Jeder kann Nageldesigner werden. Der Beruf ist nicht geschützt, man kann ein YouTube-Tutorial anschauen und sich danach ein Zertifikat schicken lassen. Offiziell wird in Deutschland auch keine Statistik über Nagelstudios geführt, aber Terri Malon hat den wohl besten Überblick über die Szene.

"Man nennt mich auch den Dinosaurier", sagt die Geschäftsfrau. Seit 37 Jahren ist sie im Nagel-Business, zunächst in den USA, seit den neunziger Jahren hier. Vor elf Jahren gründete sie das Branchenmedium Prof Nail, das nicht nur über Beauty-Trends und den Nagelboom berichtet, sondern auch über die Missstände in der Branche. Malon schätzt die Zahl der Studios in Deutschland auf knapp 60.000. Fast zehn Prozent davon, glaubt sie, seien inzwischen in asiatischer Hand. Damit folgt Deutschland einer Entwicklung in den USA: Asiatische Anbieter erobern den Markt und drücken die Preise. Malon weiß auch, woher die meisten deutschen Billiganbieter ihre Werkstoffe beziehen – aus dem Dong Xuan Center in Berlin.

Ich besuche es. Die Leuchtreklame weist den Weg zu einem alten Industriegelände, einem Klein-Hanoi, verteilt auf sechs Markthallen, im Berliner Osten. Vietnamesische Händler verkaufen hier nachgemachte Handtaschen, Raubkopien von Computerprogrammen oder Plastikschuhe, zwischendrin reihen sich auch hier Friseure an Nagelstudios. Der Ort ist längst kein Geheimtipp mehr: Rentner, Hipster und Touristen kaufen hier ein, laufen herum, behängt mit riesigen Tüten. Männer gehen hier zum Friseur, Frauen haben oft frisch modellierte Nägel.

Im Viet Pho Street Kitchen vor einer der Hallen sitzen zwei von ihnen. Mit Stäbchen heben sie Nudeln und Hühnchenstücke von ihren Tellern. Die Fingernägel der einen, blonde Igelfrisur, sind pink lackiert und mit Glitzer verziert. Die andere – schwarze Igelfrisur – trägt french manicure und nur den Ringfingernagel als echten Hingucker in Metallicschwarz. Ob die beiden sich die Nägel hier modellieren lassen haben? Nein, rufen sie mir zu. Schnell stellt sich heraus: Sie sind selbst vom Fach.

"Mein Studio heißt Happy Nails – Happy wie glücklich", sagt die Brünette. "Meins Sunny Nails", sagt die Blonde. Bei ihnen kostet ein neues Nagelset 45 Euro. "Wir sind ja keen asiatisches Studio. Und unter uns, ick würde die Nägel hier nich machen lassen", sagt die Dunkelhaarige. "Neulich kam eine mit so ’na zerfetzten Nagelplatte zu mir. Da konnte ick nüscht mehr retten."

"Und was machen Sie dann hier?", frage ich. Einkaufen, antworten beide. Sie haben sich Lacke, Farben und Pinsel bei USA Nails gekauft, einem der Händler hier. Die Blonde, eigentlich aus Köln und zu Besuch bei ihrer Kollegin in Berlin, sagt jetzt schwärmerisch: "So was haben wir bei uns nicht, so eine Vielfalt. Wir können die Materialien sonst nur auf Messen kaufen."

Die Szene ist ziemlich undurchsichtig. Einer der Großhändler auf dem Dong-Xuan-Gelände, die Firma Maica, produziert in Deutschland. Sie ist regelmäßig auf mehreren Fachmessen vertreten und hat nach eigenen Angaben alle Produkte mit Methylmethacrylat aus dem Sortiment genommen. Andere Händler hier verkaufen jedoch nach wie vor Werkstoffe mit dem verdächtigen Methylmethacrylat. Man riecht es. Doch wer bei wem kauft, ist kaum herauszufinden.

Und es gibt wohl noch weitere Gründe für die Billigpreise der asiatischen Ketten und etlicher anderer Studios. "Das sind richtig mafiöse Strukturen", sagt Geschäftsfrau Malon, "die Mitarbeiter arbeiten oft schwarz." Schleuser brächten die Frauen aus Hanoi hierher, die dann von Studio zu Studio geschickt würden, bis sie genug Deutsch sprächen, um sich selbst durchschlagen zu können. Die Frauen verdienten oft nur drei bis vier Euro pro Stunde.

Ein Aussteiger aus der Szene bestätigt diese Angaben. Er stammt selbst aus Vietnam und besaß einige Nagelstudios in deutschen Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen – bis ihm der Preiskampf zu viel wurde und er die Arbeit aufgab. "Das Nagelset hat bei mir 49 Euro gekostet – mit den billigen Materialien", sagt er. Wer die Arbeit an den Nägeln für 20 Euro anbiete, könne nie auf seine Kosten kommen, geschweige denn faire Löhne samt Sozial- und Krankenversicherungsbeiträgen zahlen oder Steuern entrichten. Der Mann geht davon aus, dass ein Großteil der billigen Nagelstudios jenseits der Legalität arbeite. "Es wird zu wenig kontrolliert", sagt er.

Ob das stimmt? Ich frage beim Berliner Hauptzollamt nach. Das ist für den Kampf gegen Schwarzarbeit zuständig. Ich erfahre dort allerdings, dass man von Problemen mit Nagelstudios nichts wisse. Fast zeitgleich erscheint in der New York Times ein großer Bericht über die Ausbeutung von Nageldesignerinnen in New York City, der Welthauptstadt der asiatischen Studios. Und zugleich der Ort, von dem aus schon viele Trends ihren Anfang genommen haben.