Ein paar Hundert Meter vom Nordseestrand entfernt steht der Biologe Nils Guse vor einem großen Metalltisch, auf dem zwei verendete Eissturmvögel liegen. Die Wellen haben die toten Tiere an Land getragen, jetzt will ihnen Guse die Mägen aufschneiden.

Eissturmvögel sind etwa so groß wie Krähen, sie haben grau-weißes Gefieder und leben fast das ganze Jahr über auf hoher See. Sie ernähren sich von Fischen und Krebsen, von Schnecken und Quallen. Alles, was sie fressen, stammt aus dem Meer.

Guse zieht sich einen weißen Overall und ein Paar Handschuhe über, er betrachtet die beiden toten Vögel, hebt sie hoch und dreht sie um. Sie sind stark abgemagert. Guse greift zum Skalpell und schneidet den Bauch eines Vogels auf. Keinerlei Fett. Die Brustmuskeln verkümmert. Der Vogel, sagt Guse, muss seine eigenen Muskeln verbrannt haben, weil er keine Nahrung mehr bekam. Guse öffnet den Bauchraum, er findet den Magen, kaum größer als ein Tischtennisball, er schneidet ihn auf.

Ein Tier, das verhungert, stirbt daran, dass es nichts in den Magen bekommt, normalerweise. Der Magen des Eissturmvogels auf Guses Seziertisch aber ist randvoll. Guse holt ein Gewirr aus kleinen Nylonfäden heraus, ein Stückchen Styropor, eine Ecke hellgrünen Schaumstoffs, einen dunkelgrünen Kunststoffsplitter, zwei Fetzen Folie.

Auch der Magen des zweiten Vogels ist voller Plastik. Schwarze und weiße Kunststoffpartikel, kurze Fäden, ein Nylonknäuel.

Die beiden Tiere sind nicht verhungert, weil ihre Mägen leer waren, sondern weil keine Nahrung mehr hineinpasste, echte Nahrung. Sie fraßen das bunte, unverdauliche Plastik, weil sie es für Beute hielten. So starben sie mit vollem Bauch.

Nils Guse arbeitet für das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste im schleswig-holsteinischen Büsum. "Der Eissturmvogel als Indikator für die Plastikmüllbelastung der Nordsee" – so heißt sein Forschungsprojekt. Guse und seine Kollegen arbeiten mit niederländischen Wissenschaftlern zusammen, die bereits Langzeitdaten ermittelt haben. Das Ergebnis: 97 Prozent aller Eissturmvögel in der Nordsee haben Plastikmüll im Magen. Der durchschnittliche Mageninhalt enthält 30 Partikel.

"Das ist die Hinterlassenschaft des Homo sapiens", sagt Nils Guse. "Wir leben im Plastozän."

Plastik ist das umgangssprachliche Wort für Kunststoff, in der Regel wird es aus Rohöl hergestellt. Bakelit war 1907 der erste industriell gefertigte Kunststoff. Es folgten Nylon, Zelluloid, Cellophan, Resopal, Polyester, Styropor. Richtig in Fahrt kam die Kunsstoffproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach Angaben der Industrie wurden im Jahr 1950 weltweit eine Million Tonnen Plastik fabriziert, heute sind es rund 300 Millionen Tonnen im Jahr.

Wir leben längst in einer Plastikwelt. In unseren Häusern sorgen Dämmstoffe, Fensterrahmen und Bodenbeläge aus Plastik für warme Räume. In unseren Autos senken Stoßdämpfer, Armaturentafeln und Motorabdeckungen aus Kunststoff das Gewicht. In unseren Supermärkten halten Verpackungen aus Plastik die Ware frisch. Aus Plastik werden Tennisschläger, Laufschuhe, Yogamatten und Fußbälle gefertigt, Kugelschreiber, Schreibtischlampen, Couchtische und Gartenstühle, Gehhilfen, Hüftgelenke und Armprothesen. Plastik steckt in Smartphones, Kühlschränken und Flachbildschirmen, in Kaffeemaschinen, Fotoapparaten und Lautsprecherboxen. Plastik ist, irgendwie, in fast allem. Auch im Meer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

Ende der neunziger Jahre durchquerte der amerikanische Segler und Meeresforscher Charles J. Moore den Nordpazifik und entdeckte eine Art schwimmende Mülldeponie, so groß wie Mitteleuropa, eine riesige Ansammlung von Plastikteilen, die unentwegt zwischen Asien und Nordamerika im Kreis herumtreibt, in Gang gehalten von Wind und Erdrotation. Später fanden Wissenschaftler weitere solcher Müllstrudel – im Atlantik, im Südpazifik, im Indischen Ozean.

Der Müll im Meer – das war eine gruselige Geschichte, erzählt in Ausstellungen, Dokumentarfilmen und Zeitungsreportagen. Doch es schien auch eine Geschichte zu sein, die sich weit entfernt von Europa abspielte, vor den Küsten der Dritten Welt.


Inzwischen aber taucht auch in der Deutschen Bucht immer mehr Müll auf. Schätzungen zufolge enthält die Nordsee mittlerweile 700.000 Kubikmeter Plastikmüll.

Die Müllstrudel im Pazifik entstanden, weil die Anrainerstaaten seit Jahrzehnten ihren Abfall ins Meer werfen. Allein die neue Wirtschaftsmacht China entsorgt jedes Jahr zwischen 1,3 und 3,5 Millionen Tonnen Kunststoff im Pazifik, wie kürzlich eine Gruppe von Wissenschaftlern in der Zeitschrift Science berichtete. Zweitgrößter Verursacher von Plastikmüll ist Indonesien, gefolgt von den Philippinen, Vietnam und Sri Lanka. In all diesen Ländern werden mehr als 80 Prozent des gesamten Abfalls "falsch gehandhabt", wie die Forscher es ausdrücken. Soll heißen: Der Müll wird direkt ins Meer gekippt oder auf Deponien gelagert, von wo der Wind die Plastiktüten und Plastikfetzen in Flüsse oder gleich ins Meer weht.