Deutschland verhält sich im Vergleich dazu sehr viel umweltbewusster. Im Land des Grünen Punkts und des Gelben Sacks landet heute kaum noch Abfall auf Deponien. Fast der gesamte Plastikmüll wird eingeschmolzen und neu verarbeitet oder mit dem Restmüll verbrannt. Auch die meisten übrigen Anrainerstaaten der Nordsee wie die Niederlande, Dänemark und Schweden verbrennen den Großteil ihres Kunststoffmülls.

Wie also kommt all das Plastik in die Nordsee?

Eine erste Antwort führt in die Vergangenheit. Ein Grund, weshalb Kunststoffe heute vielerorts Holz, Leder und Metalle ersetzt haben, ist ihre Haltbarkeit. Plastik vermodert nicht, es verrottet nicht, es zerfällt nicht, oder jedenfalls nur sehr, sehr langsam.

Die Plastikteilchen, die der Biologe Nils Guse in den Mägen der toten Eissturmvögel findet, sind oft Jahrzehnte alt, sie mögen irgendwann als Einwegfeuerzeug oder Frischhaltefolie in die Welt gekommen sein, vielleicht lange bevor in Deutschland irgendjemand von Plastikrecycling sprach. Eine Einkaufstüte schwimmt 10 bis 20 Jahre lang im Meer, bis sie vollständig zerrieben ist, ein Styroporbecher braucht 50 Jahre, um zu zerbröseln. Eine PET-Flasche zerfällt erst innerhalb von 450 Jahren, eine Angelschnur in 600 Jahren. Das jedenfalls haben Schätzungen ergeben, es dauert ja noch mehr als 400 Jahre, bis die erste PET-Flasche ihren möglichen Zerfallszeitpunkt erreicht hat. Selbst wenn einige EU-Staaten, wie derzeit diskutiert, Plastiktüten stärker besteuern oder sogar verbieten sollten, werden noch auf Jahre hinaus unzählige Tüten im Meer herumschwimmen.

Welchen Schaden das zähe Altplastik anrichtet, lässt sich auf Helgoland besichtigen. Jedes Frühjahr kommen Meeresvögel wie Basstölpel, Eissturmvögel und Lummen, die ansonsten nur auf hoher See leben, auf die Insel, um zu brüten. Bis zu 20.000 Vögel sitzen dann auf dem berühmten roten Lummenfelsen aus Buntsandstein oder nebenan auf der Langen Anna, einer frei stehenden Felsnadel. Sie bauen sich Nester aus Seetang und Algen. Doch seit einigen Jahren haben immer mehr Nester auf Helgoland ungewöhnliche Farben. Schon von Weitem leuchten sie rot, grün, gelb, blau. Was die Vögel für Tang und Algen halten, sind in Wahrheit Plastikfetzen und Kunststofffäden, die schwer reißen. Verfängt sich ein Vogel darin, verendet er.

Eine Rettung der Vögel scheitert an dem porösen Buntsandstein. Zu groß ist die Gefahr, dass Kletterer abstürzen. So erreicht kein Helfer die Tiere, und die Vogelkadaver hängen oft jahrelang in den Netzen.

Im Frühjahr und Sommer kommen viele Touristen nach Helgoland. Der Biologe Guse, der nicht nur in Büsum, sondern auch auf der Insel arbeitet, sagt, mancher Besucher erleide einen regelrechten Schock, wenn er sehe, wie sich die Vögel selbst strangulieren. Auch frisch geschlüpfte Küken verheddern sich immer wieder. Die Jungvögel machen ihre ersten Flugversuche, verfangen sich in den Fäden und verenden. Viele Meeresvögel aber brüten nur ein einziges Küken im Jahr aus. Stirbt es, entfällt der Nachwuchs für ein ganzes Jahr.

Der Müll in der Nordsee habe inzwischen zu "Verlusten in der Biodiversität" geführt, konstatiert das Umweltbundesamt, das heißt zu einer Verringerung der Artenvielfalt. Es sind nicht nur Vögel, denen das Plastik zum Verhängnis wird, sondern auch Seehunde, Kegelrobben, Schweinswale und zahlreiche Fischarten.

