Joseph Stiglitz ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Columbia University. Er war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank und von 2011 bis 2014 Präsident der International Economic Association. © Reuters

DIE ZEIT: Sind Sie in Italien, um die Auflösung der Euro-Zone aus nächster Nähe zu beobachten?

Joseph Stiglitz: Nein, ich schreibe an einem Buch, aber ich mache mir durchaus große Sorgen um Europa. Es ist ein Riesenfehler, Griechenland aus der Euro-Zone zu drängen!

ZEIT: Ist Griechenland an dem möglichen Grexit nicht selbst schuld?

Stiglitz: Nein! Die angeblichen Rettungsprogramme sind völlig falsch angelegt. Das war bereits 2010 so, und auch die jüngste Initiative folgt dem gleichen falschen Ansatz.

ZEIT: Inwiefern?

Stiglitz: Das sind schlicht Rezessionsprogramme. Egal wie wacker sich die Griechen bemühen, sie haben keinerlei Aussicht, aus der durch diese Programme verursachten Misere herauszukommen.

ZEIT: Aber hat denn nicht die griechische Misswirtschaft erst zu dem Debakel geführt?

Stiglitz: Natürlich gab es Probleme, die letztlich zu der Krise 2010 geführt haben. Aber dann hat die Troika mit ihren Maßnahmen das Ganze verschlimmert. Statt gleich die Schulden zu reduzieren und Initiativen für Wachstum zu ergreifen, hat man das Ganze einfach auf die lange Bank geschoben.

ZEIT: Aber die Troika hat doch durchaus Reformen durchgesetzt ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Stiglitz: Ja, doch man muss sich über die Prioritäten schon wundern. Sicher, die Steuerreform war überfällig, aber da hat man an vielen Stellen zu kurz gedacht. Wenn etwa die Reedereien besteuert werden, flaggen die einfach aus und registrieren ihre Schiffe also in einem anderen Land. Unsere Zeit ist von immer höherer Mobilität geprägt. Da ist es absurd, wenn Sie versuchen, ein Volk zu zwingen, Schulden abzutragen. Zugespitzt: Wenn die Griechen am Sonntag für die Sparmaßnahmen stimmen, werden die fähigen Leute auf lange Sicht das Land verlassen. Dann ist irgendwann keiner mehr da, den Schuldenberg abzutragen. Wenn ich der griechische Ministerpräsident wäre, würde ich einem Sparpaket, das mein Land zur Depression verurteilt, auch nicht zustimmen. Sonst würde ich keine Nacht mehr schlafen können!

ZEIT: Was wäre der beste Ausweg aus der Krise?

Stiglitz: Die Griechen stimmen am Sonntag mit Nein. Dann müssen die europäischen Regierungschefs neu beraten. Die beste Lösung wäre eine Reduzierung der Schuldenlast, ein realistischeres Wachstumsziel – sagen wir 1,5 Prozent. Die Griechen brauchen eine viel längere Frist, um ihre Schulden abzutragen. Und das Land sollte zur Abwechslung mal richtige Hilfsleistungen bekommen.

ZEIT: Wie bitte – noch mehr Geld?

Stiglitz: Bisher ist das meiste gar nicht in Griechenland angekommen. Das waren doch Rettungspakete für deutsche und französische Banken. Eine Idee wäre eine Umschuldung wie in Argentinien, wo die Anleihen an das Wirtschaftswachstum geknüpft werden.