DIE ZEIT: Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk wollte sein Land auf schnellstem Weg modernisieren und gen Westen führen. Er forderte die Gleichberechtigung der Frau und kleidete sich wie ein britischer Gentleman. Ausgerechnet er soll Hitlers großes Vorbild gewesen sein?

Stefan Ihrig: Ja, denn der Blick der Nazis auf Mustafa Kemal war ein gänzlich anderer. Sie sahen in ihm den starken Mann, der sein Volk nach dem Ersten Weltkrieg gegen den Willen der Alliierten "befreit" und einen ethnisch homogenen Nationalstaat erschaffen hat. Für die Nazis war Atatürk, wie er seit 1934 genannt wurde, der Führer einer völkischen Erneuerungsbewegung, ein völkischer Modernisierer.

ZEIT: Die Anhänger der NSDAP und anderer völkischer Bewegungen habe nach 1919 ein regelrechtes "Türkenfieber" ergriffen, schreiben Sie in Ihrem Buch Atatürk in the Nazi Imagination. Woher rührte diese Begeisterung?

Ihrig: Im Ersten Weltkrieg war Deutschland mit dem Osmanischen Reich verbündet; die Geschichte dieser Militärkooperation reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Auslöser nach 1919 war der Beginn des türkischen Unabhängigkeitskrieges, in dem sich die Türkei gegen ihr Versailles, den Vertrag von Sèvres, aufgelehnt hat. Dieser Krieg dauerte bis 1923, fiel also genau mit den Gründungsjahren der NS-Bewegung zusammen. Auf die wirkte das türkische Beispiel natürlich elektrisierend: Da leistete ein "Volk" Widerstand, "mit der Waffe in der Hand", während man sich selbst unter der Knute von "Erfüllungspolitikern" wähnte. Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages wird Mustafa Kemal in der deutschen Presse das erste Mal erwähnt.

ZEIT: Wurde damals viel über die Türkei berichtet?

Ihrig: Ja, sehr viel – zumeist in Form von Kommentaren. Der türkische Befreiungskampf diente als Projektionsfläche für die eigenen nationalen Sehnsüchte. Was nicht ins Bild passte, wurde passend gemacht: etwa, dass die Kemalisten anfangs durch die Bolschewisten unterstützt wurde. Da war dann in der rechtsextremen deutschen Presse zu lesen, wie schlau Mustafa Kemal doch sei, die Bolschewisten einzuspannen für seinen Kampf. Großen Einfluss auf die Türkeibegeisterung hatte Hans Tröbst, ein Nazi der ersten Stunde und der wohl einzige ausländische Söldner im Dienst der Kemalisten Anfang der zwanziger Jahre. Nach seiner Rückkehr schrieb er eine Menge Zeitungsartikel über die Türkei – unter anderem eine mehrteilige Reihe im völkischen Kampfblatt Heimatland, beginnend im Sommer 1923.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

ZEIT: Kurz vor Hitlers Putschversuch ...

Ihrig: Die Serie endet tatsächlich nur zwei Wochen vor dem Münchner Bierkellerputsch vom 9. November. Da prangte auf der Titelseite des Blattes die Zeile "Her mit der Angora-Regierung!". Angora war die alte Schreibweise für Ankara. Wie Mustafa Kemal gegen die "Erfüllungspolitik" in Konstantinopel eine Gegenbewegung in Anatolien organisiert hatte mit Ankara als Zentrum, so sollte in Deutschland der Sturz von München ausgehen. München sollte das deutsche Ankara werden.

ZEIT: Wurde über Benito Mussolinis faschistische Bewegung ähnlich intensiv diskutiert? Denn wenn bisher jemand als Hitlers Vorbild galt, dann doch wohl der italienische "Duce" mit seinem "Marsch auf Rom" 1922.

Ihrig: Von 1922 an war Italien natürlich sehr präsent. Nicht selten wurden Mussolini und Atatürk auch zusammen erwähnt. Aber in der Frage "Was tun gegen das ›Diktat von Versailles‹?" war das türkische Modell lange Zeit interessanter. Die Türkei war eben auch ein Verlierer des Weltkriegs, während Italien nach anfänglichem Zögern an der Seite der Alliierten gekämpft hatte. Nach 1923 wurde Mussolini dann wichtiger, während die Türkei nicht mehr als brauchbares Vorbild galt. Ziel war nun eine legale Machtergreifung.