Es geschah an einem dieser Tage, die besonders viel Zukunft versprechen. Weil ein Aufbruch ansteht. Weil Menschen ihren Alltag verlassen. Und sei es nur, um in den Urlaub zu fahren wie das Ehepaar Mager und die Familie Brecht.

An jenem 10. August 2014 verkündet der Moderator des Bayerischen Rundfunks Temperaturen "absolut im Sommerbereich", 28 bis 31 Grad. Die ferienfrohe Stimme des Sprechers wird eingefangen von den Antennen Tausender Autos, die an diesem Sonntag in den Süden rollen, Fahrzeugkolonnen, die der Zufall zusammenführt und wieder auseinanderzieht, ein sich langsam verdichtender Strom aus Vorfreude und Ungeduld, in dem auch die Magers mit ihrem Wohnwagen treiben, auf der Autobahn 3 in Richtung Österreich. Einige Kilometer dahinter, langsam aufholend, die Brechts in ihrem Opel Zafira. So passieren sie Regensburg, Straubing, Deggendorf. Routine.

Um 11.30 Uhr meldet der Verkehrsfunk hier und da "Stau" und "stockenden Verkehr", es scheint ein ganz normaler Reisetag zu werden. In den beiden Wagen sitzen die Männer am Steuer. Sie können nicht wissen, dass in diesem Augenblick wenige Kilometer vor ihnen ein 79 Jahre alter, offenbar verwirrter Rentner falsch auf die Autobahn einbiegt. Sie ahnen nicht, dass sie und ihre Mitfahrer in wenigen Minuten Thema in einer Kaskade von Agenturmeldungen sein werden. EILINFO: Falschfahrer auf Autobahn A 3. UPDATE 1: Zwei Tote und vier Schwerverletzte. UPDATE 2: Falschfahrerunfall fordert drittes Todesopfer. UPDATE 3: Viertes Todesopfer. Denn kurz hinter Passau, auf Autobahnkilometer 613,200, splittert Glas, zerreißt Metall, platzen Organe, verlässt das Leben grotesk verrenkte Körper. An mehreren Orten in Deutschland bleiben Einfamilienhäuser zurück, in die nach den Ferien kein Mensch zurückkehren wird.

Was sich am 10. August 2014 auf der Autobahn 3 abspielt, ist eine Tragödie, wie sie stets jemand anderen zu treffen scheint in einem Land, in dem die Bürger Tag für Tag 120 Millionen Autofahrten antreten und Jahr für Jahr 709 Milliarden Kilometer zurücklegen. Ein Unfall? Bleibt für die Mehrheit eine Meldung im Verkehrsfunk, ein Stau von einer Stunde, dann Blaulicht und Abschleppwagen, zerbeultes Blech am Straßenrand. Ein unglücklicher Einzelfall. So wirkt es immer auf den ersten Blick.

Warum ein alter Mann zum Geisterfahrer wird: Die Kollision auf der A 3 hat nur wenige Menschen zurückgelassen, die Auskunft geben können. Weil man Tote nicht fragen kann, ob sie etwas gegen die Preisgabe ihrer Identität einzuwenden haben, sind die Namen aller Unfallbeteiligten geändert. So sind es vor allem die wenigen Überlebenden, Angehörige und Augenzeugen, Polizisten und Notärzte, mit deren Hilfe sich rekonstruieren lässt, was zum Unglück führte und was daraus folgt: dass neben übermütigen Jungen auch immer mehr überforderte Alte im Verkehr zu einer Gefahr für sich und andere werden. Dass aus der lebenslangen Liebe der Deutschen zum Auto manchmal eine tödliche Abhängigkeit wird. Und dass kaum jemand im Land sich traut, dieses Problem anzugehen. Oder es auch nur anzusprechen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 02.07.2015.

Als Eckhard und Elfriede Mager an jenem Morgen in den Urlaub aufbrechen, ist es exakt halb neun. Eckhard Mager ist pensionierter Lehrer für Mathematik, Physik und Sport, er und seine Frau verreisen stets nach Plan: In den Tagen vor der Abfahrt sind sie eine Checkliste durchgegangen, haben die Lichter an ihrem Wohnwagen überprüft, in ihrem Haus das Wasser abgedreht, Telefon und Fernseher ausgestöpselt, die Gartenmöbel festgezurrt, sogar die Fußmatten vor der Haustür weggeräumt, damit kein Sturm sie fortträgt. Die Magers haben nichts dem Zufall überlassen, als sie aus Lichtenfels in Oberfranken losfahren. Ihr Ziel ist das Burgenland in Österreich, ein Campingplatz am Neusiedler See. Seit Jahren verbringen sie ihren Sommerurlaub auf Stellplatz 214. Wenn irgendetwas anders ist an diesem Tag, dann bloß, dass Eckhard Mager Geburtstag hat. Er wird 65 Jahre alt . Während der Reise nimmt Magers Frau am Handy die Geburtstagsgrüße entgegen. Von Lichtenfels bis zur Unfallstelle sind es 314 Kilometer.

Etwa eine Stunde später machen sich etwas weiter südöstlich, in einem Dorf nahe Bayreuth, die Brechts in ihrem Opel Zafira auf den Weg. Im Wagen sitzen vier Personen: Ralph und Silke Brecht, ein Ehepaar im Alter der Magers, dazu Silkes Vater Gerd Brose und Eva Lohmann, eine Nachbarin, beide 85. Die zwei haben vor Kurzem ihren Führerschein abgegeben, weil sie sich dem Verkehr nicht mehr gewachsen fühlten – und weil es die Brechts gibt. In ihrem Dorf gelten die vier als eine Art Generationenprojekt: Die Jungen kaufen für die Alten ein, bringen sie zum Arzt, fahren sie zu Chorproben im Gemeindehaus. Ralph Brecht ist ein Kümmerer, der immer das passende Werkzeug parat hat, Silke Brecht schneidet Eva Lohmann die Haare. Einmal in der Woche spielt die Runde Schafkopf. Und einmal im Jahr fahren die vier in die Berge, nach Österreich. Ralph Brecht ist Mitglied im Alpenverein, ein Hüttenwanderer. Seine Frau Silke, eher häuslich, bleibt lieber im Tal. Vor der Abfahrt gießt sie zu Hause noch einmal ihre Orchideen und bezieht für den Tag der Rückkehr die Betten. Bis zur Unfallstelle sind es 270 Kilometer.

