Es geschah an einem dieser Tage, die besonders viel Zukunft versprechen. Weil ein Aufbruch ansteht. Weil Menschen ihren Alltag verlassen. Und sei es nur, um in den Urlaub zu fahren wie das Ehepaar Mager und die Familie Brecht.

An jenem 10. August 2014 verkündet der Moderator des Bayerischen Rundfunks Temperaturen "absolut im Sommerbereich", 28 bis 31 Grad. Die ferienfrohe Stimme des Sprechers wird eingefangen von den Antennen Tausender Autos, die an diesem Sonntag in den Süden rollen, Fahrzeugkolonnen, die der Zufall zusammenführt und wieder auseinanderzieht, ein sich langsam verdichtender Strom aus Vorfreude und Ungeduld, in dem auch die Magers mit ihrem Wohnwagen treiben, auf der Autobahn 3 in Richtung Österreich. Einige Kilometer dahinter, langsam aufholend, die Brechts in ihrem Opel Zafira. So passieren sie Regensburg, Straubing, Deggendorf. Routine.

Um 11.30 Uhr meldet der Verkehrsfunk hier und da "Stau" und "stockenden Verkehr", es scheint ein ganz normaler Reisetag zu werden. In den beiden Wagen sitzen die Männer am Steuer. Sie können nicht wissen, dass in diesem Augenblick wenige Kilometer vor ihnen ein 79 Jahre alter, offenbar verwirrter Rentner falsch auf die Autobahn einbiegt. Sie ahnen nicht, dass sie und ihre Mitfahrer in wenigen Minuten Thema in einer Kaskade von Agenturmeldungen sein werden. EILINFO: Falschfahrer auf Autobahn A 3. UPDATE 1: Zwei Tote und vier Schwerverletzte. UPDATE 2: Falschfahrerunfall fordert drittes Todesopfer. UPDATE 3: Viertes Todesopfer. Denn kurz hinter Passau, auf Autobahnkilometer 613,200, splittert Glas, zerreißt Metall, platzen Organe, verlässt das Leben grotesk verrenkte Körper. An mehreren Orten in Deutschland bleiben Einfamilienhäuser zurück, in die nach den Ferien kein Mensch zurückkehren wird.

Was sich am 10. August 2014 auf der Autobahn 3 abspielt, ist eine Tragödie, wie sie stets jemand anderen zu treffen scheint in einem Land, in dem die Bürger Tag für Tag 120 Millionen Autofahrten antreten und Jahr für Jahr 709 Milliarden Kilometer zurücklegen. Ein Unfall? Bleibt für die Mehrheit eine Meldung im Verkehrsfunk, ein Stau von einer Stunde, dann Blaulicht und Abschleppwagen, zerbeultes Blech am Straßenrand. Ein unglücklicher Einzelfall. So wirkt es immer auf den ersten Blick.

