Ganz hinten im Tal, am Ende aller Pfade, sammelt sich das Leben. Ein Junge rennt einem alten Reifen hinterher, Ziegenhufe klappern einen Weg entlang, irgendwo wird eine Autotür zugeschlagen. Um das Dorf Bilad Sayit herum ruht die steinige Wüste. Trockene Hitze herrscht über schroffen Fels. Doch in der Siedlung behauptet sich das Grün. Vier Quellen sprudeln aus dem Berg, Dattelpalmen recken sich in den Himmel, in ihrem Schatten wachsen Bananen, Weizen, Gerste, Knoblauch, Limetten und Wein. Bilad Sayit – die lebendige Oase im Herzen Omans.

An diesem unwahrscheinlichen Ort wohnen Menschen seit mehr als 2.500 Jahren. Einst rangen sie der Wüste fruchtbares Land ab, dann bauten sie mit Zement ein feines Netzwerk von Bewässerungskanälen und begannen, mit ihren Datteln Handel zu treiben. Seit ein paar Jahren führt eine kurvige Asphaltstraße in das 600-Seelen-Dorf. Telefonmasten bringen jetzt Empfang fürs Smartphone, Satellitenschüsseln holen die Welt auf den Fernsehbildschirm.

Mehrere Tausend Oasen gibt es in Oman. Einige sind uralt und modernisiert wie Bilad Sayit, andere ärmlich und traditionell wie das winzige Makta, das nur aus ein paar Häusern und verstreuten Palmen besteht. An vielen Orten ist die alte Oasenkultur einer modernen Dienstleistungsgesellschaft gewichen, Teer und Beton haben den Lehm abgelöst, aus dem die alten Häuser gebaut wurden. Doch noch ist das alte Arabien nicht ganz verschwunden, noch lebt der Orient aus Tausendundeiner Nacht an vielen Ecken Omans.

In Dubai oder Abu Dhabi hat die erdölbefeuerte Turboentwicklung längst alle Spuren der Vergangenheit hinweggefegt. Doch Oman steckte noch bis 1970 im Mittelalter fest, erst mit der Machtübernahme des heute regierenden Sultans Kabus öffnete sich das Land langsam. Seit knapp 20 Jahren allerdings modernisiert es sich rasant. Und wo sich der Fortschritt breitmacht, verschwindet das Alte.

Das Alte, das sind die Oasen. Der Export von Öl und Gas hat auch Oman reich gemacht. Für die Ernährung der rund drei Millionen Omaner braucht man die Oasen nicht mehr. Ihre Bewohner arbeiten heute oft in den Städten, ihre Kinder ziehen gleich ganz dorthin. Aus den Oasen sickert das Leben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Man braucht ein paar Tage, um zu verstehen, dass sich in Oman gerade eine Zeitenwende vollzieht. Das Land streift seine Vergangenheit ab wie eine Schlange ihre alte Haut, unsentimental und ohne Schmerzen, und schlüpft in die Gegenwart hinein. Wer sich Zeit nimmt und in ärmliche Bergdörfer und verlassene Siedlungen reist, wer die Kanäle sieht, die afladsch, die sich durch die Landschaft ziehen, wer das Zusammenspiel von Mensch, Pflanze und Tier versteht, bekommt eine Ahnung davon, was hier gerade verloren geht: ein Schatz, dessen Wert seine Besitzer nicht begreifen. Eine Kultur, die gelebt werden muss, um nicht zu erstarren. Und vielleicht eine Antwort auf eine der großen Fragen der Zukunft: Wie lässt sich eine Weltbevölkerung von neun oder zehn Milliarden Menschen ernähren?

"Bald ist ein Großteil des traditionellen Wissens der Oasenbauern verschwunden", sagt Andreas Bürkert, Professor für Ökologischen Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung in den Tropen und Subtropen an der Uni Kassel. Er untersucht seit mehr als 15 Jahren zusammen mit seiner Kollegin Eva Schlecht, Professorin für Tierhaltung in den Tropen und Subtropen in Kassel und Göttingen, den Wandel. Bürkert, 53, der mit seinen Birkenstock-Sandalen bergige Handelspfade entlangstapft, kennt das Land von mehr als 30 Besuchen. Die untergehende Welt der Oasen fasziniert ihn. Eva Schlecht, 50, teilt seine Leidenschaft. Einmal sind ihr beide Kreuzbänder gerissen, als sie einer Ziegenherde in den Bergen hinterherkletterte.