Wann genau der 79-jährige Karl Brunner, daheim im Landkreis Passau, in seinen blauen Audi steigt und welches Ziel er hat, vermag heute niemand mehr zu sagen, was auch daran liegt, dass Brunner unverheiratet ist, kinderlos und viel allein. Vermutlich will er das gute Wetter nutzen und den kurzen Weg zum Fluss nehmen, an dem er häufig sitzt und angelt. Oder einen Gasthof ansteuern, wie Wochen zuvor, als er beim Ausparken einen Zaun rammte, was die Polizei für eine Bagatelle hielt. Sicher ist nur: Neben ihm im Wagen sitzt seine greise Schwester Anne. Von Brunners Zuhause bis zur Unfallstelle sind es 20 Kilometer.

Laut Polizeibericht ist es 11.31 Uhr, als Brunner an der Auffahrt Pocking auf die falsche Spur gerät. Warum? Symmetrisch schön wie eine Schleife liegt die Auffahrt zwischen flachen Feldern, nichts verbaut den Blick. Bemerkenswert an diesem Ort ist nur, dass die bayerische Regierung Falschfahrer-Tafeln aufgestellt hat, wie sie aus Österreich bekannt sind: eine schwarze Hand auf gelbem Grund, dazu die Wörter "Stop" und "Falsch". Wie konnte Brunner sich vertun?

Die größte Gruppe unter den Falschfahrern sind Menschen ab 75

Laut Forschern ist die Hälfte aller Geisterfahrer absichtlich unterwegs, Selbstmörder und auch Sensationssucher, die sich zu einer Mutprobe hinreißen lassen, häufig nachts. Die andere Hälfte gerät durch einen Irrtum auf die falsche Spur, eher tagsüber. Unter den Falschfahrern stellen Menschen, die 75 Jahre oder älter sind, inzwischen die größte Gruppe. Ihr Anteil ist dreimal so hoch wie der Anteil der 35- bis 45-Jährigen. Oft reicht eine Abweichung vom Alltäglichen, eine kleine Ablenkung. Hektik durch das Hupen eines Ungeduldigen. Oder die spontane Bitte eines Beifahrers: "Lass uns schnell noch Kuchen kaufen."

Als Brunner auf die falsche Spur gerät, so mutmaßt die Polizei, wird er augenblicklich Opfer antrainierter Reflexe: Weil Autofahrer, die einander begegnen, intuitiv nach rechts ausweichen, ist Brunner schnell an der Mittelleitplanke gefangen.

Einige Kilometer weiter nördlich hat das Ehepaar Mager in dem Moment noch das wohlige Gefühl, wie geplant voranzukommen. Die beiden sind absichtlich an einem Sonntag unterwegs, weil dann keine Laster auf der Straße sind. Die Autobahn ist zweispurig, die Magers fahren rechts, in ihrem Rücken rollt der Wohnwagen mit seinem Gewicht von 1,2 Tonnen, im Radio läuft Bayern 1, ein Livekonzert von Alphornbläsern aus dem Allgäu. Hinter den Magers nähern sich die Brechts und schließen langsam auf.

Um 11.34 Uhr zerreißt die Fanfare des Verkehrsfunks das Alphornkonzert. Die Magers hören die Worte: "Achtung, Autofahrer! Auf der A 3 Nürnberg–Linz kommt Ihnen zwischen Suben und Passau-Mitte ein Geisterfahrer entgegen. Bitte fahren Sie in beiden Richtungen äußerst vorsichtig. Fahren Sie nicht nebeneinander, und überholen Sie nicht. Ich wiederhole ..."

Die Magers brauchen einige Sekunden, um zu begreifen. Dann sagt er zu ihr: "Das ist genau bei uns." Eckhard Mager bremst ab auf 80 Stundenkilometer. Von hinten rücken die Brechts heran, mit 120.

In den folgenden Minuten passiert so viel so schnell, dass sich die Zeit in der Erinnerung der Zeugen ins Unendliche dehnt. Zeitlupenlangsam und zugleich rasend schnell rauschen mehrere Wagen knapp an Brunners blauem Audi vorbei, der aus dem Nichts vor ihnen auf der linken Spur auftaucht, wie ein gehetztes Tier an die Leitplanke gepresst. Der alte Mann muss Todesangst haben. Er kann nicht wenden, zu viele Autos, Kleinbusse, Wohnwagen kommen ihm entgegen. Unfallforscher werden später errechnen, dass Brunner zwölf Kilometer vorangekrochen ist, mit Tempo 50. Wollte er es bis zur nächsten Ausfahrt schaffen?

An der Grenze zu Österreich haben zwei Zivilfahnder der Polizei die Warnung gehört, eigentlich sollen sie Schmuggler aufspüren, jetzt hetzen sie – auf der richtigen Fahrbahn, auf der anderen Seite des Mittelstreifens – dem Falschfahrer hinterher, um zu ihm aufzuschließen, ihn mit Blaulicht und Sirene irgendwie zu stoppen. Sie können bis heute nicht sagen, was sie genau hätten tun können, ihre Fahrt ist getrieben von Verzweiflung.

