DIE ZEIT: Herr Brüggemann, ist es bitter nötig, dass die Deutschen endlich anfangen, über Neonazis zu lachen?

Dietrich Brüggemann: Lachen ist eine Waffe, die auch gegen Nazis wirkt, insofern: Ja. Wir Deutschen gestehen uns leider nur ungern ein, dass es Neonazis gibt. Und vor allem, dass die nichts Fremdes, Fernes sind, sondern dass die auch zu uns gehören.

ZEIT: Tun sie das?

Brüggemann: Sehen Sie, wir versuchen, diese Nazis von uns abzuspalten, nach dem Motto: Wir sind hier – und da sind die Rechtsradikalen. Aber das stimmt nicht. Ich habe einen Film gemacht, der seine Komik daraus bezieht, dass Neonazis und normale Menschen miteinander interagieren und sogar Gemeinsamkeiten finden.

ZEIT: HEIL ist ein hochlustiger Film, er handelt von einem afrodeutschen Erfolgsautor, der auf einer Lesereise in die Kleinstadt Prittwitz im Brandenburgischen von drei Dorfnazis entführt wird.

Brüggemann: Das Thema, einen Film über Dorfnazis in Ostdeutschland zu machen, lag ja in der Luft, länger schon. In der Filmbranche höre ich seit Jahren immer wieder: Man müsste mal eine Neonazikomödie drehen. Und ich finde, das ist auch nötig. Es gab zwar schon Komödien in diesem Sujet. Zum Beispiel Schtonk.

ZEIT: Der Film über die falschen Hitlertagebücher.

Brüggemann: Genau. Wer einer Sache mit Humor begegnet, wendet sich ihr zu, zerrt sie ans Tageslicht; gibt sie der Lächerlichkeit preis. Wir alle haben vielleicht Gemeinsamkeiten mit Neonazis auf einer ganz banalen Ebene – wir mögen auch Frauen, Hunde oder Vanilleeis. Die drei Neonazis aus Prittwitz sind keine rundum üblen Schweine, sondern haben ihre banalen menschlichen Seiten. Darüber muss man nicht hysterisch werden. Der Nazi ist Nazi wegen seiner Nazihaftigkeit. Und nicht, weil er auch in ein Mädchen verliebt ist oder in einem kleinen Haus wohnt. Beides kollidiert aber miteinander, und schon wird es lustig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 27 vom 02.7.2015.

ZEIT: Warum sind Nazis als Filmstoff lustig?

Brüggemann: Dummheit ist per se lustig, und Neonazis sind ja sehr dumm. Wenn Leute unreflektiert durch die Gegend rennen, im Grunde nur eine Idee haben, die ihren Kopf ausfüllt – dann ist das komisch. Und wenn man das überspitzt darstellt, wird es noch komischer. Nehmen Sie Heiko Georgi …

ZEIT: … eine Neonazifigur in Ihrem Film.

Brüggemann: Ja, der Typ ist ein Neonazi und noch dazu unglaublich eitel. Der lässt seinen Sohn ständig Fotos von sich machen und posiert die ganze Zeit in Hipster-Klamotten, weil er als Hipster-Nazi Karriere machen will. Solche Leute generieren ihre eigene Satire. Insofern ist die Frage für mich gar nicht: Darf ich mich über Nazis lustig machen? Nein, es ist eine physikalische Notwendigkeit. Wasser fließt dahin, wo die Schwerkraft es hinzieht. Komik geht dahin, wo es lustig ist. Oder anders gesagt: Komisches Material ist eine Art Sprengstoff. Das liegt herum, bis einer das Feuerzeug dranhält.