ZEIT: Zu diesem Zeitpunkt war noch kein Geld geflossen?

Otte: Nein. Das war Teil der Verhandlungen.

ZEIT: Der Kontakt lief immer über Ihren Mann in Berlin?

Otte: Immer. Für meinen Fall war die Oberfinanzdirektion in Münster zuständig. Ich habe selber nie Kontakt zu dieser Behörde gehabt, wir haben nicht ein einziges Wort gewechselt.

ZEIT: Wie haben Sie kommuniziert?

Otte: Per Telefon.

ZEIT: Mussten Sie nicht fürchten, abgehört zu werden?

Otte: Nein. Sie können für fünf Euro ein Handy kaufen, das freigeschaltet und auf irgendjemand angemeldet ist. Das habe ich gemacht. Ich bin zu diesen Gesprächen über die Grenze gefahren und habe im deutschen Telefonnetz telefoniert.

ZEIT: Wie viele Adressen haben Sie geliefert?

Otte: Ich hatte insgesamt etwa 18.000 deutsche Adressen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass man an einem Großteil dieser Namen gar nicht interessiert war. Man hat gesagt: Alles, was unter 100.000 Euro ist, macht uns viel zu viel Arbeit, das wollen wir gar nicht verfolgen. Und damit fielen die meisten Adressen unter den Tisch.

ZEIT: Wie viele blieben übrig?

Otte: Insgesamt etwa 2.700.

ZEIT: Mit relevanten Beträgen?

Otte: Mit sehr relevanten Beträgen. Insgesamt fast zweieinhalb Milliarden Euro.

ZEIT: Und dann?

Otte: Dann ging es zu wie auf dem Basar.

ZEIT: Wer hat diesmal die erste Zahl genannt?

Otte: Ich habe gesagt: Machen wir drei Millionen.

ZEIT: Und wie war die Reaktion der Behörde?

Otte: Sie haben gesagt: 800.000. Und am Schluss haben wir uns auf 1,1 Millionen geeinigt.

ZEIT: Das ist aber nicht die Mitte.

Otte: Nein. Das Problem war natürlich: Ich hatte die Daten schon entwendet. Ich stand also praktisch mit einem Bein im Gefängnis. Deshalb war meine Verhandlungsposition nicht so ideal.

ZEIT: Wie haben Sie die Daten entwendet?

Otte: Ich habe sie aus einem der Großrechner gezogen, an denen ich arbeitete. Man konnte sie sich einfach auf den PC holen und in handelsübliche Tabellendateien übertragen. Die habe ich dann in viele kleine Einzelteile zerlegt und daraus Bilddateien gemacht – zur Tarnung. Diese Dateien habe ich an meine private E-Mail-Adresse verschickt.

ZEIT: Das ist nicht aufgefallen?

Otte: Nein, ich habe ja dauernd Mails mit privaten Fotos hin- und hergeschickt.

ZEIT: Wie viele Mails waren das?

Otte: Acht oder neun. Und da waren ja nicht nur die Daten von diesen 2.700 Deutschen drin, sondern eben auch von 1.700 Briten, etwa 2.000 Franzosen, etwa 2.500 Italienern, 700 Niederländern, 200 Griechen, ein paar Hundert Österreichern und auch ein paar Hundert Spaniern.

ZEIT: Haben Sie die mitgeliefert?

Otte: Nein. Deutsche Behörden interessieren sich nur für die Deutschen.

ZEIT: Hatten Sie die Hoffnung, dann eben auch entsprechende Deals mit anderen Ländern auch machen zu können?

Otte: Na ja, das war die Idee. Ich dachte, wenn die Deutschen schon ein bisschen zu wenig zahlen, dann muss sich die Sache wenigstens woanders noch ein bisschen lohnen. Und interessant war natürlich auch, die Daten ein wenig anzuschauen. Zum Beispiel hatten die 200 Griechen zusammen etwa genauso viel Geld auf den Konten wie die 2.700 Deutschen.

ZEIT: Haben Sie die Daten noch?

Otte: Das ist eine spannende Frage – die ich nicht beantworte.

ZEIT: Was haben Sie dann mit den Daten gemacht? Auf eine CD gebrannt?

Otte: Das denkt man natürlich, weil immer von Steuer-CDs die Rede ist. In meinem Fall gab es aber keine CD, sondern eine ganz simple SIM-Karte. So ein hübsches kleines Plastikteil.

ZEIT: Wie kam diese Karte zum Steuerfahnder?

Otte: Per Post. Ich habe die ersten 200 Adressen verschickt, und dann kam schon die erste Zahlung. Ich bin nach Berlin gefahren und habe meine ersten 200.000 Euro Anzahlung abgeholt.

ZEIT: In bar?

Otte: Selbstverständlich. Das hatte ich gleich am Anfang gesagt.

ZEIT: Wie haben die Behörden reagiert?

Otte: Die haben gesagt, das geht nicht. Das sind ja Beamte. Ich habe gesagt, ich kriege das Geld in bar, oder es gibt keinen Deal. Dann war das auf einmal kein Problem mehr.