Die beiden Polizisten jagen den Irrläufer des Verkehrszeitalters, kaum jemand macht Autofahrern mehr Angst. Jahr für Jahr wird in Deutschland 1.800-mal vor Geisterfahrern gewarnt, das sind fünf pro Tag. Manchen gelingt es zu wenden, viele verschwinden spurlos. Um die 500 bekommt die Polizei jedes Jahr zu fassen, auf sie beziehen sich alle Erkenntnisse.

Als die Polizisten bis auf einen Kilometer an Brunner herangerückt sind, sieht Eckhard Mager ihn kommen, sieht Ralph Brecht vor sich den Wohnwagen der Magers, sieht Mager im Rückspiegel, wie der Opel der Brechts zum Überholen ansetzt, hört Elfriede Mager ihren Mann rufen: "Gleich knallt’s!"

Die Magers sehen, wie sich links vor ihnen zwei Autos verformen, als seien sie aus Papier, hören Airbags explodieren, beobachten, wie zwei ineinander verkeilte Metallklumpen 60 Meter in Fahrtrichtung über die Autobahn kreiseln, als sei die Straße aus Eis, ehe das, was gerade noch der Wagen der Brechts gewesen ist, sich zweimal überschlägt und auf der Seite liegen bleibt, ein regloser Karosseriekadaver am rechten Straßenrand. Brunners zerquetschter Audi links an der Leitplanke.

Die beiden Polizisten auf der Gegenfahrbahn erblicken nur eine Staubwolke und wissen: Sie sind zu spät.

Eckhard Mager bremst, Auto und Wohnwagen kommen zwischen den Unfallwracks zum Stehen. Bis heute sieht Elfriede Mager ihre rechte Hand nach dem Handy greifen. Um 11.42 Uhr wird bei der Polizei ihr Notruf aufgezeichnet. Erster Satz: "Es ist was Furchtbares passiert." Eckhard Mager springt aus seinem Auto. Später wird ihm die Szenerie wie ein Tauchgang erscheinen: Es ist so still, der Ton zu leise für das Bild. Mager sieht eine Brille auf der Straße, eine Uhr. Er rennt zu Brunners Audi, sieht dort einen kräftigen grauhaarigen Mann im kurzärmligen Hemd, Kopf auf dem Lenkrad. Mager tippt ihm auf die Schulter, Brunner nuschelt etwas Unverständliches. Neben ihm still die Schwester. Mager läuft hinüber zum Opel der Brechts. Ralph Brecht hängt tot im Anschnallgurt. Unter ihm klemmt Gerd Brose, lebendig, und blickt mit angststarren Augen zu Mager hinauf. Seine linke Hand ist fast ganz vom Arm abgerissen. Die beiden Frauen auf der Rückbank kann Mager nicht sehen, ihm bleibt der Anblick Eva Lohmanns erspart, die wie eine weggeworfene Puppe im hinteren Teil des Wagens liegt. Später werden Chirurgen bei ihr mehr als 20 Brüche zählen, in Oberschenkel, Hals, Wirbelsäule, Armen und Brustkorb.

"Bitte sorgen Sie dafür, dass diese Horrorfahrten ein Ende haben!"

Elfriede Mager holt Verbandszeug aus dem Wohnwagen, aber sie kommt nicht an Gerd Brose, den Mann mit dem heftig blutenden Arm, heran. Immer wieder stammelt sie zwei hilflose Fragen in die Stille: "Geht es Ihnen gut? Kann ich Ihnen helfen?"

Hinter ihrem Wohnwagen bildet sich ein Stau.

Ein knappes Jahr später sitzen die Magers in ihrem Haus in Lichtenfels. Bald steht die nächste Sommerreise an, doch die Magers erzählen stockend von ihrer letzten, als seien sie eben erst aus einem Albtraum erwacht, alle Bilder noch genau vor Augen.

Nach wie vor erschrickt Elfriede Mager, "dass uns nur eine Sekunde vom Tod getrennt hat", der dann jemand anderen traf. In ihrer Stimme konkurrieren Dankbarkeit und Scham, ihr Mann grübelt und rechnet: Wenn er etwas schneller gefahren wäre, hätte Brecht dann nicht überholt? Und wenn er langsamer gefahren wäre: Wäre Brecht dann noch an ihm vorbeigekommen, bevor Brunner da war?

Die beiden fühlen sich mitschuldig an einem Unfall, den sie nicht zu verantworten haben. Sie haben Briefe an die örtliche Bundestagsabgeordnete und an den Verkehrsminister geschickt, in denen sie schreiben, es gebe "nichts Schrecklicheres, als schwerstverletzten Menschen nicht helfen zu können, weil unsere bloßen Hände nicht in der Lage waren, durch die verbeulten Bleche Blutungen zu stillen und den Sterbenden Trost zu spenden". Ihre Sätze gleichen Hilferufen: "Sehr geehrter Herr Minister, bitte sorgen Sie dafür, dass diese Horrorfahrten ein Ende haben!"

Folgt man den Briefen der Magers, entfernt sich das Augenmerk dieser Geschichte für einen Moment vom Geschehen auf Autobahnkilometer 613,200 bei Passau und wendet sich einem Schreibtisch in der Invalidenstraße in Berlin zu. In einem Büro im ersten Stock des Bundesverkehrsministeriums treffen die Gefühle der Überlebenden auf die Gesetzmäßigkeiten der Politik. Am Tisch sitzt ein hochrangiger, wortmächtiger Beamter, flankiert von einem persönlichen Referenten sowie einem Pressesprecher – der später darum bitten wird, keine Namen zu nennen und seinen Chef stets mit "heißt es im Bundesverkehrsministerium" zu zitieren.

Der namenlose Mächtige nimmt einen roten Stift zur Hand. Vor ihm liegt ein leeres Blatt.

Deutschland hat das viertgrößte Autobahnnetz der Welt, 12.917 Kilometer, engmaschig verflochten durch 138 Autobahnkreuze, 97 Autobahndreiecke und mehr als 2.100 "Autobahnanschlussstellen" wie die in Pocking. Wie all das sichern?

