Ausgerechnet Neukölln. Ausgerechnet den Problemkiez um die Boddinstraße hat sich ein internationales Kreativmilieu ausgesucht, um an einem Samstagabend aus den Ruinen der Arbeitsgesellschaft die Vision einer angesagten Weltstadt auferstehen zu lassen: Zur Abwechslung wird nicht verrückt-, sondern Kunstauktion gespielt. Schleppend füllt sich die einstige Rockerkneipe mit dem hübschen Namen Frühperle, die unter neuer Bewirtschaftung auch eine neue Klientel anzieht, die Hipster. Anlass ist der erste Geburtstag einer Internet-Plattform, deren Zweck die Vernetzung künstlerisch ambitionierter Neuberliner ist.

Zur Unterstützung haben um die sechzig Freunde des Hauses Arbeiten gespendet: Größtenteils zwischen den späten siebziger und den späten achtziger Jahren geborene Künstler aus aller Welt zeigen Collagen, Grafiken, Fotografien, Zeichnungen und Malerei, manches respektabel, manches noch auf dem Weg, selbiges zu werden. Anders als bei den streng durchchoreografierten "Evening Sales" der großen Auktionshäuser hat jedoch niemand die branchenüblichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um sicherzustellen, dass die Versteigerung als Erfolgserlebnis auch nach außen funktioniert. So nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Ansehnliche Arbeiten gehen für Spaßpreise im zweistelligen Bereich weg, Begehren weckt erst eine von der Elektroclash-Ikone Peaches designte Halskette. Dann die Versteigerung von Los Nr. 76: Reynold Reynolds, The Lost, Digitaldruck, Edition 1/3. Eine Arbeit, die sich verlaufen hat: Immerhin ist Reynolds einer der angesagtesten Videokünstler. 370 Euro – "anyone?!".

Auf so eine Gelegenheit hat ein spezieller, inzwischen überraschend selbstbewusst auftretender Subtypus der Spezies Kunstsammler nur gewartet: der "arme" Kunstsammler, der sich von den Megasammlern dieser Welt, den Arnaults und Pinaults, in wenigstens einem Punkt unterscheidet. Er gehört nicht zu den 2325 mindestens eine Milliarde schweren Superreichen dieser Welt, an die immer größere Teile des Kunstbetriebs adressiert sind.

Dass zumindest der Einstieg ins Kunstsammeln auch ohne das ganz große Geld gelingt, zeigt der norwegische Sammler Erling Kagge, 52, der mit A Poor Collector’s Guide to Buying Great Art das Buch zum Thema vorlegt (Gestalten Verlag, 29,90 Euro). Es ist so informativ wie unterhaltsam und richtet sich an eine Zielgruppe, die entspannt eine Summe von 5000 Dollar für erste Experimente aufbringen kann. Neben nützlichen Tipps erfährt der Leser alles, was er schon immer über die Kunstwelt wissen wollte, aber bisher nicht zu fragen wagte: saftige Delikatessen aus der Welt der Kunstberatung, Geschichten von Galeristenwohnungen mit schusssicheren Fenstern und von Oligarchen, die mit Bodyguards zum Künstler-Dinner erscheinen.

Den Christo gab es als Dankeschön für das Katzenhüten

Mit deren Art zu sammeln hat der Anwalt und Verleger Kagge, der selbst "zwischen 600 und 800" Arbeiten besitzt und einen Teil davon derzeit im Astrup-Fearnley-Museum in Oslo ausstellt, seine Probleme: "Ich will das gar nicht moralisch verurteilen, aber wer andere Leute für sich arbeiten lässt, endet mit einer langweiligen Sammlung, der es an Seele mangelt. Man kann mit weitaus weniger Geld etwas Interessanteres schaffen." Dass Kagge, der so unterschiedliche Künstler wie Raymond Pettibon, Tauba Auerbach oder Wolfgang Tillmans schätzt, auch beide Pole und den Mount Everest bezwungen hat, ist für ihn als Sammler hilfreich: Vorausdenken, Reisen mit leichtem Gepäck und seine Ängste hinter sich zu lassen ist im Kunstmarkt genauso wichtig wie Erfahrung im Umgang mit arktischen Temperaturen. Denn wer sich auf Dauer als Freibeuter im Markt bewegt und beim Flipping, dem schnellen Wiederverkauf von Kunstwerken zu spekulativen Zwecken, erwischt wird, darf sich auf einen frostigen Empfang in Galerien gefasst machen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

An ein ähnlich minder solventes Publikum war der erstmals 1970 veröffentlichte und 2008 von der Edition Taube wiederaufgelegte Klassiker Confessions of a Poor Collector gerichtet. Darin gibt Eugene M. Schwartz in klaren Worten sachdienliche Hinweise: bloß keine Nachahmer der eigenen Lieblinge kaufen, besser nach den schwierigen Positionen Ausschau halten, die auf den ersten Blick verblüffen. Immerhin gehe es darum, mit der Kunst der Gegenwart auch "Größe und Unsterblichkeit" einzusammeln.

Dorothy und Herbert Vogel dürfte dies in Ansätzen gelungen sein: Trotz ihrer mageren Einkünfte als Bibliothekarin und als Postbeamter versammelten die beiden New Yorker in bescheidenen zwei Zimmern innerhalb von 45 Jahren insgesamt 4782 Arbeiten mit den Schwerpunkten Minimalismus, Post-Minimalismus und Konzeptkunst. Ihr Geheimnis: Sie interessierten sich für Künstler schon, bevor diese berühmt waren, kauften auf Raten direkt im Atelier, ihren Christo bekamen sie als Dankeschön für das Katzenhüten.