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So eine Entscheidung musste noch keiner von uns treffen, und wir können froh darüber sein. Denn wenn das griechische Volk nun seine Stimme abgeben sollte, entscheidet es nicht nur über die eigene Zukunft. Sie, liebe Griechen, entscheiden auch über das Schicksal von 500 Millionen Menschen in Europa. Sie stimmen darüber ab, wie es mit uns allen weitergeht.

Es passt zu dieser hinterhältigen, unübersichtlichen Krise, dass nun alles auf ein scheinbar einfaches Ja oder Nein des griechischen Volkes hinauslaufen soll – obwohl sich dahinter sehr viele, sehr schmerzhafte Entscheidungen verbergen. Noch ist nicht mal klar, ob es überhaupt zu einem Referendum kommt. Aber so oder so müssten Sie, liebe Griechen, sich gegen die Politik wenden, die Sie erst vor fünf Monaten gewählt haben. Sie müssten sich auf die Seite der Gläubigerstaaten schlagen, obwohl Sie deren Krisenpolitik bei der Parlamentswahl abgewählt hatten. Sie müssten sich mit Ihren Kreditgebern arrangieren, obwohl sehr viele von Ihnen den Eindruck haben, in den vergangenen Jahren verraten worden zu sein. Sehr viel auf einmal verlangt ist das. Und doch liegt darin unsere Hoffnung.

Niemand darf Ihnen vorschreiben, wie Sie entscheiden sollen. Kein fremder Minister darf das und erst recht keine ausländische Zeitung. Aber womöglich sind gerade jetzt viele Menschen in Europa sehr nachdenklich geworden.

Als im Januar dieses Jahres Alexis Tsipras sich anschickte, die griechische Parlamentswahl zu gewinnen, schrieb ich in dieser Zeitung, dass ausgerechnet er dafür sorgen könnte, dass Europa zusammenbleibt. Ich nahm an, Tsipras werde als Mann des Volkes der ungeliebten Rettungspolitik endlich jene Legitimation verschaffen, die sie in Ihrem Land nie hatte. Ich erwartete, dass Syriza die reichen Griechen besteuern und deren Vermögen zur Krisenbekämpfung heranziehen würde. Aber als er dann im Amt war, schien es Ihrem Regierungschef weniger um Gerechtigkeit zu gehen als um Genugtuung; weniger um das Gemeinsame als um das, was uns trennt. Und ganz ehrlich: Sehr viele Menschen hier in Deutschland haben das nicht verstanden.

Es stimmt ja, dass Griechenland drei große Ungerechtigkeiten kennt: die Ungerechtigkeit zwischen Armen und Reichen. Zwischen denen, die Staatsjobs haben, und den Arbeitslosen. Zwischen dem griechischen Volk und der scheinbar übermächtigen Troika. Es stimmt auch, dass die Troika immense Fehler gemacht hat und bei Ihnen mit einer Arroganz aufgetreten ist, die ihrem Anliegen geschadet hat. Aber bei allem Respekt vor Ihrer Regierung: Aus unserer, zugegeben etwas entfernteren Sicht wirkte es so, als hätten Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis versucht, mit einem Paukenschlag die gesamte wirtschaftspolitische Richtung Europas zu drehen. Dazu fehlte ihnen die Kraft – und die demokratische Legitimation.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015. Lesen Sie darin unseren Griechenlandschwerpunkt in der Politik, in der Wirtschaft und im Feuilleton.

Dabei hat sich während der langen Verhandlungen in Brüssel durchaus etwas getan. Es ist das Verdienst von Tsipras, dass auch die EU klüger geworden ist; dass viele Regierungschefs inzwischen bereit sind, die Krisenpolitik zu verändern. Aber dieses politische Kapital konnte Tsipras nicht nutzen. Stattdessen hat er die anderen 18 Mitglieder der Eurozone systematisch gegen sich aufgebracht. Damit nahm er sich selbst aus dem Spiel.

Viele von Ihnen werden den Eindruck haben, wir Deutschen wollten gar nicht mehr helfen; wir wollten Sie am liebsten raushaben aus dem Euro. So ähnlich muss bei Ihnen angekommen sein, was Sie aus unserer Himmelsrichtung gehört haben, von unserem Finanzminister etwa, auch von einigen Journalisten. Und tatsächlich sind viele Deutsche zuletzt ins Zweifeln geraten. Auch hier gibt es Menschen, die hart arbeiten und nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Und viele glaubten, dass immer mehr Geld nach Griechenland fließen sollte, ohne dass es dem griechischen Volk damit besser ginge. Trotzdem hat es bis zur Zuspitzung der vergangenen Tage hier nie eine Mehrheit für den Grexit gegeben.