Oasen sind Archetypen der Nachhaltigkeit

Auf dem Dschabal Achdar, dem zweithöchsten Berg des Landes, führen gemauerte Kanäle (rechts) das Wasser zu den Feldern mit Orangenund Granatapfelbäumen © Fritz Habekuß

Jetzt sitzen die beiden auf ein paar Felsbrocken. Vor einigen Jahren haben sie Bilad Sayit erforscht und anhand des Bodenprofils rekonstruiert, wie dieser Ort besiedelt wurde. Auf einem Hügel wacht eine kleine Moschee über die Häuser, daneben liegt die Schule, in die auch Kinder aus den umliegenden Dörfern zum Unterricht kommen. Wer auf Bilad Sayit schaut, blickt auf die Arbeit von Jahrtausenden, in denen sich die Oasen ihrer Umgebung angepasst haben. Die Trinität von Mensch, Tier und Pflanze, in der ein Teil nicht ohne den anderen überleben kann, hat sie blühen lassen. Angetrieben werden sie vom Wasser. Die Bewohner hegen ihre Quellen, fangen das Nass auf, jahrhundertealte Wasserrechte regeln die Aufteilung unter den Familien.

Warum das wichtig ist? Was man über den Orient hinaus daraus lernen kann? Oasen sind Archetypen der Nachhaltigkeit, ihr Beispiel lehrt, wie Menschen mit der klugen Verteilung knapper Ressourcen selbst dem unwirtlichsten Flecken Erde Leben entlocken können. Auf der Welt gibt es kein zweites Landwirtschaftssystem, das so lange und erfolgreich besteht wie das der Oasen.

Das liegt auch daran, dass sie sich stetig weiterentwickelt haben. "Die Bewohner haben schon immer versucht, sich das Leben leichter zu machen, mit neuen Anbautechniken zum Beispiel", sagt Andreas Bürkert. Doch jetzt wandelt sich Oman so schnell, dass sich die Oasenlandwirtschaft nicht mehr anpassen kann. Und: Die Veränderung ist globalisiert. "Es lohnt sich für den Oasenbauern nicht mehr, traditionellen Weizen anzubauen, weil der mit dem industrialisierten und subventionierten Weizen aus Kanada oder Australien konkurrieren muss", sagt Bürkert. Der Anbau für den Eigenbedarf ist für die Bauern unattraktiv geworden. Die Arbeit in der Dienstleistungsbranche ist nicht so hart und bringt mehr ein. Doch die Abkehr von der landwirtschaftlichen Gesellschaft löst die ökonomische und soziale Grundlage der uralten Siedlungen auf. Können die Oasen diesen Wandel überleben?

"Noch ist es nicht zu spät", sagt Eva Schlecht vom Rücksitz aus, während Bürkert den Geländewagen über den sechsspurigen Highway schnurren lässt, "aber die Zeit wird knapp." Entlang der Golfküste rund um die Hauptstadt Maskat ist das Straßennetz dicht gewebt, am Horizont erhebt sich das Hadschar-Gebirge, jenseits davon breitet sich die Sandwüste Rub al-Chali aus. Im Gebirge liegt Makta. Dorthin lenkt Bürkert den Wagen, er will zeigen, wo man die vergessene Welt noch finden kann, das Oman der Hirten und der Bauern. Der Weg war vor ein paar Jahren noch eine wilde Piste, die regelmäßig mit einem Bulldozer geräumt werden musste. Jetzt gleitet das Auto mühelos über eine Teerstraße, ihm schauen aus der steinigen Einöde drei halbwilde Dromedare mit Brandzeichen an den Wangen hinterher.