Ende der fünfziger Jahre, als die globale Plastikproduktion massiv zu steigen begann, setzte der Siegeszug einer weiteren menschlichen Erfindung ein, des Schiffscontainers. Der ist aus Metall, nicht aus Kunststoff, trotzdem hat er viel mit dem Plastikmüll im Meer zu tun.

Der Container erleichterte den Warentransport und senkte die Frachtpreise. Er sorgte dafür, dass die Welt von heute nicht nur eine Plastikwelt, sondern auch eine Transportwelt ist. Fotokameras, Spielzeug und T-Shirts werden aus Japan, China und Bangladesch über die Weltmeere nach Deutschland verschifft. Der globale Seeverkehr hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht – und damit auch der Kunststoffabfall. Denn so wie es für Unternehmen günstiger ist, Flachbildschirme aus Asien nach Deutschland zu verfrachten, als sie in Deutschland zu produzieren, so ist es für Schiffsbesatzungen günstiger, ihren Müll ins Meer zu werfen, als ihn auf dem Festland zu entsorgen.

Und so wie es aus Sicht des einzelnen Kapitäns keinen großen Schaden anrichten kann, wenn ein zusätzlicher alter Plastikkanister in diese riesige Wassermasse fällt, wächst doch die inzwischen ebenfalls riesige Masse an Müll immer weiter, wenn sehr viele Schiffe mit sehr vielen Kapitänen unterwegs sind, die so denken.

Die Nordsee mit ihren Großhäfen in Rotterdam und Hamburg ist heute eines der meistbefahrenen Meere der Welt. Es ist daher keine Überraschung, dass das Umweltbundesamt zu dem Ergebnis kommt, ein Großteil des Mülls, der an deutschen Nordseestränden gefunden wird, stamme "sehr wahrscheinlich aus der Schifffahrt". Eine Wissenschaftlerin der Universität Hamburg fand heraus, dass dort, wo besonders viele Schiffe fahren, auch besonders viel Müll im Wasser treibt.

Vor einigen Jahren hat das Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer mit einem sogenannten Spülsaum-Monitoring an der Nordseeküste begonnen. Mitarbeiter des Amts erfassen, was die Wellen ans Ufer spülen. Auch an den Küsten anderer Nordsee-Anrainerstaaten sind regelmäßig Müllsucher unterwegs. Im Durchschnitt finden sich je 100 Meter Strand 712 Müllteile, von großen, sperrigen wie Bierkästen über Flip-Flops und Zahnbürsten bis hin zu winzigen Plastikteilchen, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind.

Man kann nicht behaupten, dass der Welt die Verschmutzung der Meere gleichgültig wäre. Schon 1983 trat das "Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe" in Kraft, das sogenannte Marpol-Abkommen. Die meisten Staaten der Erde haben es unterzeichnet, auch große Müllverursacher wie China, Indonesien und die Philippinen.

Das Abkommen wurde mehrfach erweitert, die Nordsee ist heute als belastetes "Sondergebiet" ausgewiesen, ebenso wie zum Beispiel das Mittelmeer und die Karibik. In diese Meere darf mittlerweile keinerlei Müll mehr entsorgt werden – außer unbehandelten Lebensmittelabfällen, und auch dies nur mit einem Mindestabstand zur Küste von zwölf Seemeilen. Der Müll aus den Schiffen muss an Land gebracht werden – das ist die Wirklichkeit, wie die Völkergemeinschaft sie sich vorstellt.

Doch die Zahl von 712 Müllteilen je 100 Meter Nordseeküste hat sich trotz des Verbots nicht verringert. Sowohl das Marpol-Abkommen als auch weitere Vorschriften, etwa zur Entsorgung von Schiffsmüll in den Häfen, "haben bisher zu keiner Reduktion des an der Küste angeschwemmten Mülls geführt", kritisiert das Umweltbundesamt. Zwischen der Regel und der Realität klafft eine große Lücke.