Vor der Zentrale der Schweizer Privatbank Julius Bär © Arnd Wiegmann/Reuters

DIE ZEIT: Herr Otte, wie kommt man darauf, Steuersünder an den deutschen Fiskus auszuliefern?

Lutz Otte: In meinem Fall fing das auf dem Golfplatz an. Ich spiele seit vielen Jahren mit einigen Freunden Golf, wir treffen uns bei Turnieren in Deutschland und der Schweiz. Da war auch ein pensionierter Steuerfahnder aus Berlin dabei.

ZEIT: Sie lebten in der Schweiz.

Otte: Ja. Ich habe damals bei der Großbank UBS in der IT-Abteilung gearbeitet. Und dann hat mich der besagte Steuerfahnder angesprochen, ob ich nicht an Daten käme.

ZEIT: Wann war das?

Otte: 2007.

ZEIT: Was haben Sie geantwortet?

Otte: Ich habe gesagt: "Das kannst du vergessen." Die UBS ist eine der größten Banken der Welt und technologisch auf dem höchsten Stand. Da ist alles abgeschirmt. Dann hat die UBS im Zuge der Finanzkrise sehr viele Leute entlassen, unter anderem mich. Ich bin dann bei der Bank Julius Bär gelandet. Und da merkte ich schnell, dass die sehr alte Programme und Probleme mit der Datensicherheit hatten. Das habe ich im Gespräch mit Führungskräften der Bank sogar erwähnt, aber die haben das ignoriert. Dann hatten wir 2011 das nächste Golfturnier in der Schweiz, und da war der Steuerfahnder wieder dabei. Er fragte mich: Sag mal, jetzt bist du doch bei Julius Bär, wie sieht es denn da aus?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 25.06.2015.

ZEIT: Was war Ihre Reaktion?

Otte: Ich habe gesagt: Theoretisch gäbe es schon eine Chance, aber wie läuft das denn ab? Dann hat er mir das erklärt – und mir schien es nicht unspannend.

ZEIT: War damals schon von Geld die Rede?

Otte: Da war sofort von Geld die Rede.

ZEIT: Hat er zuerst eine Zahl genannt oder Sie?

Otte: Er hat gesagt, die genaue Zahl müsste man abklären, aber im Schnitt würden pro relevanter Adresse 10.000 bis 12.000 Euro bezahlt. Dann habe ich im Kopf nachgerechnet und kam auf eine schöne Summe.

ZEIT: Auf welche Summe kamen Sie?

Otte: Ich wusste damals ja noch nicht, an wie viele Daten man rankommt. Aber ich dachte mir, dass drei bis vier Millionen Euro schon drin sein würden. Und davon kann man prima die nächsten 20 Jahre leben, dachte ich.

ZEIT: Und Ihr Kontaktmann, wollte der einen Anteil?

Otte: Der sagte: Wenn ich das vermitteln soll, dann will ich aber auch was haben.

ZEIT: Wie fanden Sie das?

Otte: Ich komme aus der Marktwirtschaft, für mich ist das normal. Fädelst du einen Deal ein, bekommst du eine Provision.

ZEIT: Also war das Ganze für Sie vor allem ein Geschäft?

Otte: Ich habe es nie anders gesehen. Es war ein riskantes Geschäft, der Preis war ausgehandelt. Es ist dann nicht so ideal gelaufen ...

ZEIT: ... Sie saßen im Gefängnis ...

Otte: ... aber das hat an der Sache nichts geändert. Deswegen sehe ich mich jetzt nicht unbedingt als Whistleblower.

ZEIT: Wie ging die Geschichte weiter?

Otte: Meine Geschäftspartner wollten sich zunächst von der Qualität des Materials überzeugen. Sie wollten wissen, ob die Adressen noch aktuell sind, ob es um relevante Summen geht. Also habe ich geliefert. 20 Datensätze: Namen, Kontonummern, Datum der Kontoeröffnung, Saldo, Adresse des Kunden.

ZEIT: Deutsche Namen?

Otte: Namen aus ganz Deutschland. Es hat vier Wochen gedauert, dann hat sich der Steuerfahnder wieder gemeldet. Er war ganz angetan. Dann kam der nächste Test. Man schickte mir 100 Kontonummern, und ich sollte die Anfangsbuchstaben des Kontoinhabers herausfinden. Auch das habe ich getan. Weitere drei Wochen später hieß es: Alles korrekt, alles sauber, wir wollen die kompletten Daten haben. Und dann ging es los.