Es ist zwei Uhr, die Mittagssonne knallt auf den Strand vor dem Hotel Imperial Marhaba in El Kantaoui, nahe der Provinzhauptstadt Sousse. Dutzende ausländische Journalisten, etwa 50 Tunesier und ein paar Touristen sind zur Trauerkundgebung erschienen. Vertreter der Stadt oder des Hotelmanagements sieht man nicht. Dann nähert sich eine Karawane von Dromedaren und röhrenden Quads, auf denen Urlauber in Badekleidung sitzen, tunesische Flaggen schwenken und "Hoch lebe Tunesien!" rufen. Sie zieht vorbei an den wieder ordentlich aufgereihten Plastikliegen, auf denen zwei Tage zuvor 38 Urlauber erschossen wurden.

Der aus Tunis angereiste Sofiène Bel Haj wundert sich: "Wo sind unsere Eliten, Künstler, Kreativen, unsere Engagierten?" Auch ihm, dem jungen Aktivisten der Revolution von 2011, ist aufgefallen, dass das Land eigentümlich reagiert. Keine Staatstrauer, keine Flaggen auf halbmast, auch keine Massenkundgebungen. Es ist, als habe sich die Zivilgesellschaft, die einen Diktator und mehrere Regierungen stürzte, in Luft aufgelöst.

Eine ganze Generation hatte den Vorhang beiseitegezogen und den Blick auf ihr Land freigelegt – nun sieht sie, dass sie weder mehr Gerechtigkeit erkämpft hat noch das Ende von Korruption, Bürokratie und Polizeigewalt. Wo einst Enthusiasmus war, ist nun Müdigkeit. Was können Kundgebungen überhaupt ausrichten? Gar eine gegen den Terror? Mit welcher Forderung denn?

Der Rückzug der tunesischen Bürger aus der Politik ist eine schlimme Nachricht, denn gerade jetzt bewegt sich ihr Land auf einen unbekannten Zustand zu: Die Wirtschaft verfällt – bis auf die Schattenwirtschaft, die dem Staat Millionenbeträge entzieht; der versinkt in Schulden, Streiks lähmen das Land, und der Sicherheitsapparat steht dem Terror hilflos gegenüber.

Lesen Sie dazu auch: "Wo kann man noch hin? Das südliche Mittelmeer nach dem Anschlag in Tunesien" in der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Wie sehr, das zeigte sich am vergangenen Freitag, als Seifeddine Rezgui den Hotelstrand betrat. Augenzeugen zufolge legte der 23-Jährige gemessenen Schritts gut 200 Meter zurück, während er auf die Badegäste schoss. Dann ging er ohne Hast zum Pool, zur Rezeption, in den ersten Stock, anschließend wieder ins Erdgeschoss, zurück zum Strand, schließlich in eine Seitenstraße; fast eine halbe Stunde lang mordete er ungehindert. Polizeibeamte waren zwar in der Nähe, bewachten aber nicht die Hotels, sondern suchten in den Cafés nach Einheimischen, die sich nicht an das Fastengebot des Ramadan hielten. Einige Hotelangestellte wählten 197, die Telefonnummer für den Terroralarm. Sie soll unbesetzt gewesen sein.

Als dann der erste Uniformierte am Strand erschien, soll er es nicht gewagt haben, seine Waffe zu benutzen. Schließlich kamen Einsatzkräfte, die den Massenmörder erschossen. Die Suche nach seinem Handy begann, Rezgui hatte es ins Wasser geworfen. Es wurde gefunden. Und was taten die Polizeischwimmer nun? Sie machten stolz ein Selfie von sich und ihrem Fund und stellten das Foto ins Internet. Profis.

"Die Sicherheitskräfte waren unter dem Diktator Ben Ali darauf spezialisiert, das Volk ruhigzuhalten. Den neuen Aufgaben dagegen sind sie nicht gewachsen", sagt Farah Hached. Die 39-jährige Juristin analysiert die Polizei seit vielen Jahren und bildet auch Offiziere aus. In der Tat besaß bis zur Revolution im Prinzip nur der Staat Waffen und verteidigte sein Gewaltmonopol eisern, wenn es durch Attacken infrage gestellt wurde. Doch seit 2011 werden Kalaschnikows zu Zehntausenden ins Land geschmuggelt, Tausende Tunesier schlossen sich dem Dschihad in Libyen oder Syrien an, Hunderte kehrten kriegserfahren zurück. Zu den nach 2011 freigelassenen Gefangenen gehörten auch gewalttätige Islamisten, die anschließend Netzwerke von IS und Al-Kaida aufbauten, Waffenlager und Rückzugsräume anlegten, Moscheen für ihre Hassprediger kaperten.

Alles sehr effizient. Anders als der Sicherheitsapparat. Die Kontrollen am Flughafen von Tunis beispielsweise sind Staffage, kein piepsender Detektor lässt die Beamten aufblicken. Vor einem Hotel im feinen Vorort La Marsa steht ein Polizist; seine Aufmerksamkeit gilt dem Smartphone. Ein anderer hält ein Fahrzeug mit libyschem Kennzeichen an und lehnt sich bequem an die Karosserie, von Vorsicht keine Spur.