Warum ein alter Mann zum Geisterfahrer wird: Die Kollision auf der A 3 hat nur wenige Menschen zurückgelassen, die Auskunft geben können. Weil man Tote nicht fragen kann, ob sie etwas gegen die Preisgabe ihrer Identität einzuwenden haben, sind die Namen aller Unfallbeteiligten geändert. So sind es vor allem die wenigen Überlebenden, Angehörige und Augenzeugen, Polizisten und Notärzte, mit deren Hilfe sich rekonstruieren lässt, was zum Unglück führte und was daraus folgt: dass neben übermütigen Jungen auch immer mehr überforderte Alte im Verkehr zu einer Gefahr für sich und andere werden. Dass aus der lebenslangen Liebe der Deutschen zum Auto manchmal eine tödliche Abhängigkeit wird. Und dass kaum jemand im Land sich traut, dieses Problem anzugehen. Oder es auch nur anzusprechen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Als Eckhard und Elfriede Mager an jenem Morgen in den Urlaub aufbrechen, ist es exakt halb neun. Eckhard Mager ist pensionierter Lehrer für Mathematik, Physik und Sport, er und seine Frau verreisen stets nach Plan: In den Tagen vor der Abfahrt sind sie eine Checkliste durchgegangen, haben die Lichter an ihrem Wohnwagen überprüft, in ihrem Haus das Wasser abgedreht, Telefon und Fernseher ausgestöpselt, die Gartenmöbel festgezurrt, sogar die Fußmatten vor der Haustür weggeräumt, damit kein Sturm sie fortträgt. Die Magers haben nichts dem Zufall überlassen, als sie aus Lichtenfels in Oberfranken losfahren. Ihr Ziel ist das Burgenland in Österreich, ein Campingplatz am Neusiedler See. Seit Jahren verbringen sie ihren Sommerurlaub auf Stellplatz 214. Wenn irgendetwas anders ist an diesem Tag, dann bloß, dass Eckhard Mager Geburtstag hat. Er wird 65 Jahre alt . Während der Reise nimmt Magers Frau am Handy die Geburtstagsgrüße entgegen. Von Lichtenfels bis zur Unfallstelle sind es 314 Kilometer.

Etwa eine Stunde später machen sich etwas weiter südöstlich, in einem Dorf nahe Bayreuth, die Brechts in ihrem Opel Zafira auf den Weg. Im Wagen sitzen vier Personen: Ralph und Silke Brecht, ein Ehepaar im Alter der Magers, dazu Silkes Vater Gerd Brose und Eva Lohmann, eine Nachbarin, beide 85. Die zwei haben vor Kurzem ihren Führerschein abgegeben, weil sie sich dem Verkehr nicht mehr gewachsen fühlten – und weil es die Brechts gibt. In ihrem Dorf gelten die vier als eine Art Generationenprojekt: Die Jungen kaufen für die Alten ein, bringen sie zum Arzt, fahren sie zu Chorproben im Gemeindehaus. Ralph Brecht ist ein Kümmerer, der immer das passende Werkzeug parat hat, Silke Brecht schneidet Eva Lohmann die Haare. Einmal in der Woche spielt die Runde Schafkopf. Und einmal im Jahr fahren die vier in die Berge, nach Österreich. Ralph Brecht ist Mitglied im Alpenverein, ein Hüttenwanderer. Seine Frau Silke, eher häuslich, bleibt lieber im Tal. Vor der Abfahrt gießt sie zu Hause noch einmal ihre Orchideen und bezieht für den Tag der Rückkehr die Betten. Bis zur Unfallstelle sind es 270 Kilometer.

Wann genau der 79-jährige Karl Brunner, daheim im Landkreis Passau, in seinen blauen Audi steigt und welches Ziel er hat, vermag heute niemand mehr zu sagen, was auch daran liegt, dass Brunner unverheiratet ist, kinderlos und viel allein. Vermutlich will er das gute Wetter nutzen und den kurzen Weg zum Fluss nehmen, an dem er häufig sitzt und angelt. Oder einen Gasthof ansteuern, wie Wochen zuvor, als er beim Ausparken einen Zaun rammte, was die Polizei für eine Bagatelle hielt. Sicher ist nur: Neben ihm im Wagen sitzt seine greise Schwester Anne. Von Brunners Zuhause bis zur Unfallstelle sind es 20 Kilometer.

Laut Polizeibericht ist es 11.31 Uhr, als Brunner an der Auffahrt Pocking auf die falsche Spur gerät. Warum? Symmetrisch schön wie eine Schleife liegt die Auffahrt zwischen flachen Feldern, nichts verbaut den Blick. Bemerkenswert an diesem Ort ist nur, dass die bayerische Regierung Falschfahrer-Tafeln aufgestellt hat, wie sie aus Österreich bekannt sind: eine schwarze Hand auf gelbem Grund, dazu die Wörter "Stop" und "Falsch". Wie konnte Brunner sich vertun?