Die Texte der Frankfurter Gangster- und Straßen-Rapper Celo & Abdi sind beste radikalavantgardistische Literatur. © Ondro

Es war die Woche des 19. Juni, in der das Marktforschungsinstitut GfK meldete, dass in den deutschen Album-Top-Ten zum ersten Mal seit Chart-Aufzeichnung im Jahr 1962 ausschließlich deutsche Titel platziert seien. Der Rezensent nahm diese überraschende Tatsache zum Anlass, mal ein wenig Textkritik zu betreiben und zu gucken, wie deutsche Liedtexte im Sommer 2015 klingen: Was genau singen die da? Ist es der übliche seichte deutsche Schlagermist? Ist es lustig? Ist es anrührend? Sind in den deutschen Album-Top-Ten vielleicht sogar sprachlich ambitionierte, irgendwie neuartige und avantgardistische Texte zu finden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Auf Platz vier steht in dieser Juniwoche die deutsche Schlagersängerin Sarah Connor mit Muttersprache. Ihre Songs heißen Mit vollen Händen, Wenn du da bist, Halt mich und Das Leben ist schön. In ihren Texten behandelt Connor das, worüber blonde deutsche Schlagersängerinnen auch 1962 schon gesungen haben: Spielarten der Liebe, Tränen, rote Lippen, Küsse im Regen, die Lichter der Nacht, einen Heißluftballon. Zitat aus der Hitauskopplung des neuen Albums: "Wie all deine Farben / All deine Narben / Weißt du denn gar nicht / Wie schön du bist." Das Album Sing meinen Song – das Tauschkonzert Vol. 2, das auf Platz zwei der Charts steht, ist ein Compilation-Album verschiedener deutscher Künstler, das zur gleichnamigen Fernsehshow auf Vox erscheint. Xavier Naidoo singt Abenteuerland von Pur, Christina Stürmer interpretiert den Prinzen-Hit Alles nur geklaut neu, der Pur-Sänger Hartmut Engler liefert eine Neufassung des Pur-Hits Millionen Lichter. Erfolgreich, aber alles alte Songs, alte Liedtexte.

Gleich zwei deutsche Hip-Hop-Alben stehen in dieser Juniwoche in den deutschen Album-Top-Ten: das Album Fata Morgana des deutschkurdischen, in Essen aufgewachsenen Rappers KC Rebell (Platz 1); das Hip-Hop-Duo Obststand mit dem Album LX & Maxwell (Platz 5) und das Album Bonchance des aus Frankfurt am Main stammenden Hip-Hop-Duos Celo & Abdi. Und hier wird es dann sehr plötzlich gleich sehr interessant. Der Rezensent klickt sich im Internet durch die 17 Songs des Mitte Juni erschienenen, auf Platz acht der deutschen Albumcharts stehenden Albums Bonchance von Celo & Abdi. Und liest. Und liest. Und staunt. Und freut sich. Und versteht praktisch kein Wort. Und kann es gar nicht fassen. Dieses Hip-Hop-Duo aus Frankfurt am Main schreibt Texte, wie sie, so frisch, so rau, so konkret, so ganz und gar unverständlich, so verstörend andersartig und neu, im deutschen Pop sonst nicht zu finden sind. Textprobe:

"Kickstart, lauf mit der Heckler ein, baller rein
Deine Partei switched auf DEFCON 3
Ahh, Frankfurts Finest, wer will diese beiden Kanaken aufhalten?
M3, dritte Scheibe
Check, check – Das Mic three-eight fifty
G-Shit, strictly, ich ripp die Hilti
Und vertick sie an denselben Miskin."

Entschuldigung, aber um was geht es da bitte?

Zwischenstand nach dem Studium der 17 Liedtexte auf Bonchance, die Titel wie Kickstart, Amo aller Amos, Erster Atemzug, Ticker Chromosom, Schlaghammer, Heckmeck und Chabula tragen: Man kann die Liedtexte von Celo & Abdi nur wie radikalavantgardistische deutsche Literatur lesen, und so muss man sie auch lesen. Es ist ein unheimlicher Spaß, eben weil das Nichtverstehen dieser Literatur so eine Freude, Fantasie, Stimulanz und wilde Lust am Assoziieren, Sinnsuchen und Sinnraten freisetzt.