Bernd Lucke hat die AfD gegründet, weil er den Euro für fatal hält und weil er eine Plattform für seinen Machtwillen suchte. Hans-Olaf Henkel fand in der AfD die Bühne für seinen Darstellungsdrang. Aber Alexander Gauland? Was trieb den geachteten Publizisten und erfahrenen Politiker nach vierzig Jahren CDU-Mitgliedschaft in die Arme der AfD? Was veranlasst einen distinguierten Bildungsbürger, sich mit 70 plötzlich dem Populismus zu verschreiben?

Rache an seiner alten Partei, der Union, deren inhaltliche Leere er so oft beklagt hatte? Der Entschluss, nicht klein beizugeben, sich dem Zeitgeist in den Weg zu stellen, den er seit je verachtet? Oder wollte Alexander Gauland auf seine alten Tage – koste es, was es wolle – einfach noch mal Furore machen?

Aus dem Stand holte der 73-Jährige vergangenen Herbst bei den Wahlen in Brandenburg 12,2 Prozent für die AfD. Er ist Fraktionschef, Landesvorsitzender, stellvertretender Bundesvorsitzender. Und er ist Gegenspieler von AfD-Chef Bernd Lucke. Das ist vielleicht am verwunderlichsten: Der konservative Intellektuelle, der mit seinen Interventionen selbst im liberalen und grünen Milieu Gehör fand, ist heute die Galionsfigur des rechten Flügels seiner Partei.

Wenn man das Bild des nachdenklichen Konservativen von einst mit dem AfD-Funktionär von heute konfrontiert, entgegnet Gauland: "Ich habe meine Überzeugungen nicht geändert." Das ist der schlichte Satz, mit dem er den Identitätsbruch verschleiert, den sein Abstieg in die Gefilde des Rechtspopulismus bedeutet.

Es ist nicht schwer, sich mit Gauland zu verabreden, am liebsten in einem italienischen Restaurant in Potsdam, mit Blick über den See. Dort sitzt er bei Roastbeef und Rotwein, ein genießerischer älterer Herr, dessen unerschütterliches Faible für britischen Konservatismus sich auch in Stilfragen zeigt. Er kommt im dunklen Jaguar. Das Tweed-Jackett ist längst zum Klischee geworden – selbst wenn es hin und wieder nur Leinen ist. Gauland tut so, als kenne er den Unterschied kaum. Er ist kein Aufschneider.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Auch wenn er ahnt, dass man seinen neueren politischen Umtrieben nichts abgewinnt, ist er ein offener Gesprächspartner. Einwände, Unverständnis, Ironie nimmt er gelassen. Er antwortet bereitwillig und unverstellt. Freizügig erzählt er aus dem Innenleben der AfD, von den haarsträubenden Umgangsformen, dem giftigen Flügelstreit und vom Kampf um die Macht. Neulich war Bernd Lucke zu Besuch in Potsdam, wo er den AfD-Abgeordneten erklärte, er kämpfe darum, dass die Partei nicht in die Hände von Alexander Gauland falle. Der saß neben ihm.

Seine Geschichten aus der AfD garniert Gauland oft mit Verwunderung, Spott oder Ratlosigkeit. So hängt über seinen Erzählungen immerzu die Frage, warum er sich das antut. Vielleicht ist es ja bald vorbei? Gauland versucht erst gar nicht, den Eindruck zu erwecken, als wisse er, wie es mit der Partei weitergeht. Lieber fragt er zurück: "Was glauben Sie?"

Gaulands jahrzehntelanges Nachdenken über gesellschaftlichen Zusammenhalt, über die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit, über die Auflösung traditioneller Lebensformen liest sich heute wie eine Vorstudie zum Populismus der AfD.

Schon 1991, als er in einem schmalen Band die Frage "Was ist konservativ?" aufgriff, warnte er davor, dass die Gesellschaft ins Irrationale abdriften könnte und radikale Parteien Zulauf finden könnten, wenn es nicht gelänge, dem ungebremsten Fortschritt etwas entgegenzusetzen. Seine Partei, die CDU, wollte er für das Zögern und Bewahren begeistern, für die Behutsamkeit im Umgang mit der Tradition. In drängendem, manchmal melancholischem Ton sprach er vom Verlust stabiler Wertordnung, von der Überforderung des Einzelnen und von der wachsenden gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit. Nur auf die Idee, sich mit den Ängsten und den Ressentiments zu verbinden, die aus dieser Entwicklung zu erwachsen drohten, wäre Gauland früher nie gekommen. Lieber machte er in Frankfurt liberale Kulturpolitik. Danach avancierte er als Chef der hessischen Staatskanzlei zum starken Mann der Landesregierung.

Merkel modernisierte die Union. Und Gauland wurde Dissident

Der Konservatismus hierzulande sei "nazi-krank", schrieb er einmal. Selbst die Union, die am ehesten zum Konservatismus berufen schien, scheute das beschädigte Erbe. Viel wohler fühle sie sich als Verfechter von Wirtschaftswunder und Innovation. So war die Entfremdung zwischen Gauland und seiner Partei schon in vollem Gange, als Angela Merkel die Union endgültig auf Modernisierung trimmte. Selbst das bisschen Tradition, das sich die alte CDU geleistet hatte, wurde jetzt geschliffen. Und Gauland wurde Dissident.

Als er vor ein paar Tagen vom Bruch mit der Union erzählt, sitzt er in einem Besprechungsraum im 6. Stock eines Berliner Bürohauses. Kein Schild am Eingang weist darauf hin, dass hier die Bundeszentrale der AfD untergebracht ist. Klein auf dem Klingelbrett steht der Parteiname, zwischen TÜV Rheinland und Deutschem Ferienhausverband e. V. Gauland ist jetzt in einer Partei, die Angst vor Übergriffen hat.