DIE ZEIT: Mister Townshend, hören Sie privat eher Rockmusik oder Klassik?

Pete Townshend: Rockmusik? Ich höre nie Rock! Rockmusik fand ich immer öde. Gut, es gab ein paar Ausnahmen. Die Stones waren okay, aber ich habe mich immer eher an Stevie Wonder, Joni Mitchell, Charles Mingus, Purcell, Mozart, Beethoven oder Brahms gehalten. Wenn Led Zeppelin im Radio laufen, gehe ich immer in die Luft: Oh Gott, schnell weg damit!

ZEIT: Ist ein populärer Song einfacher zu komponieren als ein klassisches Stück?

Townshend: Das ist ein Klischee. Pop ist etwas sehr Komplexes, und ich weiß, wovon ich spreche. Vor allem Pop mit Ambition ist eine Herausforderung. Sich als "Künstler" zu inszenieren ist dagegen einfach: Vor zehn Zuschauern Yoko-Ono-mäßig zu kreischen kann jeder. Aber etwas zu schreiben, was viele Menschen erreicht und berührt, die im Idealfall den Text auswendig kennen und dazu tanzen, ja, das ist tatsächlich eine Kunst!

ZEIT: Was hätte der junge Rocker Pete Townshend zu der neuen, von The Who auf Klassik getrimmten Version von Quadrophenia gesagt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Townshend: Er wäre gar so nicht überrascht gewesen, denn The Who wurden von Anfang an von unserem ersten Manager Kit Lambert ermutigt, ambitioniert zu komponieren. Kit Lamberts Vater war der britische Komponist Constant Lambert, ein Schüler Vaughan Williams’ und zeitweilig der Direktor des Royal Opera House. Kit Lambert war ehrgeizig und wollte dem Londoner Kultur-Establishment beweisen, dass Rockmusik Substanz haben kann, und zwar mit mir und The Who.

ZEIT: Wie hat man sich seinen Einfluss auf Ihre Arbeit vorzustellen?

Townshend: Kit Lambert stand mir bei meinen ersten ernsthaften Kompositionsversuchen zur Seite. Ständig gab er mir klassische Platten zum Hören, um meinen Horizont zu erweitern. Ich war gerade 18 und musste noch viel lernen. Ein Favorit war der Komponist Henry Purcell, den auch sein Vater verehrte. Purcells Gordian Knot Untied war für mich von besonders großem Einfluss; diese langen, schwebenden Elemente, sein Umgang mit Tonarten und Dynamik – all das hat mein Songwriting früh sehr beeinflusst.