab, als den Moraltrompeter von Säckingen zu geben, denn sie wusste: Aus diesen Phrasen war alles Leben gewichen. Präzeptor Germaniae in der Nachfolge von Walter Jens wollte keiner mehr sein.

Das war der Öffentlichkeit, diesem launischen Hypochonder, auch wieder nicht recht, und sie fragte: Wo sind eigentlich die jungen Schriftsteller, die sich noch einmischen? Warum ist von den Intellektuellen nichts zur Weltlage zu hören? Was eben noch nervte, wurde jetzt wieder vermisst.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist traditionell die Meisterklasse für diesen Präzeptorendiskurs – so sehr, dass ein verschmitzter Kopf wie der Schriftsteller Péter Esterházy, als er den Preis 2004 entgegennahm, diesen moralischen Weihefestspielkontext ironisch in Rechnung stellte und vom hohen Ross der Frankfurter Paulskirche herab ein Rezept für eine Lammkeule seines Lieblingskochs Klaus Trebes zum Besten gab.

Jetzt hat der Börsenverein dem Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani den Friedenspreis zugesprochen, und man kann das nur eine glückliche und beglückende Wahl nennen. Denn Kermani, Jahrgang 1967, ist der lebende Beweis, dass auch in der Generation nach Walser und Habermas der Intellektuelle als öffentliche Figur nicht ausgedient hat. Dass die Rolle auch heute eine Überlebenschance hat jenseits der Gardinenpredigt. Und dass diese Lebendigkeit aus der Substanz von sowohl Bildung als auch teilnehmender Weltbeobachtung kommt.

Navid Kermani, der in Siegen als Sohn iranischer Einwanderer geboren wurde, ist ein westlicher Intellektueller, aber einer, der religiös hochmusikalisch ist. In seiner Dissertation ging er der Frage nach der Schönheit des Islams nach. Als gläubiger Muslim verbindet er ein unbedingtes Engagement für die Universalität der Menschenrechte mit einer starken Neigung zu den islamischen Mystikern. Kermani schreckt dabei vor dem Sublimen, dem Ekstatischen, dem Transzendenten nicht zurück, aber alles Breite und Quarkige liegt ihm fern. Die Mystik ist ja gerade die Vorstellung, dass durch religiöse Übung der Leib und der Geist, das Hohe und das Niedrige, das Ewige und das Zeitliche in eine vorübergehende Übereinstimmung gebracht werden können. Mit dem Buch der von Neil Young Getöteten debütierte Kermani 2003 als Schriftsteller, indem er seine Leidenschaft für Neil Young aus dem Geist des Sufismus zelebrierte. Kermanis Kombinationen aus Ost und West sind eben oft unnachahmlich. Und sie zeigen, dass die doppelte Staatsbürgerschaft mitnichten ein Loyalitätsproblem darstellt, sondern kulturelle Identität durch Interdependenz gleichzeitig vertieft und über sich selbst aufklärt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Kermani ist aber auch Empiriker, ein glänzender Reporter nicht nur für die ZEIT, wenn er zum Beispiel aus der Zivilgesellschaft des Irans berichtet. Oder als er sehr früh die europäischen Werte durch Europas Flüchtlingspolitik bedroht sah. Und als deutscher Muslim hat er sich in Zeiten der zunehmenden Islamophobie deutlich optimistischer über die Erfolge der Integration geäußert, als dies die notorisch alarmistischen Medien tun.

Vielleicht darf aus diesem Anlass in Erinnerung gerufen werden: Seit Sarrazins Bucherfolg Deutschland schafft sich ab wird gern behauptet, dass die Sympathisanten der Integration nicht nur die Augen verschließen würden vor den Problemen der Wirklichkeit, sondern im Überschwang eines kitschigen Multikulturalismus die eigene Identität leichtfertig preisgeben würden – im Sinne von Henryk M. Broders Hurra, wir kapitulieren. Zitieren wir doch mal Navid Kermani, der 2009 in der Frankfurter Rundschau über seine Erfahrungen mit der katholischen Schule in Köln schrieb, auf die seine Tochter geht und deren Migrantenanteil bei über 50 Prozent liegt: "Gelernt habe ich allerdings auch, dass Integration dort gelingt, wo die heimische – also auf der Schule meiner Tochter: katholische und kölsche – Kultur nicht schamhaft in den Hintergrund gerückt, sondern gepflegt und selbstbewusst vertreten wird. Aus Furcht vor den Reaktionen muslimischer Eltern nicht mehr Advent zu feiern, wie es in manchen Kindergärten oder Schulen geschieht, ist mit Sicherheit das falsche Signal. Es geht nicht darum, sich selbst zu verleugnen, sondern den anderen zu achten. Wer sich selbst nicht respektiert, kann keinen Respekt erwarten."