Endlich soll die Kunst den Ausbruch wagen. Soll raus aus dem goldenen Käfig der liberalen Gesellschaft, rein ins wahre, schreckliche, unerbittliche Leben. Denn nur hier kann die Kunst zeigen, was sie vermag. Sie soll "reizen, anklagen und wehtun", sagt der Aktivist Philipp Ruch, der kürzlich mit einer Künstlergruppe, dem Zentrum für Politische Schönheit, vor dem Bundestag einige Gräber für ertrunkene Flüchtlinge ausheben ließ. Es braucht drastische Mittel, um drastisches Unrecht zu beheben, finden Ruch und seine Kollegen. Kein Zögern mehr und keine Selbstbespiegelung: Ihre Kunst ist Kunstmission.

"Wir müssen Duchamps Pinkelbecken in die Toilettenräume zurückschaffen", sagt die kubanische Künstlerin Tania Bruguera. Das soll heißen: Wenn überall auf der Welt neue politische Konflikte entflammen, darf die Kunst nicht zurückbleiben. So sehen es viele heute, auch der Theatermacher Milo Rau gehört zu ihnen, der in Moskau, im Kongo oder in Ruanda mit einem neuen Realismus die politischen Verhältnisse durchleuchtet.

Ein erstaunlicher Drang ins Politische erfasst weite Teile der Gegenwartskunst, mal gibt sie sich agitatorisch wie bei Ruch, mal ist sie nüchtern dokumentarisch wie bei Rau. Stets aber versucht sie sich der Welt zu öffnen, sodass manche bereits von einem "Artivismus" sprechen. Und wer wollte die Künstler nicht beglückwünschen? Die Welt ist in Not, und die Not zu wenden kann nicht verkehrt sein.

Allerdings gerät die Kunst, die den Käfig der Selbstzweckhaftigkeit verlässt, nur zu leicht in andere, weit perfidere Formen der Gefangenschaft. Sie stellt sich selbst die größten Fallen, und nicht selten schnappen sie zu, ohne dass es den Künstlern recht bewusst ist. Fünf dieser Fallen seien hier genannt.

Die Falle der Bevormundung: Wenn der Artivismus nicht sehr genau wüsste, was richtig und was falsch ist, dann gäbe es ihn nicht. Nur ein Künstler, der selbstgewiss vom Guten spricht, wird die nächste Kampagne planen und das nötige Geld eintreiben können. Er braucht eine aufklärerische Gesinnung. Wie aber wirkt diese Gesinnung, oft von Zorn getragen, auf jene, die von der Kunst erreicht, die mitgerissen und geläutert werden sollen? Sie wirkt zumeist wie nackte Bevormundung.

Spätestens seitdem Umberto Eco vor rund 50 Jahren den Begriff des offenen Kunstwerks prägte, ist das Publikum für vordergründige Belehrungen kaum mehr zu erreichen. Die Wahrheit entsteht erst im Auge des Betrachters, er wird zum Mitschöpfer, zum mündigen Mitkünstler. Der didaktisch agierende, selbstgewisse Künstler darf und kann jedoch auf solche Mündigkeit nicht viel geben. Das Publikum ist belehrungsbedürftig, es weiß nicht, was der Künstler weiß. Es muss erst – meist mit den Mitteln des Schocks – zur Wahrheit bekehrt werden. Der Künstler erhebt sich also über sein Publikum, er verneint die Geistesfreiheit. Und was tut das Publikum? Im Zweifel reagiert es allergisch – und immunisiert sich gegen die Anliegen der Kunst, wie gut und richtig diese auch seien. Es fühlt sich bedrängt und reagiert mit Verdrängung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Die Falle der Medialisierung: Der Artivismus braucht Rückhall, er braucht die Medien. Oft genug definieren sich Künstler, die ein politisches Anliegen verfolgen, über das mediale Echo; das Echo ist ihr Werk. Umgekehrt können sich die Medien sehr für den Artivismus begeistern, denn anders als eine karg formalistische Kunst oder eine Schöngeisterei, deren Nuancen nur Experten zugänglich sind, werden hier griffige Themen verhandelt. Der Artivismus ist anschlussfähig, er fügt sich ins gängige Debattenmuster, er folgt den Regeln der skandalisierenden Kampagne. Er bietet gute Geschichten, plakativen Ungehorsam und gehorcht damit dem Nützlichkeitsdenken der Mediengesellschaft. Dem politischen Anliegen der Künstler ist damit aber selten gedient. Gerade weil sie im Namen der Kunst auftreten, drängen in Fernseh- und Magazinberichten regelmäßig die ästhetischen Fragen in der Vordergrund: War die Inszenierung gelungen? Oder doch geschmacklos? Nicht selten ist die Empörung über die künstlerischen Mittel (Särge! Blut! Kreuze!) weit größer als die Empörung über die beklagten Missstände. Damit aber gerät der Artivismus in den Verdacht, das Elend anderer für die eigenen Zwecke auszubeuten und die Opfer der Not zu benutzen, um sich selbst Aufmerksamkeit zu verschaffen.