An einem Freitag vor wenigen Wochen wird Lutz Dittert, einem Mannheimer Händler für Bürobedarf, ein Kredit über 25. 000 Euro bewilligt – allerdings nicht von seiner Bank. Das Geld kommt von "CarloKühn1988", der 25 Euro gibt, von "Frau Leberwurst", die 250 Euro beisteuert, oder von "Stoapfalzer", der 50 Euro verleiht. Bei den meisten dieser und ähnlicher Namen handelt es sich um Pseudonyme, doch das Geld ist echt. Am Ende vertrauten Dittert 330 Kreditgeber ihr Geld an, im Durchschnitt gut 75 Euro. Binnen zwei Jahren muss der Unternehmer den Kredit nun abstottern. Der Zinssatz liegt bei 13,8 Prozent, die monatliche Tilgung bei 1.357,47 Euro.

Am selben Tag, an dem Lutz Dittert seine Zusage erhält, sitzt der Mann, der den Kredit vermittelt hat, gut gelaunt in seinem Büro auf der Düsseldorfer Kö. Philipp Kriependorf ist kein Banker, wie sich an seinem Outfit schnell erkennen lässt. Anstelle von Hemd und Anzug trägt er Jeans und T-Shirt. So ist es Usus bei den Fintechs, jenen kleinen, kreativen Firmen, die Banken seit zwei, drei Jahren das Fürchten lehren. Allerdings ist die deutsche Firma, die Kriependorf mit anderen gegründet hat, schon fast zehn Jahre im Geschäft.

Auxmoney, so der Name der Firma, ist eine Internetplattform, auf der Kredite "von gleich zu gleich" vermittelt werden. Angelsachsen sprechen vom Peer-to-Peer-Lending. Der Gedanke dahinter ist: Wenn Menschen wie Lutz Dittert Geld brauchen, warum sollen sie es sich dann nicht einfach bei anderen Menschen leihen, etwa bei "Frau Leberwurst"? Radikal zu Ende gedacht, mündet diese Idee in eine Welt, die ohne Banken auskommt, aber nicht auf Kredite und das mit ihnen erzeugte wirtschaftliche Wachstum verzichten muss. Es ist eine Idee, die gerade weltweit um sich greift. Schwärme privater Geldgeber finanzieren immer neue Projekte.

Da gibt es Anbieter, die Firmenkredite vermitteln, so wie Funding Circle, das in Großbritannien nach eigenen Angaben schon zu den fünf größten Finanzierern von Kleinbetrieben gehört. Daneben gibt es vor allem aber Plattformen wie Auxmoney, Lendico oder Bondora, die sich an private Kreditnehmer richten. Branchenprimus ist Lending Club in den USA, das Ende 2014 an die Börse ging und bereits Kredite im Umfang von rund zehn Milliarden Dollar vermittelt hat. Aktuell wird der Marktanteil dieser Plattformen am US-Kreditmarkt auf zwei Prozent geschätzt. Das klingt zunächst nach wenig, doch das Geschäft wächst rasend schnell. Schon in zehn Jahren könnte der Anteil 15 Prozent betragen, so die Investmentbank Goldman Sachs in einer jüngst veröffentlichten Studie.

Der Erfolg geht allerdings mit einer Entwicklung einher, in der viele eine Unterwanderung sehen: Je größer die Anbieter von Peer-to-Peer-Lending werden, desto weiter scheinen sie sich von ihrer ursprünglichen Idee zu entfernen. Zugespitzt gesagt: Die Wall Street dringt massiv ins Geschäft.

Gründer Philipp Kriependorf macht das an einer simplen Beobachtung fest. Einmal im Jahr findet in den USA die Lendit statt, die wichtigste Messe der jungen Branche. "Vor zwei Jahren waren da die Jeansträger noch klar in der Überzahl", erzählt Kriependorf, "letztes Jahr waren die Anzugträger schon nicht mehr zu übersehen." In diesem Jahr? "Hatten die meisten Anzüge Nadelstreifen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Die Eroberung der Branche durch die klassischen Finanzhäuser begann, als Fonds auf die Idee kamen, selber Kredite über die Plattformen zu vergeben – im Prinzip genauso wie "Frau Leberwurst", nur eben in anderen Größenordnungen. Als Erstes drangen renditehungrige Hedgefonds wie Eaglewood in das Geschäft. Sie legten bald die ersten speziellen Peer-to-Peer-Fonds auf, in die dann institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Family-Offices investieren konnten. Auch von Banken selber heißt es immer wieder, dass sie sich auf den P2P-Plattformen tummeln. In den USA komme das Geld inzwischen zu 80 Prozent von professionellen Investoren und nur noch zum geringen Teil von echten Peers, also von Privatleuten, schätzt der Chef einer europaweit aktiven Plattform.

Das Spielchen geht allerdings noch weiter. So erwarb Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt, Peer-to-Peer-Kredite in einem dreistelligen Millionenvolumen, bündelte sie zu neuen Wertpapieren und verkaufte diese Verbriefungen an andere Investoren weiter – ein Konstrukt, das spontan an die unseligen Zeiten von Hypothekenverbriefungen erinnert. Ähnliche Deals stielte die US-Investmentbank Jefferies ein. Dazu passt, dass Moody’s und S&P, zwei der großen Rating-Agenturen, mitmischen und erste Bündel von Peer-to-Peer-Krediten mit ihren Bonitätsnoten ausgestattet haben.