Die staatlichen Universitäten verkörpern in starkem Maße diejenigen Werte, welche in der Gesellschaft einer Zeit und eines Landes herrschen. Um die von der ZEIT beklagten Veränderungen der deutschen Universitäten zu begreifen, wird man sie also als Symptome gewandelter gesellschaftlicher Wertvorstellungen analysieren müssen. Welche für die Universitäten grundlegenden Werte haben sich verändert? Wenigstens fünf lassen sich nennen: Bildung, Selbstständigkeit, Geist, Freiheit und Leistung.

Allgemeine Bildung hat an gesellschaftlichem Ansehen verloren. Das Bildungsbürgertum als wertprägende Schicht des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist durch die nationalsozialistischen und kommunistischen Diktaturen, die Weltkriege und die materialistische Orientierung der modernen Industriegesellschaft und nicht zuletzt durch den teilweisen Verrat an den eigenen Überzeugungen bis auf geringe Reste dezimiert worden. Die neue Sehnsucht nach Bürgerlichkeit richtet sich mehr auf äußere Güter und Verhaltensweisen, also schöne Gärten, handwerklich qualitätsvolle Haushaltsgegenstände, gute Manieren. Sie zielt weniger stark auf Bildung als wesentlichen Bestandteil eines gelungenen menschlichen Lebens. Für Kant sollte noch jeder Mensch unter einer ethischen Pflicht stehen, sich selbst zu vervollkommnen, und zwar vor allem seine Geistes- und Seelenkräfte, und dies um seiner selbst willen. Die bildungsbürgerlichen Werte übten für 150 Jahre auf alle gesellschaftlichen Gruppen eine hohe Anziehungskraft aus und veranlassten etwa die Gründung von Arbeiterbildungsvereinen und Volkshochschulen. Heute sind an ihre Stelle die Werte der Spaß-, Event- und Shoppinggesellschaft getreten. Auch die staatlichen Universitäten sollen Spaß und Erlebnis bieten, in "Kinder-Unis" wie im normalen Studium. Die Vorlesung mutiert folglich nicht selten zur PowerPoint-Show mit Videosequenzen. Die Studierenden wollen heute seltener an der Universität Bildung erwerben, sondern vor allem eine schnelle und effiziente Ausbildung erhalten, um einen gut dotierten Job zu finden.

Das entscheidende Studienziel war vormals aber nicht vorrangig abprüfbares Wissen, sondern die Begeisterung und Befähigung zur selbstständigen Wertschätzung und Aneignung neuer Erkenntnisse. Wer heute an den Universitäten nicht nur Studierende, sondern sogar Doktoranden bei jedem Schritt "betreuen" will, raubt ihnen die Chance zum Erwerb des Wertvollsten, das die Universität ihnen geben kann: geistige Selbstständigkeit und damit Freiheit. Selbstverständlich war es gerade diese geistige Selbstständigkeit, welche dann im Beruf als unabdingbar angesehen wurde, um mehr zu sein als ein bloßes Rädchen in den diversen gesellschaftlichen Systemen. Aber eine Gesellschaft, die vor allem nach Funktionsträgern verlangt, kann die früher durch die Universitäten vermittelte geistige Selbstständigkeit unabhängiger Menschen nicht mehr in gleichem Maße schätzen.

Die immer geringere gesellschaftliche Wertschätzung von Bildung hängt mit dem Rückgang der positiven Bewertung eines geistigen Lebens insgesamt zugunsten materialistischer Wertvorstellungen zusammen. Während früher die zumindest partiell geistige Lebensform des Professors, aber auch die des Lehrers, Pfarrers, Richters hohes Ansehen genoss und für viele als Lebensideal galt, sind es heute Schauspieler, Fußballspieler, Fernsehköche, Unternehmer und sonstige Prominente, die möglichst viel Geld verdienen, welche für die meisten die Leitbilder und die höchste Lebenserfüllung eines Menschen verkörpern. Gerhard Schröder hat diese zurückgehende Wertschätzung eines zumindest partiell geistigen Lebens besonders prägnant zum Ausdruck gebracht, indem er Lehrer 1995 als "faule Säcke" bezeichnet und im Wahlkampf 2005 den Kandidaten der Opposition für ein Ministeramt, Paul Kirchhof, allein durch die Bezeichnung "der Professor aus Heidelberg" abgekanzelt hat. Diese Abwertungen wären nicht politisch erfolgreich gewesen, würden sie nicht einen gesellschaftlichen Wertewandel widerspiegeln.

Zugleich sind die Werte der Gleichheit und der Sicherheit immer wichtiger geworden. Bundesweit gilt: Die Universität soll in immer höherem Masse gesellschaftliche Ziele der Gleichstellung realisieren. Das Abitur wird von manchen als Studienvoraussetzung als diskriminierend erachtet und durch immer mehr Ausnahmen durchlöchert. Selbst schwache Studierende können sich erfolgreich durch die einzelnen Module arbeiten, weil nur wenige Dozenten so herzlos sein werden, eine größere Anzahl von Studierenden endgültig in einer Lehrveranstaltung durchfallen zu lassen. Das unausgesprochene Ziel ist der Hochschulabschluss für alle, weil sonst ungleiche Lebenschancen erzeugt werden. Dazu kommt die Freiheitsrelativierung durch die politisch oktroyierten Gleichstellungs- und Diversitätsprogramme.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Relativiert wird so nicht nur der Wert der Freiheit, sondern partiell auch der Wert der Leistung. Wissenschaftler werden heute mit steigender Tendenz nach Anpassungsfähigkeit an die Funktionsimperative des Uni-Betriebs, nach Gewandtheit in der Drittmittelakquise, nach Kompatibilität mit den Kollegen oder nach politischer Vermittelbarkeit berufen. Die Publikationsleistung hat an Bedeutung verloren. Bewerber berichten davon, dass sie in Berufungsverfahren ihre Bücher in ungeöffnetem Zustand von den Berufungskommissionen zurückerhalten haben. Die Habilitation durch die Juniorprofessur zu ersetzen, prämiert zumindest in den Geisteswissenschaften das Netzwerken, Organisieren und Drittmitteleinwerben, während die Qualität und Originalität der Schriften an Stellenwert eingebüßt hat.

Man kann nicht erwarten, dass sich die staatlichen Universitäten in Deutschland dem geschilderten gesellschaftlichen Wertewandel dauerhaft entziehen können. Das soll kein Aufruf zur Resignation sein: Man sollte die geschilderten Werte so weit wie möglich verteidigen, um die negative Veränderung der Universitäten wenigstens ein Stück weit aufzuhalten und einen Rest dessen zu bewahren, was die Universitäten über Jahrhunderte waren und zum Wohle aller in einer Gesellschaft immer noch sein können. Und man kann auf private Stifter oder einsichtige Politiker hoffen, die Universitäten wollen, die wieder stärker den Werten von Bildung, Selbstständigkeit, Geist, Freiheit und Leistung verpflichtet sind – geleitet von der Einsicht, dass so das Leben aller Menschen in unserer Gesellschaft bereichert werden würde.