Niemand macht sich die Mühe, Al-Hamras Lehmhäuser zu erhalten

Makta liegt an einem steinigen Hang. Der Boden rund um die 800 Jahre alte Oase ist so trocken, dass die Bewohner überall da, wo auch nur einige Tropfen Wasser an die Oberfläche dringen, ein paar Palmen angepflanzt haben. An einer Stelle sind es nur vier grüne Tüpfel, die sich in der trockenen Welt aus orangefarbenem Fels behaupten. Die Familien lassen ihre kleinen Ziegenherden gemeinsam auf den Plateaus weiden. "Ohne die Tiere hätten die Oasen nie stabil über lange Zeit existieren können", sagt Schlecht. "Sie sammeln beim Weiden Nährstoffe aus der Umgebung und tragen sie als Dünger in ihren Bäuchen in die Oasen."

Die Menschen wohnen in einer zentralen Siedlung und bewirtschaften die Felder, die um das Dorf herum liegen. Leise plätschert es in der Mitte der Anpflanzung, tröpfchenweise füllt sich ein gemauertes Reservoir mit klarem Wasser. Ein Bauer rollt mit seinem Truck heran, auf der Ladefläche frisches Grün. Ein Tuch locker auf dem Kopf zusammengeknotet, grinst er durch das offene Fenster und lädt die Fremden wortreich zum Kaffee in sein Haus ein. Schlecht hebt die Hände, "schukran", sagt sie, "schukran" – danke. Die Gastfreundlichkeit der Omaner kann zum Problem werden, wenn man einen engen Zeitplan hat.

"Das Wissen um eine nachhaltige Nutzung von Land und Wasser ist wertvoll, wenn wir neun Milliarden Menschen auf dieser Erde ernähren wollen", sagt die Göttinger Professorin. Die Bewohner der Bergdörfer haben in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden gelernt, der Ödnis genügend abzutrotzen, um zu überleben. Dieses Wissen, erworben durch Versuch und Irrtum, wird nur mündlich weitergegeben. Niedergeschrieben ist es nirgends. Die Oasen selbst erzählen davon, wie lebende Bibliotheken. Stünde ihr Wissensschatz in Büchern, eines würde von den afladsch handeln, die wie feine Adern das Wasser von der Quelle zu den Terrassen transportieren. Ein anderes Buch beschäftigte sich mit den drei Etagen des Anbaus: Oben reckt die Dattelpalme ihre zähen und harten Blätter der Sonne entgegen, fängt Hitze und Licht ab und spendet die süßen Datteln. In ihrem Schatten wachsen die Bananen und Limetten, die Granatäpfel und Orangen. Die unterste Etage ist dem Weizen und Mais, der Gerste und Hirse vorbehalten.

Der Fortschritt birgt Tücken

Den Tieren wäre ein eigenes Buch gewidmet. Es handelte von den verschiedenen Rassen, von ihren Fressgewohnheiten und den Weideplätzen, zu denen sie jeden Morgen von den Hirten getrieben werden. Ein dünner Band würde erklären, wie man mit dem Kot der Tiere die Terrassen düngt.

Das letzte Buch wäre schmal und in brüchiges Leder gebunden. Es wäre das älteste und wertvollste, kein Fremder dürfte es berühren, nur der wakil in ihm lesen, der Herr des Wassers. Auf diesem Buch beruht der Frieden der Oasen. Es verzeichnet, welche Familie wann ihre Felder bewässern darf. 30 Minuten dauert ein athar, eine Bewässerungseinheit. In diesem Takt schlägt seit Jahrtausenden das Herz der Oasen. Doch es kommt aus dem Rhythmus.

"Man kann dieses Wissen zwar festhalten und dokumentieren, aber dann ist es totes Wissen", sagt Eva Schlecht. "Jetzt entscheidet sich, ob die Oasen selbst überleben können." Die beiden Professoren studieren auch in der Mongolei und in Westafrika, wie Agrarkultur in semiariden Gebieten funktioniert. Sie vergleichen etwa, wie die Viehhaltung sich auf die Landwirtschaft auswirkt. Sie wollen ihre Forschungen zurück nach Oman tragen. Ihr Wissen soll nicht nur westliche Forschungsjournale und Uni-Bibliotheken füllen, sondern helfen, die Oasen zu erhalten. Die wenigsten jungen Omaner wüssten noch, wie man ein Feld bestellt, und auf die alten Handelspfade in den Bergen trauten sich nur noch ein paar Alte. Arbeiter aus Pakistan oder Bangladesch seien billiger als Einheimische, also ließen die Terrassenbesitzer sie die harte Arbeit machen und verdienten selbst ihr Geld in der Stadt. Nur: Die fremden Arbeiter würden die Regeln der Oasenwirtschaft nicht kennen und Methoden mitbringen, die nicht zu Oman passten.