Mit seinem roten Stift zeichnet der Mann Kurven aufs Papier, die sich zu einer Autobahnauffahrt fügen. Er strichelt Funkwellen aufs Blatt. Begriffe wie "Vernetzung" und "autonomes Fahren" fallen. Das fertige Bild skizziert eine sehr deutsche Lösung: Sensoren sollen Falschfahrer erfassen, Alarm auslösen und Notsignale auf jedes Navigationsgerät in der Umgebung senden. Auf Schilderbrücken, die sich über Autobahnen spannen, werden Warnungen aufleuchten und den Verkehr zum Stehen bringen. "Straße kann mehr als Asphalt und Beton", heißt es im Bundesverkehrsministerium. Nur werde es noch Jahre dauern, bis alles funktioniere. Oder ein Jahrzehnt.

Der Vortrag des Namenlosen, er ist ein Lehrstück über Ängstlichkeit in der Politik: konkret werden nur da, wo die Zukunft Lösungen verspricht. Vage bleiben dort, wo die Gegenwart Probleme macht. Zum Beispiel bei der Frage, wie man im Jahr 2015 jemandem helfen kann, der wie Karl Brunner mit dem Autofahren überfordert ist, ganz gleich, ob auf Autobahnen, in der Stadt oder nur beim Ausparken auf einem Restaurantparkplatz.

Wer bekommt hierzulande etwas davon mit, wenn ein 30-Jähriger zu eitel ist, sich eine Brille zuzulegen, die er am Lenkrad längst bräuchte? Muss nicht ein 40-Jähriger schon zugeben, dass ihn Nachtfahrten bei Regen mehr anstrengen als früher? Wenn ein Rentner von verschiedenen Ärzten unterschiedliche Medikamente verschrieben bekommt – wer überblickt dann die Nebenwirkungen? Und was ist, wenn ein Punkt erreicht ist, an dem körperliche Einbußen nicht mehr durch Erfahrung auszugleichen sind?

All diese Fragen lassen sich zu einer einzigen bündeln: Was spräche gegen einen regelmäßigen Gesundheits-Check aller deutschen Autofahrer? Unabhängig vom Alter, bei einem Amtsarzt. Und sei es nur, um Feststellungen wie diese zu treffen: "Es ist höchste Zeit für eine neue Brille."

Nach der Bundestagswahl 2013 hatten Politiker von CDU, CSU und SPD diese Option in den Koalitionsverhandlungen kurz besprochen und wieder fallen lassen. Weil im Land, in dem das Auto erfunden wurde und die Autobahn noch dazu, jede Reglementierung "politischer Selbstmord" wäre, berichtet einer der Teilnehmer.

Im Bundesverkehrsministerium will man sich dazu nur mit dem Satz zitieren lassen: "Wir setzen auf Freiwilligkeit."

Viele Familien kennen das Dilemma, das sich daraus ergibt. Kinder müssen auf ihre Eltern einreden oder sie bei Behörden denunzieren, die aber auf Verdacht kaum tätig werden können. Auch Deutschlands Ärzte sind in einem Konflikt gefangen. Ob sie leichte Sehschwäche, schwere Depressionen oder fortgeschrittene Demenz diagnostizieren: Nach aktueller Rechtslage können sie ihren Patienten nur gut zureden, das Auto stehen zu lassen – die Schweigepflicht verbietet es, Angehörige oder Ämter zu informieren. Das Problem erlebe jeder Kollege "mehr oder weniger täglich in seiner Praxis", heißt es beim Berufsverband der Augenärzte. Auch klare Worte an den Patienten sind heikel, kein Arzt möchte das Vertrauensverhältnis zerstören. Und wer die Schweigepflicht bricht, riskiert laut Strafgesetzbuch bis zu ein Jahr Haft. Ausnahme: akute, "gegenwärtige" Gefahr für das Leben anderer. Bedeutet: Es droht ein Unfall, wenn der Patient jetzt in sein Auto steigt. Nicht vielleicht. Nicht nächste Woche.

Damit liegt die Verantwortung wieder bei den 56 Millionen Einzelnen, die in Deutschland einen Führerschein besitzen. Doch wann ist eine Entscheidung besser beim Gesetzgeber aufgehoben und wann beim Bürger?

Der Fahrer wird seinem eigenen Urteilsvermögen überlassen

Es ist verblüffend: Eigentlich ist Deutschland ein Staat voller Regeln und Richtlinien. Buchstaben auf Lebensmitteletiketten müssen mindestens 1,2 Millimeter groß sein. Im Rathaus darf nur der Bürgermeister mit grüner Tinte schreiben. Auf Bahnhöfen trennen gelbe Demarkationslinien Raucher und Nichtraucher. Immissionsschutzgesetze stellen das private Verbrennen von Herbstlaub unter Strafe, allenfalls "Traditionsfeuer" sind erlaubt. "Walnusssämlingsbäume" müssen in vier Meter Abstand zum Nachbargrundstück gepflanzt werden, bei "Kernobstbäumen" sind zwei Meter gestattet. Taucher stellen sich alle zwei Jahre einer "Tauglichkeitsuntersuchung", Hobbypiloten lassen sich regelmäßig von einem "amtlich anerkannten Flugmedizinischen Sachverständigen" begutachten.

Dagegen sind Deutschlands Straßen: Wildnis. Auf den Autobahnen gibt es kein generelles Tempolimit. Ob ein Motor drei oder dreißig Liter Benzin verbrennt, dazu findet sich nichts in den Immissionsschutzgesetzen. Und nach dem amtlichen Sehtest zur Führerscheinprüfung, meist im Alter von 17 oder 18 Jahren abgelegt, wird der Fahrer seinem eigenen Urteilsvermögen überlassen. Bis an sein Lebensende bleibt er sein eigener Prüfer.

