Stellen wir uns für einen Moment vor, wir würden in einer "umgekehrten Welt" leben. Afrika und Europa tauschten die Rollen. Europa gälte als ein Konglomerat von failed states und bedürftigen Völkern. Afrika indessen wäre mit Rechtssicherheit, Reichtum und hoher Lebenserwartung gesegnet und würde von Flüchtlingen aus dem armen Europa heimgesucht. Und stellen wir uns dann vor, unter dem Potsdamer Platz, in der elenden Stadt Berlin, würde ein ungeheurer Reichtum an Bodenschätzen – Gold oder Coltan – entdeckt. Was würde wohl geschehen?

Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau, der diese Frage jetzt in Berlin öffentlich gestellt hat, sagt: "Berlin würde niedergerissen werden, seine Friedhöfe würden geschändet, die Spree würde mit Zyankali verseucht werden, und man würde das Ganze als Fortschritt verkaufen."

Es ist die Geschichte des Kongos, die er hier erzählt – die Geschichte eines der ärmsten Länder der Welt, in dessen Boden die wertvollsten Bodenschätze der Welt lagern.

Rau hat in den letzten Monaten sehr viel Energie darauf verwendet, die Welt im Rahmen seiner Möglichkeiten auf den Kopf zu stellen. Er hat im Ostkongo, wo ein Krieg um Land, Macht und Rohstoffe tobt, wo internationale Konzerne nach Coltan, dem für Mobiltelefone entscheidenden Material, und nach Gold graben, wo nahezu täglich Massaker stattfinden, wo Widerstandsgruppen und Militärs einen irren Vernichtungskampf führen, ein tolles Spiel gespielt: Er hat so getan, als gäbe es in diesem von zwei Bürgerkriegen zerrütteten, völlig rechtsfreien Gebiet, in dem Massenmorde grundsätzlich unaufgeklärt bleiben, einen Gerichtshof, an dem europäische Rechtssicherheit herrscht. Und da es kein vernünftiger Mensch wagen könnte, einen relevanten Gerichtshof auf einem riesigen Schlachtfeld zu errichten, hat Rau seine Wahnsinnsaktion zum Theaterstück erklärt. Nach dem Schema: Was man nicht bewirken kann, das muss man spielen.

Wie wäre es, so lautete Raus Ausgangsfrage, wenn man Menschen zusammenbrächte, die sonst im Kongo nie die Chance haben, öffentlich zusammenkommen. Und während alle noch dachten, Rau formuliere nur eine Frage, war er in Wahrheit schon damit beschäftigt, sie zu beantworten: Wie das wäre? Wir tun es jetzt.


Das Kongo-Tribunal
heißt dieses Theater, welches gar keins ist. Sein erster Teil fand Ende Mai in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Bukavu statt, sein zweiter Teil am vergangenen Wochenende in den Sophiensælen in Berlin. Das Unfassbare ist, dass beide Teile ungestört stattfanden. In Bukavu saßen sich örtliche Politiker, Militärs, Untergrundkämpfer (unter Kapuzen), Überlebende von Massakern und Verantwortliche für Massaker gegenüber, und es wurde erstmals öffentlich über Schuld gesprochen. Der Polizeigeneral, der dafür verantwortlich ist, dass die Polizei bei einem Massaker nicht eingriff, bei dem im vergangenen Jahr 35 Menschen ermordet wurden, war nun derjenige, der das Kongo-Tribunal schützte.

Milo Rau hat jahrelang für dieses Projekt im Kongo recherchiert, er hat bei der Regierung antichambriert, Teilnehmer "gecastet". Er sagt, es ließen sich im Kongo die Konflikte erkennen, die unsere Welt für lange Zeit prägen würden – es sei dort ein dritter Weltkrieg im Gang, an dem wir alle beteiligt seien. Auf die Frage, was er selbst im Kongo wolle, hat er kürzlich eine hochmütige, die bürgerliche Repertoirekunst mit einem einzigen Streich von der Bühne räumende Antwort gegeben: "Wenn man mich später fragt: ›Was hast du getan, als sechs Millionen Menschen im Kongo gestorben sind?‹, dann will ich nicht sagen müssen: ›Ich habe in Paris einen Roman von Michel Houellebecq dekonstruiert.‹ Wer ein bisschen moralischen Restanstand hat, muss aktiv werden, muss sich einmischen. Die globalisierte Wirtschaft verlangt nach global agierender Kunst."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Deshalb findet der zweite Teil des Kongo-Tribunals in Berlin statt. Auch dahinter steckt die Dynamik der Umkehrung: Wenn Verbrechen nicht dort verfolgt werden können, wo sie begangen wurden, muss man sie dort untersuchen, wo sie angebahnt wurden. Es waren Europäer, die den afrikanischen Kontinent unterjochten, ihn plünderten, seine Völker versklavten, und der Schauplatz Berlin hat bei der Enteignung Afrikas eine große Rolle gespielt. Hier wurde im Jahr 1884 die Kongo-Konferenz abgehalten, auf der die Europäer den Kontinent unter sich aufteilten. Dem belgischen König Leopold II. (aus dem deutschen Haus Sachsen-Coburg und Gotha stammend) wurde damals der Osten des Kongos sozusagen zum persönlichen Geschenk gemacht; unter seiner Herrschaft wüteten europäische Konzessionsgesellschaften in "Belgisch-Kongo", acht bis zehn Millionen Kongolesen sind damals umgekommen.