Und auch der Fortschritt birgt Tücken. Innovationen wie Mineraldünger, der mancherorts den Ziegendung als Stickstofflieferant abgelöst hat, mögen zwar in den ersten Jahren ähnlich gute Erträge liefern. Doch der Humusgehalt des Bodens nimmt in kurzer Zeit ab, weil zu wenig Kohlenstoff ins Erdreich gelangt. Die Bodenstruktur wird schlechter, und nach wenigen Jahren beginnen die Böden zu versalzen, weil das Gleichgewicht gestört ist, die Palmen bekommen nicht mehr genug Wasser. Der Fortschritt lässt die Oasen vertrocknen.

"Natürlich sind Innovationen nicht grundsätzlich schlecht", sagt Andreas Bürkert und verweist auf ein Modernisierungsprogramm der Regierung, bei dem die gemauerten afladsch durch solide Kanäle aus Beton ersetzt wurden. "Das macht die Wartung überflüssig." Auch die neuen Straßen, die seit ein paar Jahren jedes noch so winzige Hirtendorf mit der Welt verbinden, haben den Menschen das Leben und Handeltreiben leichter gemacht.

Die Esel, die an den harten Blättern der Büsche knabbern, sind Zeugen. Früher trugen sie auf ihren Rücken Datteln zu den Märkten der Städte, heute plündern sie Müllcontainer. Das ist die hässliche Seite des Wandels, aber nicht die schlimmste. Die ist unsichtbar. Das Sterben der Oasen lässt nämlich nicht nur ein altes System verschwinden, mit ihm wird auch das lebendige Wissen begraben.

Allein sechs verschiedene Varietäten von Weizen hat Bürkert in Bilad Sayit, der lebendigen Oase, gefunden; wie viele schon verloren sind, kann niemand sagen. Werden die Siedlungen verlassen, wachsen auf den Terrassen nur noch relativ anspruchslose Dattelpalmen, sind solche Schätze wie der Weizen für die Menschheit unwiederbringlich verloren.

Kann ein Land seine Vergangenheit unter Beton, Glas und Geld begraben? Der Weg Dubais im Nachbarland Vereinigte Arabische Emirate zeigt, wie den Einwohnern das Leben erleichtert wird, wenn ausländisches Geld und Touristen kommen. Doch wo dort noch etwas aus der Vergangenheit existiert, ist es restauriert und aufgehübscht.

In Oman könnte es anders laufen. Dass das Land sich erst spät öffnete, hat ihm Zeit erkauft. Trotzdem findet man in den meisten Oasen bereits Zeichen der Auflösung. Etwa in Al-Hamra, einer Handelsstadt an der Kreuzung von Karawanenrouten am Fuß des nördlichen Hadschar-Gebirges, rund eine Autostunde nordwestlich von Makta. Die Palmen stehen dicht inmitten in der Siedlung. Die afladsch tragen das Wasser zu den Bäumen. Heruntergefallene Datteln kleben auf dem Boden wie festgetretene Kaugummis. Andreas Bürkert setzt vorsichtig einen Fuß in eines der alten Lehmhäuser. "Fantastisch!", ruft er, als er die bemalte Balkendecke eines Wohnzimmers entdeckt. Doch mit seiner Begeisterung ist der Professor allein. Kein Einheimischer macht sich die Mühe, die alten Häuser zu erhalten.