War es diese grenzenlose Freiheit – und nicht eine einzelne Autobahnauffahrt –, in der sich Karl Brunner verirrte? War er krank geworden, ohne dass es jemand bemerkte, womöglich nicht mal er selbst? Oder war er mittlerweile einfach zu langsam für das Tempo, in dem ein Autofahrer Entscheidungen fällen muss?

Karl Brunner wird sich nicht mehr erklären können. Wird sich nicht mehr wehren können gegen das, was andere über ihn erzählen. Als die Rettungswagen eintreffen, schwebt er schon zwischen Leben und Tod. Ein Feuerwehrmann hört den alten Mann noch etwas murmeln, das wie "Ich wollte bloß nach Pocking" klingt – dort war Brunner auf die Autobahn gefahren. Einen Suizid schließen die Ermittler deshalb aus.

Karl Brunner stirbt in einem Notarztwagen. Im Polizeibericht findet sich hinter seinem Namen der Vermerk "Verletzungsgrad: getötet".

Das Ehepaar Mager ist nach einigen einsamen Minuten im Chaos nicht mehr allein, sondern umgeben von Sanitätern und Feuerwehrleuten, die mit riesigem Chirurgenbesteck Metall, Glas und Mensch zu trennen versuchen. Die Stille weicht Sirenen, Schritten, Schreien. Brechts Frau Silke muss zweimal wiederbelebt werden, Brunners Schwester Anne fällt ins Koma, ein Trupp von Vermessungstechnikern trifft ein, der Staatsanwalt, ein Pfarrer, ein erster Leichenwagen. Auf der Straße sehen die Magers aufgesprungene Koffer, darin Utensilien für einen Urlaub: Wanderschuhe, Pullover, Tabletten. Eine Polizeipsychologin fragt, ob sie Hilfe brauchen.

Vier Rettungshubschrauber landen, starten und streben sternförmig auseinander. Brunners Schwester Anne wird nach Linz geflogen, Brechts Frau Silke nach Straubing, ihr Vater Gerd mit der abgerissenen Hand nach Regensburg. Eva Lohmann, die Frau mit den 20 Brüchen, kommt nach Passau. Eine einzige Klinik, erinnern sich Sanitäter, die damals vor Ort waren, hätte nicht genug Personal, um vier derart Schwerstverletzte gleichzeitig retten zu können.

Zwei Stunden nach dem Crash bittet ein Polizist die Magers, aufzubrechen. Ihr Wohnwagen steht den Aufräumarbeiten im Weg. Die Magers fahren los. Vor ihnen liegt eine gespenstisch leere Autobahn.

Am Nachmittag wundert sich die Tochter der Brechts, warum sich ihre Eltern nicht melden. Sie rufen immer an, sobald sie angekommen sind. Warum dieses Mal nicht? Tina Brecht ist das einzige Kind der Brechts, 31 Jahre alt und verheiratet. Sie hat einen vierjährigen Sohn, vor wenigen Wochen hat sie ein zweites Kind zur Welt gebracht. Als sie die Nummer ihrer Mutter wählt, ist sie mit den Kindern draußen, das Wetter ist ja so schön, 28 bis 31 Grad. 270 Kilometer weiter südlich klingelt im Fahrzeugwrack ihrer Eltern ein Handy. Tina Brecht hört ein Tuten. Sie wartet. Dann legt sie auf.

Tina Brechts Tante versucht es bei der Pension in Österreich. Die Wirtin sagt, mehrere Gäste hätten bei ihr angerufen: "Da ist ein Riesenstau bei Passau. Die kommen bestimmt später."

Tina Brecht wählt wieder die Nummer ihrer Mutter, legt wieder auf. Beim nächsten Versuch meldet sich eine unbekannte Stimme. Es ist ein Polizist.

Wie aufs Auto verzichten, wenn der ganze Alltag darauf abgestimmt ist?

Falls es den Begriff "Unfallopfer zweiten Grades" noch nicht gibt, muss er für Tina Brecht erfunden werden. Die Nachrichten treffen die Tochter wie ein Frontalaufprall. Der Vater tot, Mutter und Großvater in akuter Lebensgefahr.

Bis heute versucht Tina Brecht, dem Schrecken eine Struktur zu geben. Wer sie trifft, begegnet einer jungen Frau, die bemüht kühl berichtet. Die Verletzungen ihrer Verwandten zählt sie "von oben nach unten" auf: Brustkorb zersplittert, Darm gerissen, Bauchspeicheldrüse gequetscht bei der Mutter; Hirnblutung, Wirbelsäulenbruch, zusammengefallene Lunge und die fast abgetrennte Hand beim Großvater. Die Stunden und Tage nach dem Unfall beschreibt die junge Frau als Abarbeiten von Anfragen, die fremde Ärzte, fremde Polizisten, fremde Bestatter an sie richten: "Nimmt Ihre Mutter regelmäßig Medikamente?", "Wo sind Ihre Eltern versichert?", "Wissen Sie, wie Ihr Vater beerdigt werden wollte?", "Gibt es ein Familiengrab?", "Wann können Sie die Wertsachen Ihrer Eltern abholen?".

Auch ihr Sohn hat eine Frage: "Bringt der Rettungshubschrauber einen direkt in den Himmel?"

Am Morgen nach dem Unfall stirbt Karl Brunners Schwester. Tina Brecht fährt nach Passau, holt bei der Polizei Personalausweise und Portemonnaies ihrer Mutter und ihres Vaters ab, muss weiter in die Halle eines Abschleppunternehmers, um die Koffer einzusammeln, und sieht dort das Wrack des Autos ihrer Eltern, seltsam einträchtig neben Brunners zerquetschtem Audi. Im Straubinger Krankenhaus besucht sie ihre Mutter, die fünf Tage später aus dem Koma erwacht. Ein Luftröhrenschnitt hindert sie am Sprechen. Insgeheim ist die Tochter froh, dass nur sie reden und so die Gespräche steuern kann.

