Es scheint in diesen Tagen, als hänge alles an Griechenland. Als seien es griechische Staatsbürger und griechische Staatsschulden, die über das Schicksal der Europäischen Union entscheiden. Als sei es der griechische Finanzminister, der die Idee der europäischen Solidarität zu Grabe tragen könnte. Als sei das Misstrauen, das die EU zermürbt, ein griechisches Produkt.

Tatsächlich geht es in diesen Krisentagen aber nicht nur um die Griechen. Es geht längst auch um die Syrer. Die Eritreer, Iraker, Albaner, Somalier und Afghanen. Es geht um Menschen, die von der EU keine Kredite wollen, sondern Asyl. Im Schatten der Währungskrise ist ein neuer Konfliktherd entstanden. Einer, der sich nicht um die Verteilung von Schulden dreht, sondern um die Verteilung von Flüchtlingen.

"Wenn der Euro scheitert, scheitert Europa" – wie ein Echo hallte dieser Satz von Angela Merkel am Wochenende durch die Hauptstädte der EU. Er hätte auch anders lauten können: Wenn die EU-Staaten die Flüchtlingsfrage nicht gemeinsam lösen, könnten bald wieder die Grenzbäume fallen. Und dann wäre der europäische Gedanke erst recht gescheitert.

Mehr als 600.000 Menschen haben im vergangenen Jahr in Europa um Asyl gebeten. Finanziell betrachtet, sind diese Menschen zunächst einmal eine Last: Irgendjemand muss die Heime finanzieren, in denen sie wohnen. Jemand muss die Impfungen bezahlen, die sie bekommen, die Sprachkurse, die Lebensmittelrationen. Diese Last ist innerhalb der EU höchst ungerecht verteilt. Während manche Mitgliedstaaten nicht mehr wissen, wo sie die Asylbewerber unterbringen sollen, bleiben andere von der Flüchtlingsfrage nahezu unberührt. In Tschechien etwa kam im vergangenen Jahr auf 10.000 Einwohner nur ein einziger Asylbewerber. In Schweden dagegen waren es 84.

Deshalb verhandelten die Staats- und Regierungschefs der EU vergangene Woche in Brüssel nicht nur über den Euro. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag sprachen sie über Flüchtlinge. Sie suchten nach einer Lösung, wie man Asylbewerber innerhalb der EU fairer verteilen könnte. Sie fanden keine.

Die Europäische Kommission hatte vorgeschlagen, die Flüchtlinge mithilfe einer verbindlichen Quote zu verteilen. Einer Quote, die auf die Stärken und Schwächen eines jeden einzelnen Landes achtet. Etwa, indem sie die Wirtschaftskraft berücksichtigt und die Arbeitslosenzahl.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Ob die Kommission mit diesem Vorschlag durchkommt, entscheidet sich erst Ende des Jahres. Vergangene Woche aber gab es auf dem EU-Gipfel in Brüssel einen ersten Testlauf für die Quote. Und der ist gescheitert.

Die Kommission wollte zwei besonders belasteten Ländern in einer Art Nothilfeaktion beistehen: Italien und Griechenland. Jede Woche werden dort Hunderte Flüchtlinge an Land gespült, tote und lebendige. Mit der Bergung, Rettung und Versorgung dieser Menschen sind die beiden Länder seit Jahren überfordert. Nun sollten sie zumindest ein Stück weit entlastet werden: Von jenen Flüchtlingen, die in den nächsten zwei Jahren nach Griechenland und Italien kommen, würden dem Plan nach 40.000 in andere EU-Länder umgesiedelt werden. "Ein Minimum an Solidarität" sei das, sagte EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos. Doch nicht einmal auf dieses Minimum konnten sich die Staats- und Regierungschefs vergangene Woche einigen. Vor allem die osteuropäischen Staaten stellten sich quer – jene Länder, die kaum Asylbewerber aufnehmen.