Nirgendwo lassen sich die Folgen des Turbowandels besser beobachten als auf dem Dschabal Achdar, der über Al-Hamra aufragt. Mit knapp 3.000 Metern ist er der zweithöchste Berg des Landes und auf der gesamten Arabischen Halbinsel für seine kühle Luft und sein Grün bekannt. Aus einem Polizeihäuschen am Fuß des Berges schlendert ein Beamter zum Wagen: "Tourist?" – "Yes, tourist", sagt Bürkert. "Nehmen Sie einen niedrigen Gang, ja?", rät der Beamte und verschwindet wieder. Die Zufahrtsstraße ist in Beton gegossener Wahnsinn. Zwei, manchmal drei Spuren walzen sich den Berg hinauf. Oben auf dem Plateau pendeln Lkw von Baustelle zu Baustelle, wo in bester Lage Wohnhäuser und ein großes Zentrum für die omanische Armee gebaut werden.

Die Dörfer des Dschabal Achdar sind für ihre landwirtschaftlichen Produkte berühmt: Ein Granatapfel kostet umgerechnet über zwei Euro, die Rosen werden in Amouage verwendet, dem Luxusparfum des Sultans. Von den Orten ziehen sich die Terrassen am Berg entlang bis ins Tal. Doch ein Teil der Terrassen ist nicht mehr bestellt, ihre gemauerten Wände bröckeln, Grau mischt sich ins Grün.

Manche Dörfer werden langsam von der Wüste verschluckt

Sieht so die Zukunft der Oasen aus? Trotz der einbrechenden Ödnis geht es den Menschen am Dschabal Achdar wirtschaftlich besser als je zuvor. Der Fortschritt lässt die Mutigen die Welt erobern und verhilft den Wachen zum Erfolg. Aber kommt er schnell und mächtig, walzt er die Vergangenheit einfach platt, mit all ihrem Schlechten und allen Schätzen.

Sicher, schon immer haben sich die Oasen gewandelt. Einige von ihnen wurden in kargen Zeiten verlassen und erst nach ein paar Jahrhunderten wieder besiedelt, so wie Al-Mintarib, die letzte Station dieser Reise durch Oman. Das Dörfchen liegt am Rand der Sandwüste Rub al-Chali, gute zweieinhalb Autostunden südöstlich vom grünen Berg Dschabal Achdar. Die Straße endet in einer Sandwehe, die Dünen schleichen an das Dorf heran. Will man die Schönheit der Oasen und ihren Schrecken erfahren, muss man dort hinaufklettern. Von oben sieht man, dass der Sand wie ein riesiges Tier an die Siedlung herangekrochen ist und seine Krallen um einzelne Häuser legt. Und zugleich ahnt man, was die Wanderer der vergangenen Jahrhunderte sahen, als sie nach Tagen der Hitze in die Kühle des Palmenschattens traten, wo Vögel von Baum zu Baum flogen und Wasser leise plätscherte – so etwas wie das Paradies.

Doch jenseits aller Erinnerungen an Eden: Ist das Sterben der Oasen heute wirklich ein Problem? Für den einzelnen Omaner eher nicht; die Moderne hat sein Leben angenehmer gemacht. Nur: "Man darf nicht unterschätzen, wie sehr eine funktionierende Landwirtschaft zur Stabilität einer Gesellschaft beiträgt", sagt Bürkert. Andere Völker haben ihre alten Systeme bewahrt, obwohl sie nicht mehr darauf angewiesen sind – weil sie darin ein Kulturgut sehen. So erhalten die Schweizer ihre Almwirtschaft mit Subventionen, regionaler Vermarktung und behutsamem Tourismus. Warum, sagt Bürkert, solle ein omanischer Bauer seine Oasendatteln nicht weltweit als Spezialität vermarkten? Dadurch blieben nicht nur die Kultur und Identität des Sultanats erhalten, sondern auch der genetische Schatz einmaliger Varietäten und das Wissen um ihren Anbau.

Noch gibt es alles, was dafür nötig ist. Noch wächst auch Weizen in Bilad Sayit, der lebendigen Oase. Früher wurde er als Medizinalweizen verkauft, heute fehlen den Bauern nicht nur die Käufer, sondern vor allem die Vertriebswege. Fände man neue, das Getreide könnte wieder zu Medizin werden. Wenn nicht gegen Schmerzen im Rücken, dann gegen das Sterben der Oasen.

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