"Geht es dir besser, Mama?"

Kopfschütteln.

"Soll ich morgen wiederkommen?"

Nicken.

Ihren Vater lässt die Tochter nicht sofort beerdigen, sondern einäschern und die Urne beim Bestatter lagern – in der Hoffnung, dass ihre Mutter bei einem späteren Begräbnis mit dabei sein kann.

Vier Wochen nach dem Unfall legen die Ärzte der Mutter eine Stimmprothese auf den Kehlkopf, eine Membran, mit der die Frage möglich wird, vor der die Tochter sich am meisten fürchtet. Tina Brecht sieht ihre Mutter und hört eine fremde metallische Stimme: "Wie geht’s dem Papa?"

Heute sagt Tina Brecht, manchmal habe sie in all dem Unglück Mühe gehabt, auch Karl Brunner als Opfer zu sehen. Sie hätte gern gewusst: "Warum fuhr der noch Auto?"

Das ist eine Frage, auf die Forscher anders antworten als Politiker. Weil für Psychologen und Soziologen spannend ist, was den namenlosen Mann im Verkehrsministerium bei jedem falschen Wort Stimmen kosten könnte: Zwei große Wählergruppen – Autofahrer und Alte – werden demografisch deckungsgleich.

Derzeit kommt die Wirtschaftswunder-Generation ins hohe Alter: Menschen, deren Bindung zum Auto besonders eng ist. Die erste Kohorte, deren Mitglieder "durchmotorisierte Mobilitätsbiografien" haben, wie Verkehrssoziologen sagen. Und womöglich die letzte Generation, für die das Auto größtes Statussymbol ist, scheckheftgepflegtes Freiheitsversprechen, ein Mobilitätsgarant, der mit jeder körperlichen Einschränkung noch an Bedeutung gewinnt.

Während Jüngere sich dem öffentlichen Nahverkehr zuwenden oder Autos nur noch leihen, ist die Generation der über 60-Jährigen die einzige, in der der Anteil der Autofahrer immer weiter zunimmt – weil jetzt die ersten Jahrgänge altern, in denen nahezu jeder Mann und jede Frau einen Führerschein besitzt. Der beste Kunde der Autokonzerne, das ist nicht der junge, dreitagebärtige Familienvater, wie ihn die Werbung zeigt. Auch nicht das frisch verliebte Paar mit Schlafsack im Kofferraum und Surfbrett auf dem Dach. Wer sich heute einen Neuwagen kauft, ist im Schnitt 52 Jahre alt, jeder Dritte ist älter als 60. Und je gesetzter der Käufer, desto gediegener die Marke.

Einige von ihnen sind Gefangene ihrer eigenen Geschichte, in der ein Haus im Grünen das größte Glücksversprechen war – und in der nun der nächste Briefkasten, der nächste Supermarkt, die nächste Kneipe Kilometer entfernt sind. Und die eigenen Kinder oft Welten. Das Zeitalter der Zersiedelung bringt auch Vereinzelung mit sich. Wie aufs Auto verzichten, wenn der ganze Alltag darauf abgestimmt ist? Undenkbar, zumal jetzt, da die Hersteller mit Einparkhilfen, Spurhalteassistenten und Abstandradarsystemen suggerieren, alles sei möglich.

Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die das Autofahren aufgeben, schneller pflegebedürftig werden. Britischen Wissenschaftlern zufolge bekommen sie häufiger Depressionen.

Der Pfarrer, der am Unfallort die Totengebete für Ralph Brecht und Karl Brunner sprach, nennt noch einen weiteren Grund dafür, am eigenen Auto festzuhalten: Wer sich auf dem Dorf ein Taxi kommen lasse, stehe bei Nachbarn bald in Verdacht, er habe "seinen Führerschein versoffen".

Die Liebe der Deutschen zum Auto, bis dass der Tod sie scheidet – sie spiegelt sich auch in Unfallzahlen wider, die je nach Alter, Lebensweise und Geschäftsinteresse unterschiedlich gedeutet werden: Dem Statistischen Bundesamt zufolge stellen Menschen über 65 Jahre 21 Prozent der Bevölkerung, sind aber nur für 14 Prozent aller "Unfälle mit Personenschaden" verantwortlich. Für den ADAC der Beweis, dass junge, ungestüme Männer die gefährlichsten Autofahrer sind. Was der Verband mit seinen eher alten Mitgliedern verschweigt: Senioren fahren kürzere Strecken, ihr Unfallrisiko pro Kilometer ist besonders hoch. Sind Menschen ab 75 in einen Autounfall verwickelt, tragen sie in drei Vierteln der Fälle die Hauptschuld.

Warum ist das so? Und woran ließe sich Überforderung, sperrig "Fahruntauglichkeit" genannt, erkennen? Diese Fragen, um die der Staat sich drückt, haben kürzlich Verkehrsforscher der Technischen Universität Dresden zu beantworten versucht, indem sie sich das Fahrverhalten der Alten anschauten. Ihre Studie ist nicht repräsentativ, weil sich kaum Freiwillige ab 75 fanden, die sich testen lassen wollten. Von denen, die doch mitmachten, erfüllten 40 Prozent nicht mehr die Mindestanforderungen an die Sehschärfe und bräuchten eine stärkere Brille. Auch war ihr Gesichtsfeld um 30 Grad enger als bei Erwachsenen in mittleren Jahren. Und beim Rechtsabbiegen verzichteten alle auf den Schulterblick. Was die Forscher am meisten überraschte: Sie hatten geglaubt, die Senioren würden längere Reaktionszeiten durch langsameres Fahren kompensieren. Ein Irrtum.

