Ashton Kutcher war noch nie am Grünen See. Und doch ist der Hollywoodstar schuld daran, dass die Bewohner eines steirischen Hochgebirgstals jetzt ein Problem haben.

Plötzlich nämlich zieht es alle zum Grünen See im Tragößer Tal: Amerikaner, Japaner, Deutsche, Polen, Slowenen. Und die Österreicher sowieso. Sie kommen in Pkw und Bussen. Die einen wollen ihn sich nur einmal ansehen und an seinem Ufer spazieren gehen. Die anderen wollen in ihm tauchen. In sechs Grad kaltem, glasklarem Wasser. Denn das, was Ashton Kutcher so zum Schwärmen brachte, findet sich dort unten am Grund des Sees. Die Einheimischen sind auf diesen Ansturm nicht vorbereitet. Und auch keineswegs erfreut.

Von meinem Quartier bei Kapfenberg in der nördlichen Steiermark liegt der Grüne See 45 Minuten entfernt. Bei Bruck an der Mur biege ich von der Bundesstraße ab und fahre hinein ins Tal, passiere Untertal und Sankt Katharein, Niederdorf und Oberdorf, Unterort, Pichl-Großdorf und Oberort. Zwischen den Weilern und Dörfern ziehen sich Wiesen die Hänge hinauf, an den Feldrainen malen Hollerbüsche weiße Tupfen in die Landschaft. Ich sehe Bauernhöfe, verblasste "Zimmer frei"-Schilder und mächtig gemauerte Wirtshäuser, viele von ihnen verrammelt und verlassen. Die Zeit, in der das Tal eine beliebte Sommerfrische der Wiener und der Grazer war, liegt lange zurück.

Dafür sieht der riesige Parkplatz hinter Oberdorf, auf dem ich mein Auto abstelle, überraschend neu aus. Ich wandere die letzten zehn Minuten zu Fuß über moosige Wege. Ein bisschen bergauf, bergab. Ein Waldidyll. Stille, Vogelgezwitscher. Und schließlich sehe ich es zwischen den Fichtenstämmen blitzen und funkeln. Der Grüne See!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Der Grüne See? Nein, es ist nur ein weiterer Parkplatz, nahe am Ufer, beim Gasthaus Seehof. Das Funkelnde, das waren Autos. Taucher dürfen – anders als Spaziergänger – bis hierher fahren. Auch den Reisebussen ist es erlaubt, ihre Fahrgäste bis direkt an den See zu bringen. Es ist Samstag, noch nicht halb zehn morgens, aber das bunte Blech steht schon dicht an dicht. Ich zähle 50 Autos und drei große Reisebusse. Ich sehe Taucher, die sich zwischen den Autos in ihre Neoprenanzüge zwängen, ich sehe die Busgesellschaften, die an langen Tischen auf der Gasthausterrasse Eiskaffee löffeln.

Und jenseits von Parkplatz und Terrasse, nur ein paar Meter entfernt vom ganzen Trubel, liegt er dann doch noch vor mir, der Grüne See.

Eine tatsächlich smaragdene Fläche, in der sich die Fichten ringsum spiegeln. Nach rechts macht der See einen Bogen und verliert sich im Dunkel der Bäume, dahinter schießt eine Kalkfelswand hoch in den Himmel, an ihrer Spitze gezackt und schroff. Die Oberfläche des Sees ist durchsichtig wie frisch poliertes Glas. Schwer abzuschätzen, wie tief das Wasser ist. Und das Grün, das kommt nicht nur von den Fichten, die sich spiegeln. Das ist auch der Seegrund, der heraufleuchtet, eine Wiese, Moos, Gebüsch.

Denn der Grüne See entsteht in jedem Frühjahr neu. Dann schmilzt der Schnee auf den umliegenden Bergen, das Schmelzwasser versickert im Kalkgestein und tritt wieder zutage in dieser Senke, die in Vorzeiten durch einen Felssturz entstanden ist. Aus einer Pfütze wird dann ein See, bis zu zehn, elf Meter tief. Die Wanderwege, das hölzerne Brücklein, die Bänke zum Rasten versinken im Wasser. Für höchstens drei, vier Monate bleibt das so. Und weil das Wasser auf dem Weg durch den Karst gefiltert wird, ist es so klar.

Seit Langem galt der See deshalb als Geheimtipp unter Flaschentauchern. Vor zwei Jahren gewann ein Schweizer Fotograf mit ein paar besonders schönen Unterwasserbildern den Wettbewerb eines amerikanischen Reisemagazins. Diese Fotos bekam der Schauspieler Ashton Kutcher – bekannt aus der Serie Two and a Half Men und als Exmann von Demi Moore – zu sehen. Und war fasziniert. Ohne jemals am See gewesen zu sein, postete er die Aufnahmen auf seiner Facebook-Seite und schrieb dazu etwas von einem im Wasser versunkenen park in Austria und dem real-life Atlantis.