Bent Angelo Jensen wohnt in St. Georg, zwischen Hansaplatz und Hauptbahnhof. Seine Altbauwohnung: chic und schäbig. Fotos von nackten Frauen an den Wänden, daneben eine Zeichnung von einem Totenkopf. Jensen streift das Jackett ab, ein dunkelblauer Anzug mit bunten Punkten, selbst genäht. "Ein Street-Smoking", erklärt er, "den Stoff habe ich von Wolfgang." Joop, versteht sich.

DIE ZEIT: Herr Jensen, sind Sie eigentlich größenwahnsinnig?

Bent Angelo Jensen: Ich war schon immer ein Typ, der gesehen werden wollte. Ich hatte einen Minderwertigkeitskomplex, weil ich nicht studiert hatte. In meinem Freundeskreis waren Musiker, Kunststudenten, Modedesigner – und ich, ich war eigentlich nichts. Ich habe mich immer weit aus dem Fenster gelehnt, mit meinem Auftreten, mit meinen Anzügen. Ich wollte zeigen: Leute, mich müsst ihr auch ernst nehmen, besonders ernst! Größenwahn würde ich aber nicht sagen. Ich habe ja keine Millionen in den Sand gesetzt.

ZEIT: Nicht ganz. Aber immerhin 600.000 Euro.

Jensen: Das ist, in Anführungszeichen, okay. In meinem Fall waren sich im Insolvenzverfahren alle Beteiligten schnell einig, dass es darum geht, das zu retten, was gesund ist. Und das waren meine Läden in Hamburg, Berlin und Köln. Den Rest musste ich abschlagen.

ZEIT: Sie haben sich vom Secondhandverkäufer zum Millionär hochgearbeitet – und vor zwei Jahren den Insolvenzantrag gestellt. Was war das für ein Gefühl?

Jensen: Ein Galgen-Feeling. Ich hatte das Gefühl, ich gehe direkt ins Gefängnis. Das Telefon klingelte, eine Stimme sagte: "Hallo, hier ist Ihr Insolvenzverwalter." Da fühlt man sich echt schuldig.

ZEIT: War Ihr Fehler, oder?

Jensen: Klar.

ZEIT: Was war Ihr größter?

Jensen: Zu schnell zu wachsen. Ich habe mit einem kleinen Secondhandladen mit 20.000 Mark Startkapital angefangen. Von 1999 an bin ich zehn Jahre nur gewachsen. Ich habe am Ende 2,5 Millionen Umsatz im Jahr gemacht. Aber das interne Gerüst, die Verwaltung, das Controlling, existierte nicht. Plötzlich hatte ich Verbindlichkeiten von 300.000 Euro bei meinem Stofflieferanten. Ich hatte immer die Hoffnung, dass sich alles mit dem Wachstum stabilisiert. Ich hab noch einen Laden aufgemacht und noch einen und noch einen. Ich musste mir erst mal selbst eingestehen, dass ich es an die Wand gefahren habe. Als Unternehmer schnallst du als Letzter, dass der Ofen aus ist.

ZEIT: Wann haben Sie es geschnallt?

Jensen: Vor zweieinhalb Jahren haben zwei Freunde zu mir gesagt: Bent, das geht nicht mehr lange gut. Ich bin Autodidakt, Herr von Eden habe ich als One-Man-Show angefangen. Ich hab alles nicht so genau genommen – unternehmerisch und kreativ. Ich wusste nicht mal, was eine Insolvenz ist. Und dann bin ich mit einem dicken Leitz-Ordner zum Amtsgericht gegangen und habe mich quasi selbst angezeigt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Meinen Sie, mit BWL-Studium wäre Ihnen das nicht passiert?

Jensen: Mit Sicherheit. Aber dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin eher ein mutiges Kerlchen. Mit 21 bin ich mit einem Kumpel nach Tijuana geflogen, wir haben uns für 200 Dollar einen Cadillac gekauft, ohne Kaufvertrag, ohne Nummernschild, und sind vier Wochen mit dem Ding durch Mexiko gefahren.

ZEIT: Sind Sie durch die Insolvenz spießig geworden?

Jensen: Nö, gar nicht. Aber mir hat diese Insolvenz wahnsinnig gutgetan. Ich habe ein paar Sachen an mir beobachtet, die ich ganz gut finde.

ZEIT: Was denn?

Jensen: Ich bin reifer geworden. Auch wenn sich das ein bisschen esoterisch anhört: Ich bin jetzt ein Mann. Vorher war ich ein kleiner, halbstarker Rocker.

ZEIT: Was unterscheidet den Mann vom halbstarken Rocker?

Jensen: Die Ernsthaftigkeit. Das Verantwortungsbewusstsein. Ich bin ein bisschen ruhiger geworden. Ich kann mir plötzlich ein Familienleben vorstellen.