Legt man die Kennzahlen von Karl Brunners Irrfahrt wie eine Schablone über statistische Datensätze, deckt sich das scheinbar willkürliche Ereignis auf gespenstische Weise mit Erkenntnissen aus der Unfallforschung. Die Uhrzeit, das Zustandekommen, sogar dass Brunner einen Wagen eines sogenannten Premiumherstellers fuhr: Nichts ist Zufall.

Laut Statistischem Bundesamt verunglücken alte Autofahrer am häufigsten zwischen elf und zwölf Uhr, weil sie vor allem am späten Vormittag unterwegs sind. Karl Brunner bog um halb zwölf falsch auf die Autobahn.

Das Freiheitsversprechen ewiger Automobilität

Häufigste Unfallursache bei Senioren sind "Vorfahrtsfehler" und Irrtümer beim "Abbiegen, Wenden, Ein- und Anfahren".

Ein willkürlicher Blick ins Archiv der bayerischen Polizei: In Waltenhofen fährt eine 86-Jährige falsch auf die A 980. Am Wörthsee gerät ein 76-Jähriger falsch auf die A 96 und schlängelt sich 20 Kilometer durch den Gegenverkehr. Bei Bad Staffelstein rast ein 82-jähriger Falschfahrer auf der A 73 in den Wagen einer jungen Frau, beide kommen mit dem Schrecken davon. Bei Memmingen streift eine 75-jährige Geisterfahrerin auf der A 96 in einem Tunnel ein Auto. Wenige Tage nach Brunners Irrtum wird an derselben Auffahrt ein 82-Jähriger zum Falschfahrer.

In der Schweiz hat die Regierung vor 40 Jahren einen Gesundheitstest eingeführt. Nicht nur für alte Autofahrer, sondern auch für junge, die eine schwere Krankheit oder eine Operation hinter sich haben. Ein Arzt prüft Reflexe und Hörvermögen, Farbsinn und Gesichtsfeld, Augen und Atmung, Puls und Blutdruck. Das dauert 20 Minuten.

In Italien müssen Autofahrer alle fünf Jahre zum Arzt, sobald sie 50 sind, mit den Jahren verdichtet sich der Takt. Dazu plant die Regierung ein Verbot schwerer SUVs für Fahrer über 80. Sie sollen künftig Kleinwagen fahren, wie Anfänger bis 21.

In den Niederlanden stellt sich, wer über 75 ist, regelmäßig einer Untersuchung. Beweglichkeit von Armen und Beinen, Blutdruck, dazu Urinprobe und Sehtest. Eine Viertelstunde, eine Selbstverständlichkeit.

Schweiz, Italien, Niederlande. Drei Länder, in denen man Lebensqualität nicht allein in Hubraum bemisst. In denen ein Kratzer im Lack nicht gleich zum Abbruch nachbarschaftlicher Beziehungen führt.

Es mag erstaunen: Europa ringt um seine gemeinsame Währung, doch Verkehrspolitik ist nationales Kulturgut. Jedes Land hat seine eigene Maut, sein eigenes Tempolimit und seine eigenen Regeln für alte Autofahrer. Eine Studie aus den Vereinigten Staaten besagt, dass es in Ländern mit regelmäßigen Sehtests zwölf Prozent weniger tödliche Unfälle von Senioren gebe.

Zwölf Prozent. Ist das viel? Ist das wenig? Es ist eine abstrakte Zahl, die für konkrete Leben steht.

Aber darf man einem Menschen den Führerschein entziehen – nicht weil er einen Unfall hatte, sondern demnächst einen haben könnte? Andererseits: Bis zu welchem Punkt ist es legitim, für die automobile Autarkie des einen den Tod eines anderen in Kauf zu nehmen?

Ein Dilemma, über das man reden könnte. Auch über Ideen wie ein Fahrtraining für Senioren. Über Sammeltaxen. Über mehr Bänke an Bahnhöfen. Über mehr Busse auf dem Land. Ebenso über die mangelnde Bereitschaft vieler Alter, eine Bahnfahrt überhaupt in Betracht zu ziehen. Eine solche Politik würde Geld oder Stimmen kosten. Im Bundesverkehrsministerium bleibt der Namenlose dabei: "Alter ist bewiesenermaßen kein Indikator dafür, dass jemand schlechter Auto fährt."

So, wie es für US-Präsident Barack Obama selbst nach Amokläufen unmöglich ist, den Amerikanern ihr Recht auf eine eigene Waffe auszureden, so undenkbar ist es für deutsche Politiker, den Bürgern das Freiheitsversprechen ewiger Automobilität zu rauben.

Wochen nach dem Unfall bei Passau verschlechtert sich der Zustand von Tina Brechts Mutter Silke. Teile ihres Darms sterben ab, ihre Bauchspeicheldrüse arbeitet nicht mehr. Chirurgen setzen ihr einen Herzschrittmacher ein, damit sie die nächsten Operationen übersteht.

Silke Brecht stirbt am 4. Oktober an Organversagen, an ihrem eigenen zerfallenden Körper, 55 Tage nach dem Unfall. Nach ihrem Mann Ralph, dem Falschfahrer Karl Brunner und dessen Schwester ist sie das vierte Opfer.

Ihre Nachbarin Eva Lohmann, die alte Frau, die freiwillig ihren Führerschein abgab, hört am 5. November auf zu atmen, 87 Tage nach dem Unfall. Meist hatte sie stumm im Klinikbett gelegen. Einmal schrie sie gellend nach ihrem Mann, der vor Jahren schon gestorben war. Oft saß ihre Enkelin, eine junge Grundschullehrerin, neben ihr, spielte Gitarre und sang Eva Lohmanns Lieblingslieder aus dem Kirchenchor.

Gerd Brose, der Mann mit der abgerissenen Hand, ist da immer noch im Krankenhaus.

