DIE ZEIT: Herr Strolz, Herr Lindner, Sie beide treten mit dem Versprechen an, eine neue Art von Politik zu machen. Wie soll das gehen in einem System, das voller Zwänge ist? Sie können ja schlecht eine Revolution in Gang setzen.

Matthias Strolz: Wieso können wir keine Revolution starten?

Christian Lindner: Ich bin da der Meinung von Matthias. Wir möchten nicht mehr, dass der Staat ein Magnet ist, der die Menschen anzieht. Wir wollen, dass er die Menschen in die Eigenverantwortung bringt, durch beste Bildung und Entlastung von Bürokratie. Das ist ein Paradigmenwechsel, und dafür braucht es eine Art Revolution des Denkens.

ZEIT: Vergangene Woche scheiterte in Wien ein Asylgipfel, und es blieb einzig die Frage, wen Erwin Pröll nun beschimpft hat.

Strolz: Wenn ein Landeshauptmann hustet, fällt der Vizekanzler aus dem Sattel, so kann es nicht weitergehen. Da wird es eben tatsächlich eine Revolution brauchen. Diese Bundesregierung inklusive aller Landesfürsten scheitert an der überschaubaren Frage der Unterbringung von Asylwerbern.

ZEIT: Da geht Ihnen der Hut hoch?

Strolz: Ja, diese Bundesregierung in Österreich zeigt Managementversagen auf breiter Basis. Die sind zu nichts zu gebrauchen und stecken in ihren Strukturen fest. Das aufzubrechen, dafür stehen wir.

ZEIT: Sie schmunzeln, Herr Lindner?

Lindner: Weil ich das nachvollziehen kann. Wir beobachten die Neos seit der Gründung sehr genau, natürlich auch immer mit der Frage verbunden: Was können wir von denen lernen? Das Unverkrampfte, Lockere und diese Authentizität – auch wenn die FDP im Gegensatz zu den Neos natürlich eine Traditionspartei ist ...

ZEIT: Und seit Gründung der Bundesrepublik immer wieder in der Regierung saß.

Lindner: Da empfinde ich auch einen gewissen Stolz, ich will aus dem Erbe meiner Partei nicht austreten. An wesentlichen Wegmarken der Bundesrepublik wie der Bildungsexpansion und dem europäischen Binnenmarkt hat meine Partei maßgeblich mitgearbeitet. Ich bin auch ein großer Fan unseres politischen Systems, das viel mehr Wechsel ermöglicht als in Österreich. Hier können die Leute ja wählen, was sie wollen, und bekommen trotzdem immer fast dasselbe. Das unterscheidet die beiden Länder doch sehr.

ZEIT: Nach den Nationalratswahlen 2013 war Matthias Strolz nicht begeistert, wenn er mit der FDP verglichen wurde. Verstehen Sie das?

Lindner: Absolut. Die FDP, die 2013 abgewählt worden ist, hat mit den Neos nichts gemeinsam. Aber wir haben uns auf einen Weg der Selbstbefreiung von Ängstlichkeit und Opportunität gemacht, wir stellen nun ins Zentrum, was eine liberale Partei ausmacht.

ZEIT: Sie haben 2011 in einem Artikel in der FAZ beschrieben, was Liberalismus bedeutet ...

Lindner: Das ist jetzt das Programm meiner Partei.

ZEIT: Darin kommen Schlagwörter vor wie marktwirtschaftliche Ordnung, Fairness oder Emanzipation. Das sind doch Allgemeinplätze, die fast jede Partei in Wien oder Berlin unterschreiben würde.

Lindner: Einspruch, Euer Ehren! Dass dem nicht so ist, sehen Sie an den breiten parlamentarischen Mehrheiten zur Rücknahme wesentlicher Elemente der sogenannten Agenda 2010 oder zur Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Wir Liberalen wollen den Einzelnen groß machen, nicht den Staat.

Strolz: Auch in Österreich sehen wir jeden Tag, dass es eine liberale Partei braucht. Anfang Juli werden wir über das Staatsschutzgesetz abstimmen, mit dem ein Inlandsgeheimdienst geschaffen werden soll, der ohne parlamentarische Kontrolle arbeiten kann. Das ist ein Schlag ins Gesicht des Rechtsstaates. Der Bürger wird unter Generalverdacht gestellt. Der Staat weigert sich im Gegenzug, selbst transparent zu werden.