Die griechische Flagge vor einer Statue des Philosophen Sokrates in Athen © Reuters/Yannis Behrakis

Ein bekannter Witz aus dem letzten Jahrzehnt der Sowjetunion handelt von Rabinowitsch, einem Juden, der auswandern will. Der Bürokrat im Auswanderungsamt fragt ihn nach dem Grund, und Rabinowitsch antwortet: "Es gibt zwei Gründe. Der erste ist, dass ich mich vor einem Machtverlust der Kommunisten in der Sowjetunion fürchte. Die neuen Machthaber könnten dann die kommunistischen Verbrechen allein uns, den Juden, in die Schuhe schieben – und es könnte wieder judenfeindliche Pogrome geben ..." – "Aber", unterbricht ihn der Bürokrat, "das ist totaler Unsinn, nichts kann sich in der Sowjetunion je ändern, die kommunistische Macht wird ewig währen!" "Tja", entgegnet Rabinowitsch ruhig, "das ist mein zweiter Grund."

In Athen kursiert derzeit eine neue Version dieses Witzes. Ein junger Grieche sucht das australische Konsulat in Athen auf und fragt nach einem Arbeitsvisum. "Warum wollen Sie Griechenland verlassen?", fragt der Beamte. "Aus zwei Gründen", antwortet der Grieche. "Erstens befürchte ich, dass Griechenland die EU verlassen wird, was zu noch mehr Armut und Chaos im Land führen wird ..." – "Aber", unterbricht ihn der Beamte, "das ist totaler Unsinn, Griechenland wird in der EU bleiben und sich der Finanzdisziplin unterwerfen!" – "Tja", entgegnet der Grieche ruhig, "das ist mein zweiter Grund."

Sind also beide Entscheidungen die schlechteren, um Stalin zu paraphrasieren? Der Moment ist gekommen, an dem wir die irrelevanten Debatten über mögliche Fehler und Fehlurteile der griechischen Regierung hinter uns lassen müssen. Inzwischen steht viel zu viel auf dem Spiel.

Die Tatsache, dass sich in den Verhandlungen zwischen Griechenland und den EU-Verwaltern eine Kompromissformel immer im allerletzten Moment verflüchtigt hat, ist an sich schon höchst bezeichnend. Es geht nicht mehr wirklich um finanzielle Meinungsverschiedenheiten – auf dieser Ebene unterscheiden sich die Positionen nur noch minimal. Die EU beschuldigt Griechenland in der Regel, lediglich Allgemeinplätze zu verbreiten und vage Versprechen ohne belastbare Details zu machen, während Griechenland der EU vorwirft, dass diese selbst kleinste Details zu kontrollieren versuche und dem Land Bedingungen auferlege, die noch rigoroser seien als die, die sie der Vorgängerregierung aufgebürdet habe.

Hinter diesen Vorhaltungen steckt jedoch ein ganz anderer, viel tieferer Konflikt. Der griechische Premier Alexis Tsipras bemerkte unlängst, wenn er sich allein mit Angela Merkel zum Abendessen träfe, hätten beide binnen zwei Stunden eine Lösung gefunden. Er wollte damit sagen, dass Merkel und er, zwei Politiker, den Streit als einen politischen behandeln würden, im Unterschied zu technokratischen Verwaltern wie dem Kopf der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem. Wenn es in dieser ganzen Geschichte einen Bösewicht gibt, dann ist es Dijsselbloem mit seinem Motto: "Wenn ich die Dinge erst einmal von ihrer ideologischen Seite nehme, erreiche ich nichts mehr."

Auch die EU-Technokraten folgen einer Ideologie – nur einer anderen

Damit kommen wir zur Krux des Ganzen: Tsipras und Varoufakis reden, als seien sie Teil eines offenen politischen Prozesses, in dem letztlich "ideologische" (auf normativen Präferenzen beruhende) Entscheidungen getroffen werden müssten. Die EU-Technokraten reden, als ob es sich bei alldem um eine Frage detaillierter regulatorischer Maßnahmen handelte, und wenn die Griechen diese Haltung ablehnen und grundsätzlichere politische Fragen aufwerfen, wirft man ihnen vor, sie würden lügen und sich vor konkreten Lösungen drücken. Die Wahrheit ist hier eindeutig auf der griechischen Seite: Dijsselbloems Verleugnung der "ideologischen Seite" ist Ideologie in Reinkultur, sie gibt Entscheidungen, die effektiv politisch-ideologisch begründet sind, fälschlich als Regulierungsmaßnahmen aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Aufgrund dieser Asymmetrie wirkt der "Dialog" zwischen Tsipras oder Varoufakis und ihren EU-Partnern oft wie das Gespräch zwischen einem jungen Studenten, der ernsthaft über Grundsatzfragen diskutieren möchte, und einem arroganten Professor, der diese Themen in seinen Antworten beschämenderweise ignoriert und den Studenten wegen technischer Mängel ausschilt: "Das ist nicht korrekt formuliert! Diese Regel haben Sie nicht berücksichtigt!" Oder gar wie der Wortwechsel zwischen einer vergewaltigten Frau, die verzweifelt berichten will, was ihr widerfahren ist, und einem Polizisten, der sie ständig mit Fragen nach bürokratischen Details unterbricht. Diese Umstellung von der eigentlichen Politik auf eine neutrale Expertenverwaltung zeichnet unseren gesamten politischen Prozess aus: Strategische, machtbasierte Entscheidungen werden zunehmend als administrative Regulierungen ausgegeben, die auf neutralem Expertenwissen beruhen sollen. Und sie werden immer öfter hinter verschlossenen Türen ausgehandelt und ohne demokratische Beteiligung durchgesetzt.