270 Kilometer nördlich der Unfallstelle, in dem abgelegenen Dorf bei Bayreuth, aus dem die Brechts im Sommer aufgebrochen waren, folgt im Herbst Gottesdienst auf Trauerfeier, singt der Chor, in dem Eva Lohmanns Stimme fehlt, häufen sich Kränze in der Kirche und auf dem Friedhof. Zwischen den Trauernden steht Tina Brecht, nun eine Waise. Wenn es dämmert und im Dorf die Lichter angehen, bleibt ihr Elternhaus dunkel wie ein Schwarzes Loch. Der Schlafanzug des Vaters liegt gefaltet auf dem Bett. Das Wasserglas der Mutter steht noch am Computer.

"Es sieht so aus, als ob sie immer noch im Urlaub sind und bald heimkommen", sagt die Tochter. Ein Jahr nach dem Unglück liegen die Koffer der Eltern noch im Flur, genau da, wo Tina Brecht sie am Tag nach dem Unfall abgestellt hat. Sie hat eine Freundin gebeten, jedes Zimmer zu fotografieren. Eine Nachbarin gießt wöchentlich die Orchideen.

Und Karl Brunner? Wer kannte ihn? Wie lebte er? Was bleibt über ihn zu berichten?

Die Fragen führen in eine Kleinstadt nahe der Autobahnauffahrt. Brunner war unverheiratet und kinderlos, wie schon bekannt. Soll als Schlosser gearbeitet haben. Fuhr zunächst Simca, dann Renault und Volkswagen, zuletzt Audi. Ein leidenschaftlicher Angler. Ein wuchtiger Mann. Knieprobleme. Operationen.

Die Adresse im Telefonbuch weist zu einem verblichenen Haus. Zugezogene Gardinen. Im Garten Obstbäume in Moosmänteln. Eine Doppelgarage. Brunners Haus steht an einer viel befahrenen Kreuzung mitten im Ort. Es sind 50 Meter zum nächsten Paketshop, 100 Meter zum Friseur, 150 Meter zum Supermarkt, 200 Meter zum Bahnhof. Allerdings gibt es an der Kreuzung keine Ampel, nirgends einen Zebrastreifen. Brunner lebte in einer vom Autoverkehr zerschnittenen Welt, so raumgreifend erobert, dass in seinem eigenen Vorgarten ein Verkehrsschild steht, das in Richtung Bahnhof weist.

Am Gartentor wartet ein Mann Mitte fünfzig. Der Neffe. "Ja, der Onkel", sagt er. Hätte wohl bald einen Rollator gebraucht.

Die Straße vor Brunners Haus: zu Fuß, im Trippeltempo, kaum mehr zu überqueren. Die 150 Meter zum Supermarkt: viel weiter als vor zehn Jahren. Der Fluss, die Freunde: ohne Auto unerreichbar. In seinem Auto hatte Brunner keine Gelenkschmerzen. Sein Auto funktionierte wie eine Zeit- und Raumkapsel, es machte ihn stärker und jünger. Für Brunner muss es eine lebenserhaltende Maßnahme gewesen sein. Bis zum 10. August 2014.

Schwerhörig sei der Onkel übrigens auch gewesen, sagt der Neffe. Immer viel zu lange im ersten Gang gefahren, mit jaulendem Motor durch die Stadt, zweimal war die Kupplung kaputt.

"Onkel, kauf dir ’n Automatik, hab ich gesagt", erzählt der Neffe. Nicht: "Onkel, ich fahr dich." Dafür gab es zu viel Ärger. Karl Brunner wohnte mit seiner Schwester Anne im Haus vorn an der Straße. In einem Bungalow hinten auf dem Grundstück er, der Neffe, und Brunners Schwägerin. Immer gab es Streit um irgendwas, zuletzt um die Macken, die Brunner beim Ausparken ins Haus fuhr, in den Familienbesitz. Der Neffe verweist auf blaue Schrammen im Putz. Kopfschütteln. Zwei Jahre zuvor war schon sein eigener Vater bei tief stehender Sonne in ein parkendes Auto geknallt.

"Mir tun die anderen leid", sagt der Neffe. "Die hätte man schützen müssen."

Ein Haus an einer Straße. Eine Stadt, der es an Ampeln fehlt. Eine zerfallende Familie. Und ein Angehöriger, überfordert mit der Verantwortung, vor der die Politik zurückschreckt. Eine Konstellation, in der das Unglück möglich wurde. Eine Konstellation, wie es sie millionenfach gibt. In jedem Ort, in jeder Straße. Nicht nur Raserei, kaputte Bremsen oder Trunkenheit können ein Unfallgrund sein. Auch Einsamkeit am Steuer.

"War wohl Schicksal", sagt der Neffe.

Zu diesem Schicksal gehört, dass Elfriede Mager der Schweiß ausbricht, wann immer ihr Mann auf der Autobahn zum Überholen ansetzt, obwohl sie jetzt Blutdrucksenker nimmt.

Dass der alte Gerd Brose als Einziger im Auto der Brechts überlebt hat, aber bis heute kein Wort über den Unfall spricht, nicht fragt, wo all die anderen geblieben sind, nachts die Hände vors Gesicht schlägt, tags stumm Tee trinkt, dann verblüfft in seine leere Tasse schaut und murmelt: "Habe ich den jetzt getrunken?"

Dass Tina Brecht ihre Eltern nur langsam sterben lässt, Kleiderschränke nicht anrührt, Versicherungen verlängert, im leeren Haus die Heizung laufen lässt.

Dass ihr vierjähriger Sohn, wann immer sie in ein Auto steigt, jetzt fragt: "Kommst du auch wieder?"

Und dass Eckhard Mager sich geschworen hat, regelmäßig zum Arzt zu gehen, sobald er 70 ist. Er will seine Augen und Ohren prüfen und die Reflexe testen lassen. Aber er fürchtet sich schon vor dem eigenem Altersstarrsinn.

Mitarbeit: Birgit Schönau