Es ist eng am Gymnasium Allee in Altona. Das mächtige Gebäude liegt wie auf einer Verkehrsinsel, eingepfercht zwischen Max-Brauer-Allee und Julius-Leber-Straße. Auf dem schmalen Schulhof reihen sich Container mit Klassenräumen aneinander. Zusätzlich sind Schulstunden der zehnten Klassen in eine benachbarte Grundschule ausgelagert. Der Platz reicht einfach nicht für alle Schüler. Doch Schulleiter Ulf Nebe sitzt in seinem Besprechungsraum und sagt, dass es um Platz doch wohl kaum gehen könne. Seit Jahren herrsche Krieg in Syrien und Terror in Nigeria. Tausende Menschen riskierten täglich in waghalsigen Überfahrten ihr Leben auf dem Weg übers Mittelmeer nach Europa.

Und da sollten die privilegierten Hamburger Kinder auf dem Schulhof nicht ein bisschen für Flüchtlinge zusammenrücken können? "Das können sie lernen", sagt Nebe.

Wer sich mit Ulf Nebe unterhält, hört viel über die gesellschaftliche Verantwortung von Schule. Über Teilhabe, Bildungsauftrag, Solidarität. Ein bisschen klingt das nach Präambel und Kultusministerkonferenz, doch Nebe zählt auf, was die Worte für sein Gymnasium bedeuten: Er muss Räume auftreiben. Elternbriefe schreiben. Mit der Behörde über Stellen verhandeln und Lehrer finden, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können. Denn Nebe hat beschlossen, an seinem Gymnasium eine Klasse für Flüchtlingskinder einzurichten, die kein Wort Deutsch verstehen – von sich aus, die Schulbehörde war noch gar nicht auf die Idee gekommen.

Ende vergangenen Jahres hat er den Entschluss gefasst, wenige Tage später lag die Zustimmung der Lehrer und des Elternrats vor. Nach den Sommerferien startet die erste sogenannte Internationale Vorbereitungsklasse (IVK). "Wir haben keine Zeit, auf die Initiative der Behörde zu warten", sagt Nebe. "Der Bedarf an solchen Klassen ist einfach zu groß." Vor dem Fenster brettern Lastwagen vorbei.

Derzeit erreichen jeden Tag durchschnittlich etwa 200 Flüchtlinge Hamburg, fast ein Viertel von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Durch sie kommen die Folgen der Tausende Kilometer entfernten Kriege in Hamburg an. Die öffentliche Debatte darum aber erschöpft sich weitgehend in der Frage, wo diese Menschen wohnen sollen. Dabei brauchen die Flüchtlinge mehr als ein Dach über den Kopf. Die Kinder und Jugendlichen müssen zur Schule gehen. Aber wo?

Viele Flüchtlingskinder haben ein Ziel: Sie wollen auf die Oberschule

Am Gymnasium Allee, das Nebe leitet, zeigt sich Altona in seiner ganzen Ambivalenz: Zum Einzugsbereich gehören die Hochhäuser rund um die Königstraße ebenso wie luxussanierte Altbauten nahe der Elbchaussee. Entsprechend heterogen ist die Schülerschaft. Sozialer Brennpunkt trifft auf akademische Mittelschicht. Migrantenkinder treffen auf Gentrifizierungsgewinner. Am Allee-Gymnasium ist man stolz darauf, eine Schule für alle zu sein, Altona so abzubilden, wie es ist: vielfältig und authentisch. Die Schule ist ein Zentrum im Stadtteil, sie ist dort bestens vernetzt. Nur die Gruppe der Flüchtlingskinder, die war bisher komplett außen vor.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jahrelang hat das niemanden groß irritiert. Flüchtlinge und Gymnasium, diese Kombination gab es in Hamburg einfach nicht.

Natürlich kann allenfalls ein kleiner Teil der ausländischen Kinder das Abitur schaffen. Das ist schon eine große Herausforderung für deutsche Mädchen und Jungen, die bessere Startchancen haben als ein traumatisiertes Kriegskind aus Syrien. Viele sind im Heimatland niemals zur Schule gegangen, und wenn sie das Alphabet beherrschen, ist es oft nicht das lateinische. Doch je früher sie ins Hamburger Schulsystem einsteigen, desto größer ist die Chance aufzuholen. Und manche Flüchtlinge bringen eben auch eine sehr gute Vorbildung mit. Dennoch ist für sie in Hamburg grundsätzlich eine andere Bildungsbiografie vorgesehen.

Kinder im frühen Grundschulalter werden bei ihrer Ankunft gleich in eine Regelklasse eingeschult. Bei ihnen geht man davon aus, dass sie die Sprache schnell durch das gemeinsame Spiel erlernen. Alle anderen kommen zunächst in eine Übergangsklasse, die sogenannte Internationale Vorbereitungsklasse. Rund 2055 Schüler sind derzeit in solchen IVKs. Dort lernen sie ein Jahr lang intensiv Deutsch, um anschließend in eine normale Schulklasse zu wechseln.

Doch normal, das war im Falle der Flüchtlinge eben niemals das Gymnasium. Wer dort hinwollte, musste sich nach der IVK eine neue Schule suchen. Einzig das Gymnasium Hamm bietet seit den neunziger Jahren Deutschklassen für ausländische Kinder an, die das Zeug zum Abitur mitbringen. Und die Nelson-Mandela-Stadtteilschule in Wilhelmsburg nimmt schon immer gezielt Flüchtlingskinder auf, die es von ihrer Vorbildung her in die gymnasiale Oberstufe schaffen können.

Die übrigen IVKs waren bislang durchweg an Stadtteilschulen angesiedelt. Wer schon 16 Jahre alt war, landete ohnehin gleich an einer Berufsschule, mit einem höheren Bildungsabschluss war es damit in der Regel vorbei. Die Gymnasien hielten sich vornehm heraus. Sie waren zuständig für das Abitur, alle anderen für die Integration.