Nachttisch mit Schlaftabletten: Derzeit wird über eine Neuregelung der Suizidbeihilfe diskutiert. ©  Oliver Berg/dpa

Haben Sie schon einmal am Bett eines Angehörigen gestanden, der sich vor Schmerzen windet und nur eines will: dass der Schmerz aufhört? Die Morphiumspritzen liegen auf dem Nachttisch bereit. Aber würden Sie das Risiko eingehen, eine tödliche Überdosis zu spritzen? Eben.

Im Streit um die Sterbehilfe wird gelegentlich so getan, als seien wir eine Gesellschaft potenzieller Mörder, die nur darauf warten, dass ein Unglücklicher um Sterbehilfe bittet. Wenn am Donnerstag dieser Woche der Bundestag in erster Lesung über ärztlich assistierten Suizid debattiert, sollten die Abgeordneten eines bedenken: Die Debatte der letzten Monate lebte auch von einer Unterstellung. Einige Ethiker und Theologen erinnerten uns tatsächlich an das Tötungsverbot, so als wollten Angehörige, Ärzte und Sterbehilfevereine es dringend übertreten. In Wahrheit haben wir das Verbot internalisiert. Wir wollen nicht töten. Wir riskieren keine Überdosis Morphium. Die meisten von uns würden ihrem Nächsten, mag er noch so leiden, nicht einmal beim Freitod assistieren, indem sie etwa ein tödliches Medikament besorgen.

Das betrifft auch die deutschen Ärzte, von denen die Statistik sagt: Die Mehrheit würde im Ernstfall gern Sterbehilfe für sich in Anspruch nehmen, genau wie die Mehrheit aller Deutschen. Aber die meisten Ärzte möchten lieber keine Sterbehilfe leisten. Das ist menschlich verständlich, doch es kann unmenschliche Folgen haben. Mit welchem Recht verweigert unsere Gesellschaft einem Sterbewilligen den legalen Zugang zu einem tödlichen Medikament? Und geht es uns dabei um das Wohl des Sterbenden oder doch nur um uns selbst, um unseren Seelenfrieden?

Weiterleben kann manchmal grausam sein. Deshalb muss der Bundestag Ende des Jahres entscheiden: Darf ein Bürger unseres Landes mit legaler ärztlicher Hilfe sterben, wenn er sterben will? Oder muss er sich aus dem Fenster stürzen, vor den Zug werfen und was der drastischen Todesarten mehr sind? Droht Gefahr von organisierten Sterbehelfern und wenn ja, wie schränken wir diese Gefahr ein, ohne das Selbstbestimmungsrecht zu verletzen? Es geht hier ja nicht darum, dass ein "Helfer" über den Todeszeitpunkt eines anderen Menschen entscheidet. Es geht lediglich darum, ob der Freitod in einem freien Land eine freie Option ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Für den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf war das nicht so. Als er sich im Jahr 2013 mit einer Smith & Wesson erschoss, wählte er eine Todesart, die so unerbittlich war wie seine Krankheit, ein Hirntumor. Aber vielleicht hätte der 48-Jährige es doch vorgezogen, vom Arzt seines Vertrauens einen tödlichen Cocktail zu bekommen? Diese zivile Möglichkeit war zum Zeitpunkt seines Selbstmords nur theoretisch vorhanden. Denn der ärztlich assistierte Suizid ist derzeit in Deutschland zwar strafrechtlich nicht bewehrt, aber der betreffende Arzt kann seine Approbation verlieren. Die Situation ist absurd: Sterbehilfe ist nicht verboten, aber kein Arzt kann daran interessiert sein zu helfen.

Und was ist mit denen, die nicht krank sind, aber sterben wollen? Jean Améry, der als Jude mehrere Konzentrationslager überlebte und sich 1978 umbrachte, schrieb in seinem Essay Hand an sich legen : "Der Freitod ist ein Privileg des Humanen." Solche Sätze sind in der heutigen Sterbehilfedebatte rar. Vielleicht würde es die Debatte etwas menschenfreundlicher machen, wenn vom Wunsch zu sterben nicht so oft als Gefahr, sondern als Not die Rede wäre. Diese Not kann jeden jederzeit betreffen.